Darum gehts
- Jacques Moretti ist gegen 200'000 Franken Kaution aus der Haft entlassen
- Ein Genfer Millionär mit Konto in Dubai bezahlte diese Summe
- Maximale Strafe für mehrfache fahrlässige Tötung beträgt 4 ½ Jahre
Jacques Moretti ist frei. Seine 200'000-Franken-Kaution wurde von einem «anonymen Freund» bezahlt. Laut «La Repubblica» handelt es sich dabei um einen Genfer Millionär mit Konto in Dubai.
Könnte sich der Inferno-Wirt jetzt theoretisch ins Ausland absetzen und so einer potenziellen Strafe entfliehen? So einfach ist es nicht. Auch eine bezahlte Kaution kann die Flucht eines Beschuldigten effektiv verhindern, erklärt Strafrechtsexperte André Kuhn (51).
Fluchtdruck und Vermögen entscheidend
So wird die Zahlung einer Kaution vom Zwangsmassnahmengericht nur dann bewilligt, wenn sie die Fluchtgefahr des Beschuldigten nicht erhöht, erklärt Kuhn. Die Höhe dieser Kaution ist dabei von mehreren Faktoren abhängig. Einerseits wird individuell eingeschätzt, wie hoch der Fluchtdruck eines Beschuldigten ist. Dabei werden etwa die familiären Umstände berücksichtigt. Ein Punkt laut Kuhn: «Wie hoch ist die Chance, dass ein Ehemann flüchtet und seine Frau zurücklässt?»
Auch die potenzielle Strafe bei einer Verurteilung wird in Betracht gezogen. Diese könnte im Falle der Morettis überraschend milde ausfallen. So liegt die absolute Höchststrafe für mehrfache fahrlässige Tötung in der Schweiz bei 4 ½ Jahren.
Neben dem Fluchtdruck wird auch das Vermögen des Beschuldigten in Betracht gezogen, erklärt der Experte. So soll das Bezahlen einer Kaution einen Verdächtigen finanziell so stark einschränken, dass eine Flucht quasi unmöglich wird. Grundsätzlich gilt also: «Je höher der Fluchtdruck und das Vermögen, desto höher die Kaution.»
Sozialer Druck soll Flucht verhindern
Jacques Moretti musste sich also höchstwahrscheinlich bei diesem «anonymen Freund» verschulden, damit dieser seine Kaution überhaupt bezahlen durfte. «Wenn es sich um eine Schenkung gehandelt hätte, würde das Gericht prüfen, ob die Kaution ihre Funktion als Massnahme zur Verhinderung der Flucht überhaupt noch erfüllen würde.» Wäre dies nicht mehr der Fall gewesen, hätte das Zwangsmassnahmengericht die Zahlung der Kaution auch verhindern können.
Dementsprechend befindet sich Moretti nun ziemlich sicher in einer Bringschuld bei seinem Begünstiger. Auch dieser soziale Druck ist als Mittel zur Fluchtverhinderung wirksam, meint Kuhn. «Sollte der Beschuldigte fliehen, behält der Staat die Kaution und der Beschuldigte kann sie der Drittperson kaum zurückzahlen», erklärt Kuhn. Das würde die Beziehung zwischen dem Verdächtigen und dem Begünstiger stark belasten. «Der Druck, dass bei einer Flucht diese Beziehung wohl kaputt geht, senkt den Fluchtdruck weiter.»
Für Jacques Moretti und seine Ehefrau Jessica gelten überdies strenge Auflagen der Behörden. Beide haben ihre Ausweisdokumente abgegeben und müssen sich regelmässig bei der Polizei melden.