Vermieter-Albtraum
Der Feind in meinem Haus

Ein Ehepaar vermietet seine Einliegerwohnung. Doch schon bald wird das Zusammenleben mit dem Mieter unerträglich. Das Paar ist machtlos – und verliert schliesslich sogar vor Gericht.
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«Sein Gerümpel stapelte sich im Hauseingang bis unter die Decke»: Für das Ehepaar wird der Mieter zum Horrorgast. (Symbolbild)
Foto: Shutterstock

Darum gehts

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Katharina Siegrist
Beobachter

Es ist Anfang 2018, als sich Doris und Fredi Heimgartner den Feind ins Haus holen. Wissen können sie das damals natürlich noch nicht. «Zu Beginn schien Werner Schalch ganz nett», so erzählt es Doris Heimgartner Jahre später am Küchentisch. Alle Personen in dieser Geschichte heissen tatsächlich anders.

Der Ort passt so gar nicht zu dem, was die Heimgartners seither erlebt haben. Idyllisch, fast schon märchenhaft. Ein Dorf am äussersten Zipfel der Schweiz. Dort, wo sich das Handy im Stakkato ins deutsche Netz einloggt. Ein Dorfbrunnen, stattliche Riegelhäuser und eine weisse Kirche im Rebberg. Ein Ort, wo die Welt noch in Ordnung ist. Müsste man meinen.

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Mit dem ersten Mieter läufts gut

Vor über 50 Jahren haben Doris und Fredi Heimgartner in diesem Idyll die Hälfte eines Riegelhauses gekauft. Die Mutter von Doris hatte 40’000 Franken angespart, die sie dem jungen und frisch verheirateten Paar für den Kauf überliess.

Fredi Heimgartner ist im Ort aufgewachsen; er ist Oberturner, hier verwurzelt. Das Paar bekommt drei Kinder. Bald darauf bietet sich den Heimgartners die Gelegenheit, auch noch den anderen Teil des Hauses zu erwerben. Im Erdgeschoss richtet sich Fredi eine Werkstatt ein. Der einstige Lastwagenchauffeur handelt fortan mit Antiquitäten und restauriert allerhand.

Gleichzeitig baut er den Dachstock zu einer separaten Einliegerwohnung aus. Zwei Zimmer, lichtdurchflutet, Holz an Decken und Boden, heimelig. «Die Mieteinnahmen hatten wir als Zustupf für unsere AHV geplant», erzählt die mittlerweile über 70-jährige Doris Heimgartner.

Ihr erster Mieter bleibt sieben Jahre. Bis er mit seiner Freundin in eine grössere Wohnung zieht. Auf das Wohnungsinserat, das das Ehepaar Heimgartner danach schaltet, meldet sich Werner Schalch, Rentner. Herzerweichend habe er ihnen vorgejammert, wie dringend er auf eine Wohnung in der Gegend angewiesen sei, erinnert sich Doris Heimgartner.

Dabei kursieren damals schon Gerüchte im Dorf, dass «der Schalch» ein «schwieriger Mensch» sei. An den Gemeindeversammlungen gegen alles und jeden opponiere. «Doch mein Mann hatte Erbarmen. Er ging mit der Schwester in die Schule. Die war nett. Da konnte er ja auch nicht so verkehrt sein.» Das hätten sie zumindest gedacht.

«Die Heimgartners haben sich einen in der Gegend bekannten Querulanten ins Haus geholt», sagt ihr Anwalt zum Beobachter.

Erst ist er nett

Am Anfang läuft aber alles gut. Schalch zieht ein, zahlt die 1000 Franken Miete pünktlich. Er und die Heimgartners leben Tür an Tür. Habe sie gekocht, sei er häufig vorbeigekommen und habe vom Geruch geschwärmt – vor allem bei Bohnen mit Speck. «Dann habe ich ihm manchmal eine Portion eingepackt.»

Doch das Zusammenleben bekommt Risse. Werner Schalch lagert immer mehr Dinge im Hauseingang und in der Werkstatt seiner Vermieter. Das Ehepaar Heimgartner verbringt die Wochenenden damals schon hauptsächlich im Appenzell bei der Tochter und deren Familie. «Immer, wenn wir zurückkamen, stand etwas Neues herum. Das Gerümpel stapelte sich bis unter die Decke.»

Die Spannungen nehmen zu. «Werner Schalch begann, mich und meinen Mann zu beschimpfen.» Im Dezember 2021 hat das Paar genug. Es kündigt den Mietvertrag auf Ende März 2022. Da habe Schalch begonnen, sie zusätzlich zu schikanieren. «Weil die Nebenkosten im Mietzins inbegriffen waren, hat er immer das Licht brennen und das Wasser laufen lassen.»

Wenn sie ihn darauf angesprochen hätten, habe er nur gesagt, dass sie nichts an ihm verdienen sollten.

Im Nachhinein erfahren die Heimgartners, dass sich Werner Schalch offenbar öfter in ihrer Wohnung aufgehalten haben soll. Dann, wenn sie im Appenzell waren. «Unsere Nachbarin von gegenüber sah jeweils Licht im Wohnzimmer und die Silhouette von Werner Schalch», so Doris Heimgartner.

Die Eskalation in der Werkstatt

Im Januar 2022 dann der grosse Eklat. Sirenen und Blaulicht von Ambulanz und Polizei zerreissen die Winternachtsstille. Der genaue Ablauf des Vorfalls lasse sich nicht rekonstruieren, wird später in den Gerichtsakten stehen. Doris Heimgartner schildert es rückblickend so: «Schalch hat meinem Mann in der Werkstatt ungeheure Schlötterlig angehängt.» Sie selbst habe dann ein kleines Holzstück ergriffen und ihm gesagt, dass er verschwinden solle. «Darauf hat mir Schalch aus nächster Nähe eine volle Ladung Pfefferspray ins Gesicht gesprüht.» Die Haut habe wie Feuer gebrannt. «Fredi wollte mir zu Hilfe kommen. Da kam er auch gleich dran.»

Werner Schalch meinte gegenüber der herbeigerufenen Polizei, auch das steht so in den Akten, er sei mit einem Holzklotz angegriffen worden und habe sich in Notwehr mit dem Pfefferspray verteidigen müssen.

Doris Heimgartner greift am Küchentisch in ein Kuvert und kramt ein Foto hervor. Es zeigt ihr Gesicht von ganz nah. Angeschwollen, rot, die Augen zu Schlitzen verquollen. Da sind noch andere Bilder, eine gute Handvoll. Die Rentnerin hat das jähe Ende ihres Nachbarschaftsverhältnisses sauber dokumentiert.

«So hat Werner Schalch die Wohnung zurückgelassen», sagt sie und präsentiert eine Handvoll Bilder: Elektrokabel, die aus den Verschalungen getrennt wurden. Ein Loch in der Wand, wohl einst eine Steckdose, aus der nun wirr ein paar Kabel herausragen. Ein anderes Foto: Werner Schalch, wie er gegenüber seinem einstigen Zuhause steht und starr nach oben blickt. Direkt in die Kameralinse von Doris Heimgartner. Gestalkt habe er sie danach auch noch, sagt sie.

Nach dem Vorfall mit dem Pfefferspray haben die Heimgartners Angst vor ihrem Mieter. Sie lassen ihn nicht mehr in die Wohnung, wechseln das Schloss aus. Trotzdem schläft Fredi Heimgartner fortan auf einer Matratze hinter der Wohnungstür, die er stets einen Spalt offen lässt. Immer auf der Hut. Werner Schalch soll zu jener Zeit zeitweise im Eingang einer nahe gelegenen Bankfiliale übernachtet haben. Dann sei er aus dem Dorf verschwunden.

Doch damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Doris Heimgartner schaut zu ihrem Mann hinüber, der es sich inzwischen auf dem Sofa im Wohnzimmer bequem gemacht hat. Ihre Augen werden glasig. «Fredi hat das alles sehr mitgenommen.» Während sie das sagt, schaut ihr Mann ins Leere.

Der Beobachter hätte auch gern mit Werner Schalch gesprochen. Doch weder er noch sein Anwalt haben auf eine entsprechende Anfrage und die Vorwürfe reagiert.

Das Ehepaar zieht vor Gericht

Im Dezember 2022 klagen die Heimgartners. Sie wollen noch sechs Monatsmieten von Schalch: von Februar bis Juli 2022, also über den eigentlichen Kündigungstermin hinaus. Ebenso wollen sie 7700 Franken, weil Schalch Einliegerwohnung und Werkstatt nicht geräumt hat und sie das selbst veranlassen mussten. Und weil sie eine von Schalch manipulierte Elektroanlage wieder instand stellen mussten. 1000 Franken fordern sie als Schadenersatz wegen des Pfeffersprays. Und nochmals 1000 Franken für das verschwundene Haushaltsgeld.

Das Verfahren zieht sich. Einmal schlägt das Gericht den Parteien einen Vergleich vor. Doch das kommt für die Heimgartners nicht in Frage. Sie wollen Recht und Geld. Doris Heimgartner würde die aus ihrer Sicht erlittene Ungerechtigkeit am liebsten in die Welt hinausschreien. «Oder zumindest andere Vermieter vor diesem Mann warnen», rechtfertigt sie sich. Also schreibt sie sich ihren Frust von der Seele. Eine A4-Seite, eng bedruckt, Schriftgrösse 5. Sie legt Kopien davon in rund 25 Briefkästen.

Diese Aktion könnte ihr noch ein Strafverfahren bescheren. Allerdings: «Ich war einmal bei der Staatsanwältin und habe nichts mehr gehört.» Ob ein Verfahren läuft, kann sie nicht sagen. Etwas Schriftliches habe sie nicht.

Ein niederschmetterndes Urteil

Im März 2026 kommt endlich ein Entscheid des Gerichts. Dieses schmettert alle Forderungen der Heimgartners ab. Das Paar habe keine Mietzinse mehr zugute, weil sie ihren Mieter gar nicht mehr in die Wohnung gelassen hätten, heisst es da. Darum seien auch die geltend gemachten Räumungskosten nicht geschuldet und die angeblichen Instandstellungskosten sowieso nicht genügend belegt. Wer den Einsatz des Pfeffersprays veranlasst habe und darum dafür geradestehen müsse, sei unklar. Und der angebliche Diebstahl blosse Vermutung.

Die Heimgartners stehen heute mit leeren Händen da. Noch schlimmer: Sie müssen rund 10’000 Franken ans Gericht und den gegnerischen Anwalt bezahlen. Neben ihren eigenen Anwaltskosten selbstverständlich. Doch sie geben nicht auf. Eine Berufung gegen das Urteil ist bereits eingereicht.

Doris Heimgartner seufzt. Fredi Heimgartner sitzt immer noch auf dem Sofa, etwas abseits. Die Geschichte mit Werner Schalch hat beiden zugesetzt. Wie sehr, das steht am Riegelhaus, in grossen Lettern und auf ein Plakat gedruckt: «Zu verkaufen.»

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