Darum gehts
- Kandersteg kämpft gegen Asylheim-Pläne für 200 Geflüchtete
- Heim entspricht 12 Prozent der Bevölkerung
- Petition gegen Projekt läuft, schon 380 Unterschriften
Wer in Kandersteg BE auf der Suche nach einer Wohnung ist, der hat es schwer. Wohnraum ist knapp, denn Bauen ist in der Tourismusgemeinde im Berner Oberland fast unmöglich. Der Grund ist der Berg über dem Dorf, der Spitze Stein. Seit dem Jahr 2019 ist dieser (2974 m ü. M.) immer mehr in Bewegung. Im schlimmsten Fall könnten bis zu 18 Millionen Kubikmeter Gestein ins Tal donnern.
Deshalb wurde vom Kanton Bern über grosse Teile des Dorfs eine Planungszone verhängt. Heisst: Baulich läuft hier vorerst nichts. Besonders betroffen ist das Zentrum von Kandersteg. Blick trifft René Maeder (72, die Mitte), Gemeinderatspräsident des Dorfs. «Viel Liebe spüren wir aus Bern nicht gerade für unser Dorf», sagt er zu Blick. «Der Spitze Stein ist eine grosse Hypothek für die Zukunft des Dorfs und nun drückt uns der Kanton auch noch ein Asylheim aufs Auge.»
Bis zu 200 Asylbewerber
Am Ortseingang von Kandersteg hat der Kanton ein Institut – ein ehemaliges Internat – für zehn Jahre gemietet. Bis 2028 soll das Gebäude so umgebaut werden, dass hier bis zu 200 Asylbewerber unterkommen können. Vorgesehen ist eine durchschnittliche Belegung von 160 Personen. Das in die Jahre gekommene Gebäude soll dafür grundlegend saniert werden. Der grosse Vorteil: Das Institut liegt ausserhalb der Gefahrenzone.
Für den Gemeinderatspräsidenten ist das Projekt eine verpasste Chance, die Wohnraumsituation in seinem Dorf zu verbessern. «Es fehlt massiv an Wohnungen. Die Anstellung eines Bademeisters scheiterte beispielsweise, weil der Mann in Kandersteg keine Wohnung gefunden hat», sagt er.
Auch für Fabian Wyssen (27) sind die Pläne für ein Asylheim, gepaart mit der Wohnungssituation in Kandersteg, ein unhaltbarer Zustand. Vor gut drei Wochen hat er deshalb eine Petition gegen das Asylheim lanciert. Bis heute haben 380 Personen unterschrieben.
Wyssen sagt zu Blick: «Der Hauptgrund für die Petition war, dass hier in Kandersteg viele Familien Wohnungen suchen und diese einfach nicht finden.» Nun hätte man ein gutes Gebäude gehabt, um etwas Abhilfe zu schaffen. Doch nun komme das Asylheim. «Wir brauchen aber Wohnungen für Familien, damit das Dorf langfristig nicht ausstirbt», betont Wyssen.
Kritik an der Dimension
Das Thema Wohnraum ist nicht das Einzige, was die Menschen im Zusammenhang mit dem Asylheim umtreibt. «Das sind einfach zu viele», sagt ein älterer Mann auf der Strasse und macht damit klar: Die Dimension des Asylheims kommt bei den Einheimischen schlecht an.
Gemeinderatspräsident Maeder sagt: «In diesem Ausmass, in dieser Grössenordnung wollen wir das nicht. Das ist total überdimensioniert. 200 Betten würden gut 12 Prozent der Bevölkerung ausmachen.» Kandersteg hat gut 1300 Einwohner. «Das wäre das Gleiche, wie wenn die Stadt Bern auf einen Schlag 15'000 Asylbewerber aufnehmen müsste», erklärt Maeder. «Das führt unweigerlich zu Problemen.»
Das Dorf Kandersteg sei durchaus bereit, Asylbewerber aufzunehmen – aber nicht in diesem Ausmass. «Entsprechend gross ist der Widerstand in der Bevölkerung», sagt Maeder. Auch Fabian Wyssen sagt: «Eine solche Zahl können wir nicht verarbeiten mit unserer Infrastruktur und mit der Integration schon gar nicht.»
Diesem Widerstand will der Kanton am Freitagabend anlässlich einer Infoveranstaltung den Wind aus den Segeln nehmen. «Doch wenn der Kanton an seinen Plänen festhält, wird das nicht funktionieren», so der Gemeinderatspräsident. Maeder erwartet hitzige Diskussionen. Die Besitzer des Instituts wollten sich nicht im Vorfeld zu der Thematik äussern.
Widerstand programmiert
Bislang sieht es nicht danach aus, dass der Kanton von seinen Plänen abrückt. Das Baugesuch sei mit 200 Betten eingereicht, sagt Maeder.
Auf Blick-Anfrage teilt Gundekar Giebel, Sprecher der Gesundheits-, Sozial- und Integrationsdirektion des Kantons Bern, mit: «In erster Linie sind passende Gebäude zur Unterbringung von geflüchteten Personen ausschlaggebend für den Standort, und geeignete Objekte sind sehr rar», sagt Giebel. «Die Unterkünfte müssen genügend gross sein, damit sie wirtschaftlich geführt werden.»
Zudem ist eine ausgewogene Verteilung der Unterkunftskapazitäten in den unterschiedlichen Verwaltungsregionen des Kantons Bern einzuhalten. Dazu kommt, dass in absehbarer Zeit andere Unterkünfte im Berner Oberland geschlossen werden müssen. Heisst zusammengefasst: Das Institut in Kandersteg ist für den Kanton eine ideale Möglichkeit.
Das kommt beim Gemeinderatspräsidenten schlecht an. «Wenn nötig, werden wir das Projekt mit Einsprachen lahmlegen und maximal verzögern!», sagt René Maeder kämpferisch. Gegebenenfalls werde man bis vor Bundesgericht gehen. Das dürfte einer geplanten Eröffnung der Unterkunft im Jahr 2028 im Wege stehen. «Wir sind bereit, unseren Beitrag zu leisten, aber nicht so», sagt Maeder.