«Kein Kind sollte das erleben»
Als Baby geraubt – 50 Jahre später findet er seine Mutter

Santosh Ritter wurde als Baby seiner Mutter in Indien weggenommen und zur Adoption in die Schweiz gebracht. 50 Jahre später ist er Schweiz-CEO einer global tätigen Tech-Firma – und findet sie endlich.
«Kein Kind sollte erleben, was ich erlebt habe», sagt Santosh Ritter heute.
Foto: Vera Hartmann
otto_hostettler.jpg
Otto Hostettler
Beobachter

Daran geglaubt hat Santosh Ritter immer. So richtig damit gerechnet hat er aber nicht. Ende März trifft der 48-Jährige in einem Vorort der indischen 15-Millionen-Metropole Mumbai seine leibliche Mutter. Er kann die Gefühle kaum in Worte fassen. Scrollt durch den Strom von Bildern auf seinem Handy: Menschenmassen in Indien. Er steigt aus einem Auto. Läuft auf eine Frau in farbigen Kleidern zu. Die beiden umarmen sich. Sie stehen unbeholfen nebeneinander, sie strahlen. Die Mutter nimmt den Sohn an der Hand, sie gehen zum Haus. Nach fast 50 Jahren sind sie wieder vereint. Jedenfalls für einen kurzen Moment.

Bilder von diesem Treffen postet Santosh Ritter weder in sozialen Netzwerken, noch werden sie im Beobachter veröffentlicht. Das war sein Versprechen an seine Mutter. Denn niemand in ihrer heutigen Familie weiss von ihm, von ihrem unehelichen Sohn in der Schweiz. Im patriarchalen System würde man sie wohl aus der Familie ausgrenzen, und sie würde ihren sozialen Status verlieren – mit unabsehbaren Folgen.

Artikel aus dem «Beobachter»

Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.

Probieren Sie die Mobile-App aus!

Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.

Probieren Sie die Mobile-App aus!

Die erste Reise nach Indien

Vor bald 30 Jahren berichtete der Beobachter bereits einmal über Santosh Ritter. Er, der 1980 als Zweijähriger von einem Ehepaar aus dem Kanton Zürich zur Adoption in die Schweiz geholt wurde, nannte sich damals Matthias. Er erzählte, wie er soeben als 18-Jähriger zum ersten Mal nach Indien gereist war. Weil er hatte wissen wollen, wer er war. Und vor allem, um seine Mutter zu finden. 

Vor 30 Jahren berichtete der Beobachter schon einmal über Santosh Ritters Suche – damals unter dem Namen Matthias.
Foto: Beobachter

Die Suche in Indien blieb damals erfolglos. Er fand zwar das katholische Kinderheim, in dem er nach seiner Geburt gemeinsam mit seiner Mutter zwei Jahre lang gelebt hatte. Er traf dort sogar eine Nonne, die sich an seine Mutter erinnerte. Doch man sagte ihm, es gebe keine Akten mehr über ihn und man wisse nicht, wo seine Mutter lebe. Es sei ohnehin für alle besser, nicht weiter nach ihr zu suchen.

Adoptionen aus Indien verliefen bis in die Nullerjahre besonders fragwürdig, wie auch der Beobachter berichtete. Indische Gerichte genehmigten zwar die Ausreise der Babys, sie hielten aber die Dokumente über die leiblichen Eltern unter Verschluss – falls es überhaupt welche gab. Den Schweizer Behörden lagen folglich keine Zustimmungserklärungen der Mütter vor – trotzdem bewilligten sie die Einreise und später die Adoption. Dieses fragwürdige System legten Schweizer Forscherinnen mit ihrer Studie «Mutter unbekannt» 2024 offen. 

Santosh – damals noch Matthias – Ritter kehrte nach seiner Indienreise enttäuscht in die Schweiz zurück. «Das war hart für mich. Ich war meiner Mutter so nah wie nie seit meiner Trennung und trotzdem entfernter als je zuvor», sagte er seinerzeit gegenüber dem Beobachter, machte aber auch klar: «Wenn meine Mutter noch lebt, werde ich sie finden.»

Schwere Kindheit

Als Kind fehlte ihm dieses Selbstbewusstsein. Und noch heute fällt es ihm schwer, über seine Kindheit zu sprechen. Das Lebenszentrum seiner Adoptiveltern – und damit auch seines – war eine fundamentalistische Freikirche. Sie hatten sechs Kinder, drei davon adoptiert. «Kein Kind sollte erleben, was ich erlebt habe», sagt er heute. Mit 16 Jahren zog er von zu Hause aus.

Seine Indienreise als 18-Jähriger weckte ein neues Selbstverständnis. «Zum ersten Mal in meinem Leben wurde ich auf der Strasse nicht angestarrt.» Zurück in der Schweiz, nannte er sich nun nicht mehr Matthias, sondern Santosh, wie einst auf seinem indischen Pass und wie ihn seine leibliche Mutter genannt hatte. Er schloss eine KV-Lehre ab und absolvierte die Rekrutenschule.

Der Effekt der Uniform

In der Militäruniform hatte er plötzlich eine andere Wirkung auf Menschen. Auf einmal bekam er das Rückgeld am Kiosk auf die Hand. Zuvor hatten es ihm die Kioskverkäuferinnen einfach hingelegt. Im Zug begrüsste ihn der Kondukteur freundlich. Ohne Uniform hatte er sich oft erklären müssen – obwohl er ein Billett besass. Rassismus kannte er seit seiner Kindheit. Er wurde wegen seiner Hautfarbe gehänselt – sogar tätlich angegriffen. Einmal landete er deshalb im Spital. 

Im Job war er hingegen gefragt; er engagierte sich, büffelte berufsbegleitend für das Studium. Dazu kam die Musik; Techno, House, eigene Partys, eine Radioshow. Nebenher fuhr er wettkampfmässig Snowboard. Die Unsicherheit aus seiner Jugend kippte ins Gegenteil. Heute sagt er: «Es war ein Leben auf der Überholspur.» 

Mit 26 war es ein Sekundenbruchteil, der sein Leben buchstäblich auf den Kopf stellte. Ein Rückwärtssalto auf der Skipiste von Alt St. Johann im Toggenburg misslang. Ritter erlitt einen mehrfachen Beckenbruch. «Dieser Sturz hat mein Leben komplett verändert.» Er sei buchstäblich wieder zu sich selbst gekommen, mit Bescheidenheit und auch mit Dankbarkeit.

Er kämpfte sich zurück ins Leben, machte beruflich Karriere. Doch seine Vergangenheit wurde er nicht los: «Ich habe jeden Tag an meine Mutter gedacht.» Von der Schweiz aus hatte er allerdings keine Chance, etwas zu erreichen. So reiste er über die Jahre hinweg mehrmals nach Indien. Er besuchte erneut das Kinderheim, engagierte einheimische Anwälte. Erfolglos. Es bringe auch nichts, auf dem Briefweg in Indien Einsicht zu verlangen. «Da passiert überhaupt nichts.»

Ein neuer Anlauf

Dann, vor drei Jahren, erneut eine Zäsur: Inzwischen war er Schweiz-CEO eines global tätigen Techunternehmens geworden. Mit Büros unweit des Zürcher Paradeplatzes. An einem firmeninternen Symposium der Top-Kaderleute in den USA sass er auf dem Podium und erzählte seine Geschichte: von seiner indischen Herkunft, der Adoption in die Schweiz. Von seiner unwürdigen Kindheit, der Ausgrenzung, vom Rassismus – und von seiner erfolglosen Suche nach seiner Mutter. Santosh Ritter erntete eine Welle von Mitgefühl: «Am Schluss sind alle aufgestanden und haben applaudiert. Bei vielen flossen Tränen.»

Das Erlebnis trieb ihn an, die Suche noch einmal aufzunehmen. Im Netz fand er andere Adoptierte – und stiess auf Arun Dohle. Auch der 53-Jährige war aus Indien zur Adoption vermittelt worden, allerdings nach Deutschland. Bei seiner eigenen Herkunftssuche war Dohle juristisch gegen die indischen Behörden vorgegangen. So erhielt er schliesslich seine Adoptionsunterlagen – und fand auch seine Mutter. Heute lebt Dohle in Indien und führt die Organisation Against Child Trafficking. Sein unzimperliches Vorgehen bei den indischen Behörden sorgte auch bei Santosh Ritter für den Durchbruch.

Arun Dohle blieb mit seiner Organisation beim Kinderheim von Santosh Ritter so lange hartnäckig, bis dieses die Unterlagen über dessen Mutter herausrückte. «Wir waren nur noch einen Hauch davon entfernt, Klage einzureichen», meint Dohle rückblickend. Seine Lebenspartnerin, Anwältin und ausgebildete indische Sozialarbeiterin, fand Ritters Mutter schliesslich unter einem neuen Namen in besagtem Vorort von Mumbai. 

Der Anruf

An jenem Tag, als Arun Dohle der Durchbruch gelang, war Santosh Ritter mit Freunden in Zürich gerade in einem Musikstudio. Statt ein Buch über seine Geschichte zu schreiben, schwebte ihm eine musikalische Aufarbeitung vor. Sie hätten gerade darüber diskutiert, wie er seine Gefühle musikalisch ausdrücken könnte, sollte er nach 50 Jahren seiner eigenen Mutter begegnen, erinnert sich Ritter. «Genau in diesem Moment klingelte mein Telefon.» Am anderen Ende waren seine Vertrauensleute in Indien – und richteten die Handykamera auf eine Frau: «Es war meine Mutter.»

«In diesem Moment spürte ich eine unendlich tiefe Ruhe und einen intensiven Frieden in mir», erzählt Ritter.

Gut drei Monate später umarmt Santosh Ritter in Indien jene Frau, von der er vor fast 50 Jahren getrennt worden war – und die er seit 30 Jahren suchte. Sie erzählt ihm, wie sie als 16-jährige, unverheiratete Frau zwei Jahre lang gemeinsam mit ihm im katholischen Heim lebte. Nein, ihre Zustimmung zur Adoption habe sie nie erteilt. Jede Nacht sei er, ihr Junge, neben ihr gelegen, sie sei nicht von seiner Seite gewichen. Doch eines Morgens war er weg.

Heiss diskutiert
    Meistgelesen