«Ich bin sofort ohne Schuhe rausgerannt»
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Augenzeuge Osman Ismaili (67):«Ich bin sofort ohne Schuhe rausgerannt»

Faton Morina (32) sass im Postauto vis-à-vis von Roger K. (†65) – dann griff dieser zum Benzinkanister
«Als er sich anzündete, war sein Gesicht emotionslos»

In Kerzers FR hat sich vor einer Woche Roger K. in einem Postauto angezündet. Er riss fünf weitere Menschen mit in den Tod. Fünf weitere wurden beim Brand verletzt. Darunter Passagier Faton Morina. Blick hat ihn im Universitätsspital Lausanne besucht.
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Der kosovarische Tourist Faton Morina (32) ist einer der Überlebenden des Postauto-Brands in Kerzers.
Foto: zVg

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Postauto-Brand in Kerzers: Faton Morina überlebte Horror-Tat mit schweren Verletzungen
  • Der Täter übergoss sich mit Benzin und entzündete sich ohne zu zögern
  • Morina bleibt bis zur Heilung im Unispital Lausanne
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Faton Morina (32) schreitet vorsichtig im weiss-blauen Patientenkleid in ein leeres Zimmer im Universitätsspital Lausanne. Begleitet wird er von seinem eigenen Husten. Seine Hände sind bandagiert, an seiner Nasenspitze fehlt Haut.

Obwohl er noch sehr mitgenommen wirkt, begrüsst er die Blick-Reporterin mit strahlend grün-grauen Augen. Für das Gespräch nimmt er auf einem Sessel Platz. Morina ist einer der Überlebenden des Postauto-Brands von Kerzers FR. Sechs Personen, darunter der Täter, starben.

Morina war als Tourist in der Schweiz, um seinen Cousin zu besuchen. Er stammt aus dem kosovarischen Dorf Dobidol in der Gemeinde Rahovec. Der 32-Jährige hat sich bereiterklärt, mit Blick über die bangen Sekunden im Postauto zu sprechen. Aktuelle Aufnahmen von sich will er nicht – deshalb zeigt Blick ein Bild aus «glücklicheren Zeiten».

Mit tiefer, angeschlagener Stimme beginnt er: «Ich bin eingestiegen und sass gleich in der Mitte, links in Fahrtrichtung.»

Frontal vor ihm, Angesicht zu Angesicht: der spätere Täter Roger K.* (†65), der im Mehrzweckbereich auf einem der Klappsitze hockt. Mit dabei: Gepäck. Was genau, ist unklar.

Kanister mit Benzin

Morina lässt während der Fahrt seinen Blick nach draussen schweifen. Dann wird sein Blick ins Businnere gelenkt. «Ich sah, wie der Mann inzwischen auf den Beinen stand, sich mit einem Kanister – geschätzt etwa für 3 Liter – mit Benzin übergossen hatte und diesen wegschmiss», sagt Morina. «Ich stand auf und schrie: Nein! Stopp! Türe öffnen!»

Der Chauffeur reagiert sofort, bremst. Das Postauto stoppt mitten auf der Strasse auf Höhe der Migros in Kerzers. Der Fahrer schaut durch den Rückspiegel nach hinten. «Dann realisierten auch die anderen Passagiere, was passiert. Auch sie standen auf.»

Und der Täter? «Er wurde nervös, griff ratzfatz mit beiden Händen zum Feuerzeug und zündete sich etwa im Brustbereich an. Zuerst fingen aber seine Hände Feuer.» Was Morina beschäftigt: «Als er sich anzündete, zeigte er keine Reaktion, kein Zögern. Sein Gesicht war emotionslos.»

Sofort steht alles in Flammen. Faton und die anderen Passagiere versuchen, zu entkommen. Doch: «Das Feuer breitete sich blitzartig über den Boden hinweg aus.» Morina atmet zweimal tief ein – «denn dann kam der Rauch. Es wurde pechschwarz.» Morina kann seine Mitpassagiere nicht mehr ausmachen. Die Hitze wird unerträglich.

Die Flucht vor dem Feuer

«Zuerst wollte ich durch die Mitteltüre flüchten, wo ich eingestiegen war. Doch sie ging nicht auf», sagt Morina. Beim Versuch, sie aufzudrücken, verbrennt er sich die Hände.

Morina tastet sich durch den dichten Rauch nach hinten, in der Hoffnung auf eine weitere Tür. «Doch da war nichts», sagt er leise. «In diesem Moment habe ich aufgegeben. Ich glaubte, ich komme nicht mehr aus dieser Hölle raus. Ich war so verzweifelt.»

Gerade als er sich seinem Schicksal fügen will, bringt ihn etwas dazu, sich vom hinteren Bereich aus wegen des Rauchs und des Feuers rückwärts wieder zur Mitteltüre hinzubewegen. «Plötzlich landete ich rücklings draussen auf dem Boden.» Er geht vom Bus weg und erklärt Herumstehenden noch unter Schock: «Ein Mann hat sich angezündet.» Diese Szene wird gefilmt und geht später viral.

Trauer um die anderen Passagiere

Völlig ausser Atem macht Morina eine Pause, während er erzählt. Er nimmt einen Schluck aus der grossen Capri-Sun-Tüte. Seine Hände zittern. Durch die dicken Verbände bekommt er kaum den Deckel zu. Die Frage, ob man helfen soll, verneint er. Dann schaut er auf und sagt mit wässrigen Augen: «Ich konnte niemandem helfen, es ging alles so schnell.»

Auch nach einer Woche verfolgt ihn das Geschehen. «Mir bleiben vor allem der Blick des Chauffeurs im Spiegel, der Täter und die junge Frau in Erinnerung, die mit ihrem Freund nah beim Täter Platz nahm», sagt Morina. «Sie hatte etwas Engelhaftes, Reines und Kraftvolles. Ihre Wärme berührt mich noch jetzt.» Er meint damit die verstorbene Radiomoderatorin Lara Baumgartner (†26).

Bleibende Spuren

Am Montag – kurz vor dem Blick-Besuch – hat Morina erfahren, dass er bis zur vollständigen Heilung im Spital verweilen muss. Ob bleibende Schäden zu erwarten sind, will er nicht öffentlich sagen.

Bilder, die Morinas Bruder Blick kurz vor dem Gespräch präsentiert, zeigen aber, dass der Heilungsprozess an Morinas Händen vorwärtsgeht. Doch die Spuren der Horror-Tat werden wohl für immer sichtbar sein.

Morina gibt zu: Um sich auf seine Genesung zu fokussieren, hat er die Berichterstattung zur Tragödie bewusst gemieden. Auch über den Täter wolle er nichts wissen. «Der interessiert mich Null! Nichts macht seine Tat für mich erklärbar.»

«Was wirklich zählt»

Morina versucht tief einzuatmen und muss gleich wieder husten. «Diese Tat hat mir gezeigt, was wirklich zählt: Familie und das eigene Leben schätzen und auskosten.»

Seine nächsten Pläne? «Unbedingt ein Spiel von Real Madrid live sehen», sagt der vernarrte Fussballfan. «Und weiter die Welt bereisen.» Auch die Schweiz wolle er wieder besuchen – trotz der Horror-Tat.

Bevor sich Blick verabschiedet, will Morina noch eines unbedingt loswerden, obwohl seine Stimme bricht: «Ich möchte allen Betroffenen und ihren Familien mein Beileid aussprechen. Es tut mir von Herzen leid um ihren Verlust – und dass ich nichts tun konnte.»

*Name bekannt 

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