Darum gehts
- Winter 1951: Lawine zerstört Haus in St. Antönien, Familie überlebt knapp
- Schlimmster Lawinenwinter: 1000 Schadenlawinen im Januar, 98 Tote
- Schutzmassnahmen seit 1952: 12 Kilometer Lawinenverbauung am Chüenihorn gebaut
20. Januar 1951: Es rumpelte und krachte über Elsbeth Flütsch (76), als sie noch ein eineinhalbjähriges Kind war. Eine Lawine donnerte auf den Hof der Familie in St. Antönien GR zu, rasierte Obergeschoss und Estrich ab. Sie überlebte. Ihre Familie auch. Der Winter 1951 war der tödlichste Lawinenwinter der jüngeren Schweizer Geschichte. 98 Menschen starben.
75 Jahre später schneit es in St. Antönien wieder ununterbrochen. Elsbeth Flütsch stapft voraus. Der Weg zum wiederaufgebauten Elternhaus ist noch nicht gepfadet. Mit jedem Schritt dringt mehr Schnee in die Schuhe. Flütsch will zeigen, wo sie dem Tod knapp entkam.
St. Antönien im Prättigau ist gezeichnet von Lawinen. Im Dorfkern steht ein Museum, das Haus der Lawinen. Es stellt Bilder und Videos von früheren Unglücken aus. Was im Museum bewahrt wird, lebt auch als Erinnerungen in den Köpfen der Menschen. Jeder hat seine eigene Lawinen-Geschichte – auch Elsbeth Flütsch, basierend auf Erzählungen der Familie. Ihren Lebensstart prägte die Lawine.
Die Schneeflocken waren unablässig gefallen. 88 Stunden lang. Lokal türmte sich der Schnee zweieinhalb Meter hoch. Das Lawinenbulletin vom 19. Januar 1951 spricht von einer sehr grossen Gefahr: «Es besteht die Möglichkeit, dass auch selten auftretende Lawinen niedergehen.»
Der Gefahr vom Berg gewahr
Zwölf Stunden vor der Lawine: «Meine Mutter backte Brot im Holzofen. Immer zehn Stück. Immer dasselbe Rezept. Wasser, Mehl, Salz. Sie breitete den Teig über den ganzen Tisch aus.»
In Flütschs Haus brannte seit Tagen kein Licht. Ein Strommast soll verschüttet worden sein. Die kleine Elsbeth sass mit ihren vier Geschwistern und den Eltern am Abend vor dem Kachelofen.
«Dort war es schön warm. Schlafen konnten wir noch nicht – zum Glück. Unser Haus wirkte düster im Licht einer einzigen Petrollampe. Angst hatte ich nicht. Ich war zu klein. Angespannt war die Stimmung dennoch, erzählte mein Vater einst. Der Gefahr vom Berg waren sich alle bewusst.»
In der Stube stand der Zeiger auf 10 Uhr abends.
«Der Knecht schickte meine grosse Schwester zum Buffet, um den Tabak zu holen. Plötzlich rumpelte und krachte es.»
Über ihren Köpfen riss die Lawine alles mit, was ihr im Weg stand. Der Tisch zerbrach. Die Petrollampe fiel zu Boden. Alles wurde schwarz.
«Dann war es totenstill. Meine ältere Schwester klemmte fest, zwischen Holz und Schnee. Erst als mein Vater Zündhölzer entfachte, sahen wir wieder etwas. Er wollte sich versichern, dass wir noch leben. Irgendwann hörten wir Stimmen. Sie näherten sich. Mein Vater schrie, um auf uns aufmerksam zu machen. Doch sie gingen weiter, dachten, wir seien tot.»
SLF-Chef: «Der katastrophalste Lawinenwinter»
Nicht nur in St. Antönien, auch in Vals GR, Andermatt UR oder Airolo TI donnerten in diesem Winter Lawinen bis in die Dörfer. Sie verschütteten 234 Menschen und 235 Stück Vieh, zerstörten 1500 Häuser. 98 Menschen verloren ihr Leben. Das Eidgenössische Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) zählte 1000 Schadenlawinen im Januar und 300 weitere im Februar.
«Das war der katastrophalste Lawinenwinter im 20. Jahrhundert», sagt Jürg Schweizer (65), Chef des SLF. Seine Forscher und er wissen heute: Meteorologisch war dieser Winter kein Jahrhundertereignis, aber es schneite überdurchschnittlich viel.
Schweizer sitzt am Dienstag in seinem Büro in Davos GR. Vor dem Fenster fallen Schneeflocken. Vor wenigen Stunden verhängte das SLF für Teile der Schweiz die höchste Gefahrenstufe 5. Mithilfe von Messstationen, Beobachtungen, Radaranlagen oder Wetterprognosen erstellt das Institut zwei Mal täglich ein Lawinenbulletin. Vor 75 Jahren warnte das SLF nur einmal pro Woche – am Freitag.
«Die Lawinen-Warner verstanden die Mechanismen damals schon», sagt Schweizer. «Doch verglichen mit den heutigen Instrumenten waren ihre Methoden rudimentär.» Die Kommunikation mit den lokalen Beobachtern sei schwierig gewesen. Kurz: «Die Lawinen-Warner waren blind und mussten sich auf ihre Intuition verlassen.»
Das Lawinenrisiko sei damals existenzieller, bedrohlicher gewesen. Der Schutzwald an den Talwänden war oft übernutzt und licht. Lawinenverbauungen aus Steinmauern bei grossen Schneemengen unwirksam. Die Gefahr vor Lawinen im besiedelten Gebiet war real. Schweizer: «Diese bedrohlichen Dimensionen kennen wir heute dank Schutzmassnahmen und Prävention nicht mehr.» Ähnliche Ereignisse wie 1951 seien daher unwahrscheinlich. Ausser: «Es würde so viel schneien, dass die Verbauungen nicht mehr reichen.»
Nach dem Lawinenwinter 1951 stand die Schweiz unter Schock. Die Solidarität war gross und die Subventionen für Lawinenschutz stiegen rasant. «Mit mit den tragischen Ereignissen realisierte die Schweiz, wie risikoreich das Leben der Bergbevölkerung war», sagt Schweizer. Ab 1952 entstand am Chüenihorn oberhalb von St. Antönien eine 12 Kilometer lange Lawinenverbauung – damals die grösste der Schweiz.
«Meine Mutter kämpfte ein Leben lang damit»
Elsbeth Flütsch und ihre Familie waren stundenlang in den Ruinen ihres Hauses eingeschlossen, bis der Rettungstrupp nochmals vorbeikam. «Mein Vater polterte. Sie hörten ihn durch die Trümmer und folgten seinen Instruktionen. Wir waren erleichtert, realisierten aber erst tags darauf, was alles zerstört worden war.» Obergeschoss und Dach ihres Hauses waren komplett zerstört. «Hätten wir oben im Bett geschlafen, hätte uns die Lawine mit in den Tod gerissen», sagt Flütsch.
Später fanden sie Teile des Hauses unten im Bachbett. «Mutters Brote und Vaters Bienenstöcke lagen auf der anderen Bachseite», so die 76-Jährige. Angst vor dem Schnee hatte Flütsch trotzdem nie. Wohl auch, weil sie damals noch so klein war. «Meine Mutter kämpfte ein Leben lang damit.»
Elsbeth Flütsch stapft zurück zur Strasse. Heute lebt sie im Dorf. Die Gefahr ist weiter weg. Der Schnee fällt – Zentimeter um Zentimeter. Er überdeckt alles. Nur die Erinnerungen nicht.