Darum gehts
- Gemeindepräsident Nicolas Féraud spricht am Dienstag zur Brandkatastrophe in Crans-Montana
- 40 Tote, jahrelange Missstände und Kritik: Féraud steht massiv unter Druck
- Versammlung nur für Stimmbürger und Medien, Sitzung wird live übertragen
Am Dienstagabend wird Gemeindepräsident Nicolas Féraud (55) nach rund einem halben Jahr endlich vor die Bevölkerung von Crans-Montana treten.
Erstmals seit der Brandkatastrophe in der Silvesternacht will er sich an der Gemeindeversammlung direkt den Fragen der Bürgerinnen und Bürger stellen und ausführlich erklären, welche Folgen die Brandkatastrophe für den Walliser Ferienort hat – finanziell, gesellschaftlich und persönlich.
Es dürfte emotional werden
Der Präsident und seine Verwaltung werden sich unangenehmen Fragen stellen müssen – die Emotionen werden hochgehen. Das wird auch in der Ankündigung auf die Versammlung ersichtlich.
Die Gemeinde mahnt zur Ruhe und schreibt: «Dritte, die an der Hauptversammlung teilnehmen, müssen so platziert werden, dass sie den ordnungsgemässen Ablauf der Beratungen nicht stören. Es ist ihnen nicht gestattet, das Wort zu ergreifen, und sie müssen sich angemessen verhalten, andernfalls riskieren sie, den Raum verlassen zu müssen.» Es wird also bereits im Voraus ein möglicher Rausschmiss angekündigt.
Fast ein halbes Jahr ist seit der Brandnacht vergangen, die 41 Menschen das Leben kostete und über 100 Personen verletzte. Im Zentrum steht auch der Präsident selbst.
Je mehr im Nachgang zur Katastrophe bekannt wurde, desto mehr zeichnete sich das Bild einer dysfunktionalen Gemeinde, die ihrer Aufgaben nicht Herr wird. Brandschutzkontrollen wurden jahrelang nicht durchgeführt, die Gemeinde war überfordert mit allem, was nach der Brandnacht passierte. Die internationale Kritik war verheerend, die Ausflüchte überzeugten die Öffentlichkeit nicht.
Féraud als Symbolfigur des Versagens
Féraud selbst wurde nach der Katastrophe zur Symbolfigur einer Krise, die weit über die eigentliche Brandursache hinausgeht. Gegen ihn läuft eine Strafuntersuchung – wie auch gegen elf weitere aktuelle und ehemalige Mitglieder der Gemeindeverwaltung. Féraud selbst hat bereits Fehler eingestanden und hält trotzdem er an seinem Amt fest, wie er vor zwei Wochen gegenüber Canal 9 nochmals klar beteuerte.
Nun muss er den Menschen in der Gemeinde erklären, wie es weitergeht. Denn die Folgen des Infernos reichen über die Tragödie jener Nacht hinaus. Die Brandkatastrophe hat Crans-Montana auch wirtschaftlich erschüttert – ein Ende ist vorerst nicht in Sicht. Die Gemeinde sieht sich mit enormen Kosten konfrontiert. Experten rechnen gegenüber Blick mit Gesamtkosten von bis zu einer Milliarde Franken, wobei noch nicht klar ist, wie diese Kosten aufgeteilt werden und welche Schadenersatzforderungen dereinst auf die öffentliche Hand zukommen könnten.
Bereits heute beschäftigen externe Experten, Anwälte, Opferfamilien und Krisenstäbe die Behörden. Hinzu kommen Fragen rund um Versicherungen, Schmerzensgelder und mögliche Haftungsansprüche.
Viele Einwohner kennen Opfer, Angehörige oder Verletzte persönlich. Die Katastrophe hat Familien, Vereine und Freundeskreise erschüttert. Die Wunden sind noch nicht verheilt.
Tourismus leidet
Auch der Tourismus leidet unter der Katastrophe. Laut aktuellen Zahlen der Tourismusorganisation CMTC verzeichnete die Destination über den gesamten Winter gerechnet ein Minus von fast 11 Prozent, wobei die Monate November und Dezember 2025 sehr stark frequentiert waren (plus von 14,2 Prozent). Von Januar bis April gingen die Logiernächte um 17,5 Prozent zurück.
Auch darüber will Féraud sprechen. Er hat angekündigt, nicht nur die finanzielle Situation der Gemeinde offen darzulegen, sondern auch aufzuzeigen, wie die Verwaltung seit der Katastrophe funktioniert hat und welche Perspektiven er für die Zukunft im Ferienort sieht.
Eines ist sicher: Die Gemeindeversammlung vom Dienstag wird zum Lackmustest für den Präsidenten und seine Verwaltung. Sie wird zeigen, ob Nicolas Féraud die Bevölkerung noch hinter sich hat.
Strenge Zutrittsbeschränkungen
Nur Stimmbürgerinnen und -bürger mit Ausweis sowie die Medien haben Zutritt zur Versammlung. Für alle anderen wird die Sitzung per Bildschirm ausserhalb des Saals übertragen.
Der Druck ist riesig. Die Öffentlichkeit erhofft sich Informationen, die Opferfamilien wünschen sich Erkenntnisgewinne zu den Verantwortlichen, die verunsicherten Bürger wollen wissen, wie es mit der Gemeinde weitergeht.
Eines ist sicher: Die Gemeindeversammlung wird kein Selbstläufer werden, bei dem Punkt für Punkt abgehakt wird, damit man so schnell wie möglich zum Apéro übergehen kann. Wenn Nicolas Féraud heute ans Rednerpult tritt, geht es um Vertrauen, Verantwortung und die Zukunft einer Tourismus-Destination.
Und darüber, ob der Mann an der Spitze die Gemeinde noch durch ihre grösste Krise führen kann.
Blick berichtet am Abend von der Versammlung, um 17.30 Uhr ist Türöffnung.