Darum gehts
- Wallis erreicht Lawinengefahrenstufe 5 – höchste Gefahr seit Dienstagmorgen
- Drei Faktoren: 250 Zentimeter Neuschnee, starker Wind, instabile Altschneedecke
- Gefährdete Orte evakuiert, Lawinen mit Sprengstoff kontrolliert ausgelöst
Es ist ein aussergewöhnlicher Schritt: Am Dienstagmorgen hat das Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) die Lawinengefahrenstufe für die Schweiz aktualisiert. Für Teile des Kantons Wallis gilt mittlerweile die Gefahrenstufe 5 von 5 – also die grösstmögliche Lawinengefahr.
Ein Szenario, das in der Schweiz extrem selten ist. Nur in 0,1 Prozent der Tage wird die höchste Stufe überhaupt ausgerufen. Die aktuelle Lage ist auch für den obersten Bergführer der Schweiz, Pierre Mathey (60) aussergewöhnlich: «In meinen 33 Jahren als Bergführer habe ich eine solche Situation noch nie erlebt», sagt er zu Blick.
Drei Faktoren führten zur höchsten Gefahrenstufe
Konkret bedeutet Gefahrenstufe 5: Es besteht eine aussergewöhnliche Lawinensituation, bei der sich spontane, grosse Lawinen lösen und exponierte Siedlungen und Infrastruktur gefährden können.
«Es gibt drei Gründe für die aktuell sehr kritische Lawinensituation», erklärt Lukas Dürr vom SLF gegenüber Blick. «Zum einen fiel sehr viel Schnee. In den letzten drei Tagen fielen bis zu 130 Zentimeter, in den letzten sieben Tagen sogar bis zu 250 Zentimeter Neuschnee. Das Zweite ist der teils stürmische West- bis Nordwestwind, der diesen Neuschnee intensiv verfrachtet und grosse Triebschneeansammlungen bildet. Der dritte Faktor ist die schwache Altschneedecke.»
Diese ist grossflächig instabil. «Tiefer in der Schneedecke gibt es schwache Schichten, welche sich in der schneearmen Phase Anfang Winter gebildet haben. In diesen Schichten können nun die grossen Neuschneemengen als Lawine anbrechen und teils die ganze Schneedecke mitreissen.»
Wie wird die Gefahr gebändigt?
Bei Stufe 5 lässt sich die Gefahr nicht vollständig kontrollieren, sondern nur begrenzen und managen. Der Dienstag sei definitiv der kritischste Tag, erklärt Dürr.
In den betroffenen Regionen seien, wo nötig, Massnahmen getroffen worden. «Bei diesen geht es konkret vor allem um Sperrungen, zum Beispiel von Strassen, Wanderwegen, Schneeschuhtrails, Langlaufloipen oder Teilen von Skigebieten.»
Evakuationen und Sperrungen
Besonders gefährdete Orte werden evakuiert, wenn es nötig wird. Am Montag musste ein Teil des Dorfes La Fouly vorsorglich geräumt werden.
Lawinenverbauungen oberhalb von Siedlungen und Auffangdämme können die Situation zwar oft entschärfen und Abhilfe schaffen – trotzdem gehen die Behörden lieber auf Nummer sicher.
Lawinen werden mit Sprengstoff ausgelöst
Wie gross die Kräfte sind, zeigt ein Vorfall vom Montagmorgen: Zwischen Goppenstein VS und Hohtenn VS ging trotz Schutzgalerie eine Lawine auf die Gleise der BLS nieder. Ein Zug fuhr auf die Schneemassen auf, er entgleiste. Das Unternehmen erklärte, es habe am Vortag keine Hinweise auf einen möglichen Lawinenniedergang an dieser Stelle gegeben. Nun soll geprüft werden, ob weitere Massnahmen nötig sind.
Parallel sichern die lokalen Sicherheitsdienste von Gemeinden und Skigebieten mit der kontrollierten Auslösung von Lawinen durch sprengstoffgefährdete Gebiete.
«Sprengungen mit fix installierten Anlagen»
«Diese Sprengungen werden teils mit fix vor Ort installierten Anlagen gemacht. Dadurch können sie unabhängig von Tageszeit und Wetter durchgeführt werden», erklärt der Experte.
Teils kommen auch Helikopter zum Einsatz, die die Sprengungen durchführen. Hier gilt aber eine wichtige Einschränkung: «Die Sichtverhältnisse müssen passen.»
Die Situation wird laut Dürr laufend neu beurteilt. «Mit dem Abklingen der intensiven Schneefälle nimmt die Anzahl spontaner Lawinen ab. Damit wird auch die Lawinengefahr abnehmen.» Doch Dürr warnt eindringlich: «Für Schneesport abseits gesicherter Pisten bleibt die Situation aber vorerst kritisch.»