Darum gehts
- Die verheerende Brandkatastrophe in der Bar Le Constellation forderte 41 Todesopfer
- Das Barbetreiberpaar Jacques und Jessica Moretti wurde befragt, Jacques Moretti kam in Polizeigewahrsam
- Das Feuer wurde durch Sprühkerzen an Champagnerflaschen ausgelöst
Hornbach: Morettis können Schaumstoff nicht 2015 gekauft haben
Von Mattia Jutzeler, Redaktor am Newsdesk
Der Schaumstoff an der Decke der Inferno-Bar Le Constellation war es, der in der Silvesternacht zur Katastrophe führte. Durch Wunderkerzen entzündet, kam es innert kürzester Zeit zum Flächenbrand. Das Ehepaar Moretti, die Betreiber der Bar, behauptete, diese Schaumstoff-Platten vor über zehn Jahren in einer Hornbach-Filiale gekauft zu haben. Die Mitarbeiter der Filiale hätten sie beim Kauf sogar beraten, berichtete RTS Ende Januar.
Der Baumarkt Hornbach hat laut «Le Temps» im Jahr 2015 aber keine strukturierte Akustikschaumplatte im Sortiment geführt. Hornbach habe der Walliser Staatsanwaltschaft mitgeteilt, entsprechende Schaumstoffe seien erst ab Ende März 2016 in zwei Varianten erhältlich gewesen.
Diese seien nach amerikanischen und französischen Normen in die Klasse M4 eingestuft, was der höchsten Geschwindigkeit der Brandausbreitung entspreche.
Liefern Mobiltelefone der italienischen Opfer weitere Hinweise?
Von Marian Nadler, Redaktor am Newsdesk
Einige der jungen Opfer filmten in der Silvesternacht zunächst die brennende Decke in der Bar Le Constellation, ohne zu verstehen, welche Katastrophe sich da eigentlich gerade vor ihnen ausbreitete. Die Staatsanwaltschaft Rom will nun einen Berater damit beauftragen, die Bilder auf den beschlagnahmten Mobiltelefonen der italienischen Opfer zu kopieren, wie die Nachrichtenagentur Ansa am Montagabend berichtete.
Staatsanwalt Stefano Opilio hatte in den vergangenen Tagen im Rahmen einer beschlagnahmten Beweisaufnahme die Mobiltelefone der Opfer sichergestellt. Es wird davon ausgegangen, dass die Bilder, Chats und anderen Daten aus der Nacht vom 31. Dezember auf den 1. Januar wichtige Hinweise für die Rekonstruktion des Brandes in der Bar Le Constellation in Crans-Montana liefern können.
Meine Kollegin Janine Enderli hat die tödlichen Umstände, die zur Katastrophe führten, bereits Mitte Januar rekonstruiert. Damals zählte sie fünf Faktoren auf. Womöglich muss sie diese Liste demnächst erweitern.
Jetzt wird Feuerwehrchef als Zeuge vernommen
Von Marian Nadler, Redaktor am Newsdesk
Die Hintertür der Polizeistation in Sitten VS wird immer wichtiger: Nachdem das Betreiberehepaar Moretti in der vergangenen Woche wütenden Angehörigen der Opfer der Brandkatastrophe im Le Constellation durch die Hintertür auswich, ging der Feuerwehrchef von Crans-Montana VS nun den umgekehrten Weg. David Vocat wurde am Montag als Zeuge vernommen – und wählte den Hintereingang. Das berichtete die Nachrichtenagentur AFP. Inhaltlich wurde zunächst nichts bekannt.
Der Druck auf die Gemeinde steigt und steigt, schreibt mein Kollege Martin Meul in seinem am Montag erschienen Text. Das liegt auch an brisanten Aussagen eines Möbellieferanten der Morettis, die Gerüchte um einen Maulwurf bei der Gemeinde nähren.
Der Feuerwehrchef von Crans-Montana war gemäss verschiedenen Medienberichten bei einer Kontrolle der Sicherheits- und Brandschutzmassnahmen im Jahr 2018 anwesend. Bei dieser Gelegenheit hatte der Sicherheitsbeauftragte der Gemeinde eine Liste mit Verstössen an den Walliser Eigentümer der Räumlichkeiten und den Geschäftsführer der Bar, Jacques Moretti, übergeben, der das Lokal dann 2022 zusammen mit seiner Frau kaufte. Seit 2019 waren in der Bar keine Brandschutzkontrollen mehr durchgeführt worden.
Italienische Opfer sollen umfassend forensisch untersucht werden
Von Marian Nadler, Redaktor am Newsdesk
Das schweizerisch-italienische Verhältnis hat durch die Brandkatastrophe in Crans-Montana VS gelitten. Die Krise gipfelte in einem Rechtshilfegesuch aus Italien, dem stattgegeben wurde. Jetzt will die für die italienischen Opfer zuständige Staatsanwaltschaft in Rom eine umfassende forensische Untersuchung anordnen. Diese soll sich auf alle medizinischen Unterlagen zu italienischen Staatsbürgerinnen und Staatsbürger beziehen, die von dem Brand in der Silvesternacht betroffen waren, schreibt die Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Am Montag vernimmt die Polizei zudem weitere Verletzte, wie die italienische Nachrichtenagentur Adnkronos am Montag berichtet.
Am Donnerstag kommt es zum grossen Staatsanwaltschafts-Showdown in Bern. Dann treffen sich die italienischen Staatsanwälte mit der Walliser Staatsanwaltschaft. Man will eine Bilanz zu den bisherigen Ermittlungen ziehen. Zudem sollen die beiden Strafverfahren koordiniert werden, wie das Bundesamt für Justiz (BJ) bereits am Samstag auf Anfrage von Keystone-SDA mitteilte. So soll im Rahmen des Treffens auch die Möglichkeit einer gemeinsamen Ermittlungsgruppe besprochen werden.
Die italienischen Behördenvertreter fordern ferner von den Wallisern Zugang zu den Beweismitteln, «denn ohne die Beweismittel der Staatsanwaltschaft des Kantons Wallis könnte Italien das eigene Strafverfahren nicht führen». Italien ist also auf die Unterstützung der Schweiz angewiesen. Da auch Italiener bei der Brandkatastrophe zu Opfern wurden, ist die italienische Justiz verpflichtet, ein eigenes Strafverfahren zu eröffnen.
Die italienischen Crans-Montana-Ermittlungen wird Francesco Lo Voi (68) leiten. Er gilt als gewiefter Mafiajäger. Was du über Roms obersten Ankläger wissen musst, hat meine Kollegin Céline Zahno aufgeschrieben.
Gemeindeangestellter versäumte Kontrollen
Von Natalie Zumkeller, Redaktorin am Newsdesk
Als die Morettis 2015 das «Le Constellation» renovierten, fehlten ihnen laut einem Bericht von RTS die Genehmigung für einen Umbau des Innenraums. Der Gemeindebeamte D.*, der in Crans-Montana für die Baugenehmigungen zuständig ist, erteilte diese nur für die Veranda – das Lokal wurde aber komplett umgebaut.
Von dem Betreiber-Ehepaar wurden die Arbeiten als «geringfügiger Umbau» dargestellt – diese Einstufung wird nun von mehreren Opfer-Anwälten kritisiert, da sie zu einem vereinfachten Verfahren, insbesondere beim Brandschutz, geführt hatte.
Bei einer Kontrolle des Le Constellation 2019 forderte ein Kollege von D. von den Morettis eine Genehmigung für das neu-entstandene Fumoir – zuvor hatte das Ehepaar das Lokal erneut ohne Bewilligung ausgebaut, aus einem ehemaligen Technikraum entstand die Raucherzone. Obwohl die Forderung seines Kollegen schriftlich festgehalten wurde, verfolgte D. die Angelegenheit nie weiter.
Auch D. steht in der Kritik: Der Beamte wurde nach einem Vorfall in der Gemeinde erstinstanzlich wegen fahrlässiger Körperverletzung verurteilt – das Urteil wurde in zweiter Instanz kantonal wieder aufgehoben. Dahinter steht ein Unfall aus dem Jahr 2019, als ein Mann im Rahmen eines Golfturniers in Crans-Montana eine Treppe hinunterstürzte, die nicht korrekt gesichert war. Nach dem Sturz lehnte er sich an eine Schranke, stürzte rückwärts und landete auf dem Rücken. In der Folge war er querschnittsgelähmt. Später kam heraus, dass die Schranke zu niedrig war und nicht der Norm entsprach.
Laut RTS ist bisher nicht geplant, D. zu befragen. Eine Anfrage von RTS liess die Gemeinde unbeantwortet.
*Name gekürzt
«Werde dir die Knochen brechen»
Von Natalie Zumkeller, Redaktorin am Newsdesk
Die Vorwürfe, die der Möbellieferant der Morettis in einem Interview mit dem italienischen TV-Sender Rai 1 gegen das Ehepaar erhebt, wiegen schwer. Bereits am Samstag wurden erste Ausschnitte des Gesprächs publiziert, am Montag wurde es vollständig ausgestrahlt.
Der Mann, der anonym bleiben möchte, versorgte die Morettis 2015 vor der Eröffnung des «Le Constellation» mit allem, was das Paar an Möbeln brauchte. «Alles, was sich in diesem Lokal befand: die Sofas, die Stühle, die Barausstattung, das Parkett. Ich bin auch nach Crans-Montana gefahren und habe mir das Lokal angesehen.»
Jacques Moretti (49) verzichtete laut ihm explizit auf feuerfeste Möbel – weil sie 15 Prozent teurer gewesen wären. Und, weil Jessica Moretti (40) dem Lieferanten nach seinen Aussagen während eines Treffens in Paris versicherte, die Bewilligung zur Öffnung des Lokals auch ohne die eigentlich obligatorischen feuerfesten Möbel zu erhalten. ««Seine Frau sagte mir, dass sie keine feuerfeste Möbel bräuchten, weil sie Verwandte hätten, die in hohen Positionen in der Gemeinde Crans-Montana arbeiten.»
Nach mehreren Zwischenfällen entschied sich der Lieferant schlussendlich, die Zusammenarbeit mit dem Ehepaar einzustellen, sagt er. Dann wird er konkret: «Ich habe auch eine E-Mail von ihm, in der er mir droht, mir die Knochen, Arme und Beine zu brechen, weil ich zu direkt zu seiner Frau Jessica gewesen sei. Seiner Meinung nach war ich nicht höflich genug.»
Als er nach der Brandkatastrophe die E-Mail-Korrespondenz zwischen ihm und dem Ehepaar als Beweismaterial der Polizei von Crans-Montana meldete, wurde er an die Kantonspolizei weitervermittelt. Diese teilten ihm mit, dass er sich an die Staatsanwaltschaft wenden solle. Nach mehreren Schreiben und Anrufen erhielt er die Rückmeldung, dass sich jemand bei ihm melden werde – zwei Wochen lang wartete er. Eine Antwort bekam er nicht, sagt er. Blick hat bei den Behörden nachgefragt, eine Antwort steht aus.
Crans-Montana wusste schon seit 2023 von Mängeln bei der Brandschutzabteilung
Von Mattia Jutzeler, Redaktor am Newsdesk
Die Inferno-Bar Le Constellation war vor der Brandkatastrophe in der Silvesternacht sechs Jahre lang nicht kontrolliert worden. Selbst in den Inspektionen, die vor 2019 in der Bar durchgeführt wurden, haben die Verantwortlichen entweder gravierende Sicherheitsmängel übersehen oder die Umsetzung ihrer Kritikpunkte zu lasch verfolgt. Meine Kollegin Janine Enderli berichtete hier über die mangelhaften Kontrollen in der Bar.
Wie RTS jetzt berichtet, wusste die Gemeinde Crans-Montana bereits 2023 von gravierenden Mängeln bei der Feuerpolizei. Laut einem Prüfbericht der Gemeinde, der dem Sender vorliegt, hatte die Brandschutzabteilung wohl schlichtweg nicht genügend Mittel, um ihre Aufgaben zu erfüllen. «Die den Abteilungsleitern zur Verfügung stehenden Ressourcen, Mitarbeiter und Zeit sind im Verhältnis zu ihren Aufgaben unzureichend», heisst es im Dokument. Dies führe in der Abteilung zu «übermässiger Arbeitsauslastung und zu Verzögerungen».
Ebenfalls wird im Dokument das Personalmanagement der Verwaltung kritisiert. Einige Mitarbeitende würden Disziplinarfälle ignorieren oder die Umsetzung ihrer Aufgaben verweigern. Im Rekrutierungsprozess sollen ausserdem persönliche und politische Verbindungen der Bewerber höher gewichtet werden als ihre berufliche Kompetenz.
Der Prüfbericht wurde der Gemeinde Crans-Montana am 31. Oktober 2023 vorgelegt. Laut mehreren anonymen Quellen von RTS hätte die Gemeinde die vorgeschlagenen Korrekturmassnahmen nur unzureichend umgesetzt.
«Wollte mich an der für die Kaution erforderlichen Summe beteiligen»
Von Natalie Zumkeller, Redaktorin am News-Desk
Jacques Morettis Vergangenheit im Prostitutions-Gewerbe scheint ihn auch heute noch einzuholen – vor allem in Form eines Mannes, der zu einem Freund wurde, wie «RTS» schreibt. G.*, ein Geschäftsmann aus der Romandie, wird vom Sender als «bekannte Persönlichkeit in der Prostitutionsszene der Westschweiz» beschrieben und soll 2008 in Frankreich in einen Fall von schwerer Zuhälterei verwickelt gewesen sein.
Im selben Fall wurde Jacques Moretti zu einer Haftstrafe verurteilt. G. wird im Urteil als «Schweizer Zuhälter» beschrieben, entging damals aber einer Verurteilung. Kennengelernt haben sich G. und Moretti jedoch bereits Anfangs der 2000er in der Romandie.
Als letzterer 2015 das «Le Constellation» in Crans-Montana renovierte, soll G. ihm mit einem Darlehen von 50'000 Franken geholfen haben. Das gab der Moretti-Freund in einer Befragung so zu. «Es handelte sich um etwa 50'000 Franken, die mir später zurückgezahlt wurden.» Insgesamt sollen die Morettis zusammen mit Beiträgen von Freunden und Familien rund 300'000 Franken in die Renovation und Eröffnung der Bar gesteckt haben.
Nach der Brand-Katastrophe in der Silvesternacht stand G. wieder im Kontakt mit dem befreundeten Betreiber-Ehepaar. Speziell als es nach Jacques Morettis Festnahme darum ging, die Kaution für seine Freilassung zu bezahlen, meldete sich G. sofort bei Jessica Moretti und bot finanzielle Hilfe an. «Ich habe angeboten, mich an der Beschaffung der für die Kautionen erforderlichen Summe zu beteiligen, aber Jessica sagte mir, dass bereits eine andere Lösung gefunden worden sei.»
*Name gekürzt
Barlieferant packt in Interview aus
Von Natalie Zumkeller, Redaktorin am News-Desk
Die Schlinge um den Hals des Betreiberehepaars Moretti zieht sich immer weiter zu. In einem Interview mit dem italienischen Sender «Rai» packte der Möbellieferant der Bar Le Constellation über seine Treffen und die Einstellung der Morettis aus – die Aussagen schockieren.
Der Mann hatte das Paar 2015 bei der Eröffnung der Bar mit allem beliefert, was sie für den Betrieb brauchten. «Sofas, Stühle, Parkett … er hat alles bei mir bestellt. Er hat bei mir bestellt und dabei gesagt, dass er keinen Brandschutz für die Einrichtung wollte», so der Lieferant. «Wenn man ein Sofa kauft, muss die Polsterung feuerfest sein, wenn sie für ein Lokal verwendet wird. Aber sie wollten das nicht.»
Den Brandschutz habe Moretti aufgrund des 15-prozentigen Aufpreises nicht gewollt. Die E-Mail-Korrespondenz, die seine Angaben unterstreicht, habe der Lieferant noch immer. «Ich habe auch eine E-Mail, in der Moretti droht, mir die Knochen, die Beine und die Arme zu brechen, weil ich seiner Meinung nach zu direkt mit seiner Frau gesprochen habe.»
Eine Begegnung mit den Morettis in Paris bleibe ihm dabei besonders in Erinnerung. «Wir waren drei Stunden lang in einem Besprechungsraum. Seine Frau sagte mir, der Grund, warum sie keine feuerfeste Polsterung bräuchten, sei, dass sie Verwandte in hohen Positionen in der Gemeinde Crans-Montana hätten. Ein Familienmitglied, vielleicht kein enger Verwandter, eher ein Cousin oder so etwas – und deshalb bräuchten sie keine feuerfeste Einrichtung, weil sie diese Leute eben gut kennen.»
Bilder zeigen Anteilnahme an Gedenkfeier
Auf Initiative von Angehörigen der Opfer der Brandkatastrophe in Crans-Montana ist am Samstag im Ferienort eine Gedenkfeier organisiert worden. Einige Dutzend Menschen versammelten sich in der Nähe der Bar Le Constellation, um der Opfer zu gedenken. Bilder zeigen die Anteilnahme: