Die Schweiz im Jahr 2100
Die Eidgenossenschaft als Autokratie

Wird die Schweiz zum Auswanderungsland, zum Innovationsturbo oder zum autokratischen Krisenherd? Ein neuer Bericht des Bundes modelliert fünf Zukunftsszenarien für das Ende des Jahrhunderts.
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In einem der Zukunftsszenarien gleicht das Mittelland einer zusammenhängenden Stadt.
Foto: keystone-sda.ch

Darum gehts

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Sara BelgeriRedaktorin

Schweiz, Sommer 2095: Die Luft flimmert vor Hitze. Das Mittelland ist fast vollständig überbaut und durchzogen von Strassen. Die Agglomerationen und Städte im flachen Streifen Land sind zusammengewachsen und gleichen einer Megacity.

Das Credo der letzten Jahrzehnte? Wachstum. Die ressourcenintensive Wirtschaft basiert auf fossiler Energie. Nach dem Boom der ersten Jahrhunderthälfte stagniert die Konjunktur heute. Die Treibhausgasemissionen, die zuvor drastisch in die Höhe geschossen waren, sind wieder etwa auf dem gleichen Niveau wie heute. Klimapolitik wird keine betrieben.

Fossile Energie ist teuer geworden. Flugreisen können sich nur noch die Reichsten leisten. Viele Menschen lassen das Auto stehen, weil Benzin nicht mehr erschwinglich ist. Die europäischen Staaten konkurrieren erbittert um Öl- und Gaslieferungen.

In vertikalen, energieintensiven Landwirtschaftsanlagen wird Getreide angebaut. Nutztiere werden in gigantischen, mehrstöckigen Stallkomplexen gehalten. Die Lebensmittelpreise steigen, weil Energie teuer und Dünger und Futtermittel kaum noch importiert werden können.

Immer mehr Menschen und Unternehmen verlassen die Schweiz.

Die Schweiz steht isoliert da. Die Regierung wird zusehends autokratisch, da sie angesichts der multiplen Krisen meist per Notrecht regieren muss.

Fünf Zukunftsszenarien 

So könnte die «ressourcenintensive Schweiz» Ende dieses Jahrhunderts aussehen. Es ist eines von fünf Zukunftsszenarien, die Forschende der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL entwickelt haben.

Die sogenannten «Shared Socioeconomic Pathways» für die Schweiz (SSP-CH) zeigen, wie sich Gesellschaft, Wirtschaft und Politik bis 2100 entwickeln könnten. Sie orientieren sich an den globalen sozioökonomischen Szenarien des Weltklimarats (IPCC), die für Klimamodellierungen verwendet werden.

Es handelt sich dabei um ein Projekt des National Centre for Climate Services (NCCS), einem Zusammenschluss von sechs Bundesämtern sowie der WSL und der ETH Zürich. Auf Grundlage dieser Szenarien und unter Berücksichtigung unterschiedlicher Klimapolitiken wurden anschliessend mögliche zukünftige Treibhausgasemissionen der Schweiz modelliert.

Mix aus Szenarien 

«Keines der fünf Szenarien ist wahrscheinlicher als ein anderes», sagt Lena Gubler, WSL-Geografin und Hauptautorin des Berichts. «Und wahrscheinlich wird auch nie genau eines davon eintreffen.» Die Zukunft werde wohl eher ein Mix aus allen Szenarien sein.

Für die Studie sprach das Forschungsteam mit rund 60 Expertinnen und Experten aus 20 Institutionen – von Energie- und Landwirtschaftsfachleuten bis zu Soziologinnen, Sicherheitsexperten und Demokratieforschern. Das sind die vier weiteren möglichen Entwicklungen:

Die genügsame Schweiz

In diesem Zukunftsszenario dominieren in der Schweiz gesellschaftlicher Zusammenhalt, Vertrauen in Institutionen und solidarische Werte. Konsum, Wachstum und Individualismus haben an Bedeutung verloren, der wirtschaftliche Wohlstand ist gesunken. Die Landwirtschaft ist nachhaltig und der Fleischkonsum stark zurückgegangen. Die Schweiz ist stärker selbstversorgend und wirtschaftlich weniger global vernetzt.

In diesem Szenario sinken die Emissionen aufgrund des hohen Umweltbewusstseins und des reduzierten Konsums im Verlauf der Zeit deutlich. Das Netto-Null-Ziel lässt sich jedoch nur mit zusätzlichen klimapolitischen Massnahmen erreichen.

Die effiziente Schweiz

Dieses Szenario beschreibt eine Zukunft, in der die Schweiz vollständig auf erneuerbare Energien setzt. Die Wirtschaft wächst dank technologischer Innovation moderat weiter. Der Staat greift stärker umverteilend ein und baut soziale Leistungen aus: Hohe Vermögen und Gewinne werden stärker besteuert, Bildung und Betreuung ausgebaut. Die Schweiz ist eng mit Europa vernetzt.

Auch in diesem Szenario gehen die Emissionen zurück – hauptsächlich wegen der hohen Effizienz. Mit zusätzlichen klimapolitischen Massnahmen werden die Emissionen negativ.

Die konfliktreiche Schweiz

In dieser Zukunft wird ein langsamer Zerfall beschrieben. Politische Polarisierung blockiert Reformen, Korruption und Klientelismus nehmen zu. Innovation stagniert, Unternehmen wandern ab, der Staat spart immer stärker bei Bildung, Gesundheit und Sozialleistungen. Die Schweiz isoliert sich international zunehmend. Energie und Rohstoffe werden knapp. Am Ende des Jahrhunderts organisieren sich viele Menschen in clanartigen Familienstrukturen, weil staatliche Absicherung fehlt. Städte verlieren Bevölkerung, die Menschen ziehen zurück aufs Land, weil sie sich dort besser selbst versorgen können. Der Ressourcenverbrauch ist hoch, die Ressourceneffizienz niedrig.

Die negativen wirtschaftlichen Entwicklungen, der Rückgang internationaler Beziehungen und Wohlstandsverlust führen auch in diesem Szenario zu einer langfristigen Reduktion der Treibhausgase.

Die ungleiche Schweiz

Hier bleibt die Schweiz reich, vom Reichtum profitieren aber nur wenige. Eine kleine, global vernetzte Elite kontrolliert Wirtschaft und Politik. Digitalisierung und Technologisierung haben viele Arbeitsplätze vernichtet, der Mittelstand schrumpft dramatisch. Der Niedriglohnsektor wächst, während sich Vermögen immer stärker konzentriert. Viele staatliche Leistungen sind privatisiert: Gute Schulen, Gesundheitsversorgung oder Pflege können sich nur noch Wohlhabende leisten. Die Mehrheit lebt in prekären Verhältnissen in dichten Agglomerationen rund um die Städte. Soziale Spannungen nehmen zu.

Auch in diesem Szenario sinken die Treibhausgasemissionen mit minimaler Klimapolitik im Vergleich zu mit heute. Sie bleiben aber höher als in der effizienten und der genügsamen Schweiz und tiefer als in der konfliktreichen Schweiz.

Diskussionsgrundlage  

Bei den Szenarien handelt es sich weder um Wunschbilder noch um klassische Trendanalysen, so Lena Gubler. Stattdessen haben die Forschenden unterschiedliche Zukunftsbilder entwickelt, die zusammen einen möglichst breiten «Möglichkeitsraum» der Schweiz bis 2100 abdecken. Oder anders gesagt: verschiedene Möglichkeiten aufgezeigt, wie die Zukunft denkbar wäre.

Im Zentrum steht dabei nicht primär die Frage, wie sich das Klima verändert, sondern wie gesellschaftliche Veränderungen das Klima beeinflussen könnten.

Die Szenarien sollen deshalb vor allem als Diskussionsgrundlage dienen. «Wir wünschen uns, dass Politik, Verwaltung und Wirtschaft weiterhin und verstärkt systemisch denken», sagt Lena Gubler. «Das heisst: Sektoren wie Verkehr oder Energie nicht isoliert betrachten, Wechselwirkungen einbeziehen, vorhandene Signale ernst nehmen und daraus konkrete Handlungsfelder entwickeln.»

Das könnte man bereits 2026 tun.

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