Interview mit dem Chef-Badmeister
«Euer Spass ist unser Applaus»

Der oberste Badmeister der Schweiz weiss, was seine Kolleginnen und Kollegen umtreibt. Michel Kunz sagt, was er in 32 Badi-Jahren beobachtete, wie man mit Jugendlichen reden muss und warum er sich das Schwimmen selbst beibrachte.
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Wenige Minuten vom Bahnhof Biel entfernt liegt das Strandbad. Auch hier war Michel Kunz mal Badmeister.
Foto: Remo Buess
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Lynn Scheurer
Schweizer Illustrierte

Sommerzeit ist Badizeit! Während der Hitzewelle werden die Freibäder für viele zum Paradies. Für Michel Kunz, 68, waren sie während drei Jahrzehnten Alltag. Der pensionierte Bieler Badmeister ist heute Präsident seines Berufsverbandes. Er kennt die Sonnen- und die Schattenseiten unseres Zufluchtsortes.

Schweizer Illustrierte: Wer sind die entspanntesten Badigäste?
Michel Kunz: Ältere Stammgäste. Sie kennen den Betrieb, wissen, welche Zeiten günstig sind – und sie haben selbst genug Zeit. In der Badi finden sie Gesellschaft und manchmal auch Freundschaften. Wenn ich Zeit hatte, habe ich mich früher manchmal auch für einen Kaffee dazugesetzt.

Wer sind die gestressten Badigäste?
Jene, die erst Mitte Nachmittag ankommen. Vielleicht hatten sie es gar nicht vor, aber zu Hause haben die Kinder gebettelt, also geht man halt noch. Nun sind die Schattenplätze natürlich weg, und der Besuch entwickelt sich häufig nicht so locker, wie man es sich vorgestellt hatte.

Warum brennen bei manchen Gästen in der Badi die Sicherungen durch?
Die grosse Mehrheit der Gäste ist friedlich und entspannt. Es ist mir wichtig, das zu betonen. Aber tendenziell nimmt der Stress in den Badis zu. Ganz einfach, weil immer mehr Leute da sind. Vom Grossraumbüro gehts in den vollen ÖV und dann noch in die volle Badi – in der Freizeit fühlt man sich von anderen schnell eingeengt.

Ist doch klar, dass bei gutem Wetter viele Leute in die Badi gehen.
Ja, aber schwierig ist es etwa, wenn man mit Kindern keinen Schattenplatz mehr findet. Uns Badmeister beschäftigt, wie wir die Grünanlagen trotz Klimawandel erhalten können. In einigen Bädern wurde die Liegewiese ja bereits zur Steppe. Mancherorts braucht es heute ganz andere Pflanzen als früher, damit wir auch in Zukunft genügend Schatten und grüne Wiesen haben.

Über welche Badigäste ärgern Sie sich?
Über Eltern, die mit ihren Kindern nicht einmal ins Wasser gehen.

Meinen Sie Eltern von Kindern, die schon selbst schwimmen können?
Selbst wenn das Kind schon schwimmen kann: Warum geht man als Vater oder Mutter nicht mit rein? Es ist doch schön, mit dem Kind im Wasser zu spielen und herumzutollen. Manche Eltern scheinen in der Badi nur Zeit abzuhocken.

Nimmt die Ablenkung durch Handys zu?
Leider. Ich habe schon beobachtet, wie ein Kleinkind ins Wasser fiel. Die Mutter hatte es nicht mal gemerkt, weil sie am Handy war. Ich hab ihr das nasse Kind dann gebracht. Was viele nicht bedenken: Ein kleines Kind kann in 20 Zentimetern Wasser ertrinken. Mit ihrem schweren Kopf haben sie selbst an Land manchmal Mühe, aufzustehen. Wenn sie im Wasser nicht mehr hochkommen, machen sie keinen Lärm. Sie ertrinken still.

Artikel aus der «Schweizer Illustrierten»

Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Näher dran – an Stars, Royals und Menschen mit Geschichten. Hier gehts zum Abo!

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Haben Sie das selbst schon erlebt?
Zum Glück nicht. Aber es geht mir bei der Handy-Thematik nicht nur um die Sicherheit. Man vergibt sich doch so viel, wenn man dauernd abgelenkt ist. Schauen Sie: Hier im Strandbad Biel sieht man bis zur Petersinsel. Es gibt so viel zu entdecken. Das ist Lebensqualität! Wenn wir Badmeister sehen, wie Familien gemeinsam im Wasser planschen und Spass haben, gibt uns das Energie. Das ist unser Applaus.

Sagen Sie den Leuten manchmal, Sie sollen das Handy weglegen?
Ja, wenn es um die Sicherheit geht. Aber in einem freundlichen Tonfall. Wir klären die Eltern darüber auf, dass sie eine Aufsichtspflicht haben. Wir sind für alle da, aber nicht für jeden Einzelnen.

Freuen sich Badmeister über schlechtes Wetter?
Manchmal (schmunzelt). Man kann die Anlage auf Vordermann bringen, das Lager auffüllen. Und vielleicht darf das Personal mal einen Tag zu Hause bleiben.

Ist der Job so schlimm, dass man sich davon erholen muss?
Lange Schönwetterphasen sind streng. Man arbeitet vor allem dann, wenn andere ihre Freizeit geniessen. Damit muss man umgehen können.

Dazu kommen ruppiger werdende Gäste: Mancherorts patrouillieren jetzt Securitas durch die Badis.
Es mag komisch anmuten, aber es entlastet uns. Wir Badmeister müssen an den neuralgischen Punkten präsent sein: Rutschbahnen, Sprungtürme. Dazwischen rotieren wir. Gibt es einen längeren Konflikt zwischen Gästen, fehlt der Badmeister in der Zeit woanders. Die Sicherheitsdienste bewirken mit ihrer reinen Präsenz viel.

Ist ein Badmeister keine Autorität mehr?
Wer ist das heutzutage noch? Nicht mal ein Lehrer oder Polizist. Mancherorts braucht es diesen Effekt von Sicherheitspersonal einfach.

Was sind die häufigsten Badisünden?
Nicht zu duschen vor dem Baden. Das führt dazu, dass wir mehr Chemie ins Wasser lassen müssen, als eigentlich nötig wäre.

Warum sind die Duschen denn eiskalt? Könnte man das Wasser nicht wärmen?
Das wird in vielen Badis bereits mit Solarenergie gemacht. Ansonsten gerne beim Personal als gute Idee deponieren.

Was wird auch noch falsch gemacht?
Unterhosen unter der Badehose zu tragen. Dieser Trend hat aber schon wieder ein wenig nachgelassen. Wir erklären gerne, warum es in der Badi gewisse Regeln gibt. Aber es hat Grenzen. Wenn das Gegenüber dann immer noch nicht verstehen will, muss es Konsequenzen haben – bis zum Hausverbot. Es geht ja darum, dass alle einen schönen Badetag haben können.

Sind Sie nach all den Jahren in der Badi ernüchtert über unsere Gesellschaft?
Nein, gar nicht. Der Grossteil unserer Besucher ist super! Manchmal gibt es gewisse Brennpunkte wie jetzt in Basel oder in der Grenzregion zu Frankreich. Aber das sind regionale Probleme, die nicht für die ganze Schweiz gelten.

Trotzdem: Zustände wie im jurassischen Pruntrut, wo Ausländer nach Regelverstössen nun den doppelten Badi-Preis zahlen müssen, sind doch erschreckend?
Solche Massnahmen zeigen, wie schwierig die Situation dort ist. Ohne Grund greift kaum jemand zu solchen Regeln! Deren Umsetzung ist ja auch mit einem Mehraufwand verbunden.

Welche schönen Momente bleiben Ihnen in Erinnerung?
Einmal hat mir jemand auf die Schulter geklopft und gesagt: «Hei, ich kam als Jugendlicher zu dir baden. Ich war nicht grad der Brävste und hab damals oft Mist gebaut.» Danach wollte er, dass ich seine Frau und seine Kinder kennenlerne, die er mit in die Badi gebracht hatte. Herrlich!

Wie findet man als Badmeister den richtigen Ton mit aufmüpfigen Jugendlichen?
Herausfinden, wer der Anführer ist. Man kann einfach fragen: Wer ist bei euch der Chef? Und dann versuchen, ihn an der Ehre zu nehmen.

Was meinen Sie damit?
Zum Beispiel sagen: Hei, schau, dass du deine Mannschaft im Griff hast. Die hören auf dich. Und dann eine Lösung vorschlagen – nicht gleich mit dem Rauswurf drohen.

Ein Badmeister ist also auch Jugendarbeiter …
… Wassertechnologe, Sanitäter, Reinigungskraft und ein halber Psychologe (lacht).

Warum fehlt für diesen vielseitigen Job der Nachwuchs?
Wer Badmeister wird, arbeitet bei schönem Wetter. Damit kommen nicht alle klar. Man hat eine grosse Verantwortung, aber auch eine grosse Befugnis. Manchen liegt das Technische, aber als Badmeister muss man auch das menschliche Element beherrschen.

Welche Themen beschäftigen Ihren Verband derzeit?
Es ist wichtig, dass Kinder Schwimmen lernen. Nicht immer wird darunter dasselbe verstanden. Seit einiger Zeit gibt es den Wassersicherheitscheck. Den können die Kinder in der 3. oder 4. Klasse absolvieren. Manche Badis lassen unbegleitete Kinder nur noch rein, wenn sie diesen Check bestanden haben. Das Modell kommt aus Kanada, und ich finde es sehr sinnvoll.

Welche Erinnerungen haben Sie an die Badi Ihrer Kindheit?
Mein Vater ging nicht in die Badi, für ihn war das Chemiewasser. Meine Mutter konnte nicht schwimmen. Also bin ich alleine gegangen und hab mir das Schwimmen selbst beigebracht.

Wie alt waren Sie da?
Sechs oder sieben. Ich habe viel Quatsch gemacht in der Badi (lacht).

Zum Beispiel?
Schön geschminkte Frauen angespritzt, damit ihr Make-up verläuft. Irgendwann hat mich der Badmeister erwischt und ich musste den Abfall auf der Anlage zusammensuchen. Als Badmeister sollte man nicht vergessen, dass man auch mal jung war.

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