«Wir müssen denen nicht reinreden»
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ESAF-Besucher zu Umsieldungen:«Wir müssen denen nicht reinreden»

Bergler unter Druck
«Wir können doch nicht unsere Heimat aufgeben»

Beim ESAF im Glarnerland steht die Bergtradition im Mittelpunkt. Eine Blick-Umfrage offenbart jedoch: Die Mehrheit der Schweizer lehnt den Wiederaufbau zerstörter Bergdörfer ab und befürwortet Zwangsumsiedlungen bei Naturgefahren. Die ESAF-Besucher halten davon wenig.
Publiziert: 18:01 Uhr
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Aktualisiert: 19:54 Uhr
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Die Zerstörung von Blatten zeigt: Die Solidarität mit den Berggebieten ist unter Druck geraten. Das zeigt eine Umfrage von Blick.
Foto: Keystone

Darum gehts

  • Schweizer Bergtradition auf dem Prüfstand beim eidgenössischen Schwing- und Älplerfest ESAF
  • Debatte über Wiederaufbau von Bergdörfern nach Naturkatastrophen und vorsorgliche Umsiedlungen
  • 55 Prozent der Schweizer gegen Wiederaufbau von Blatten VS nach Bergsturz
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.

Das eidgenössische Schwing- und Älplerfest ESAF im Glanerland ist dieser Tage das Epizentrum der Schweizer Bergtradition. Tradition, Geselligkeit und Sport stehen im Fokus. «Ich freue mich auf ein tolles Fest, vor allem aufs Schwingen», sagt Konrad Alder (64), Chauffeur aus Maienfeld GR, zu Blick.

Doch grundsätzlich steht die Tradition der Bergbevölkerung in der Schweiz auf dem Prüfstand. Schönes Fest, schöne Bilder – ja. Solidarität um jeden Preis? Eher weniger.

Blatten und die Folgen

Konkret scheint der Gedanke, ein Bergdorf nach einer Katastrophe unter allen Umständen wieder aufzubauen, in der Schweiz nicht mehr zeitgemäss zu sein. Nach dem Bergsturz von Blatten VS vor gut drei Monaten und der Zerstörung des Dorfs sind heute 55 Prozent der Schweizer gegen einen Wiederaufbau des Dorfs. Das zeigt eine exklusive Umfrage von Blick, durchgeführt von Politologe Michael Hermann (53).

Besonders brisant: Fragt man nur die Städter, sind nur 30 Prozent für einen Wiederaufbau.

Und es kommt noch schlimmer für die Bergler. Denn eine satte Mehrheit der Befragten findet, dass die Behörden Personen dazu zwingen können sollen, ihren Wohnort zu verlassen – sogar, wenn nur ein mittelfristiges Risiko für ein Naturereignis besteht. Gleich 58 Prozent sagen dazu «ja» oder «eher ja». 39 Prozent sind «dagegen» oder «eher dagegen».

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Vorsorgliche Umsiedlungen – lieber nicht

Auf dem Festgelände des ESAF ist am Freitag schon einiges los. Die Schwingfans sind aus allen Teilen des Landes ins Glarnerland gereist. Blick will wissen: Wie stehen sie dazu, dass eine Mehrheit der Schweiz sich offenbar zunehmend von der Lebensweise der ländlichen und alpinen Regionen des Landes abwendet? Wenn Gefahr droht, soll lieber gleich evakuiert und umgesiedelt werden.

Urs Waser (79), pensionierter Unternehmer aus dem Baselbieter Laufental, hat da eine klare Meinung. «Wenn die Gefahr gross ist, Leben bedroht sind, dann muss selbstverständlich evakuiert werden», sagt er. Von vorsorglichen Umsiedlungen bei geringeren Gefahren hält er aber nichts. «Da bin ich vollkommen dagegen», betont Waser.

Ähnlich sieht das Sarina Tschudi (22), selbständige Floristin aus Netstal GL. «Wir können doch nicht einfach so unsere schöne Heimat aufgeben», sagt sie. Von vorauseilenden Umsiedlungen hält auch die junge Frau nichts.

Jürg Wüst (65), pensionierter Holzhändler aus Möriken AG, plädiert für die Eigenverantwortung. «Die Bergler kennen die Gefahren, wissen damit umzugehen. Sie sollen entscheiden, die Städter sollen nicht dreinreden.»

Wichtige Funktion der Dörfer

Konrad Alder gibt einen weiteren Punkt zu bedenken. «Die Bergdörfer und ihre Bevölkerung erfüllen eine wichtige Funktion. Durch die Bewirtschaftung des Berggebiets helfen sie bei der Prävention von Naturgefahren, zum Beispiel bei der Pflege der Schutzwälder», sagt er.

Das sieht auch Thomas Egger (58), Direktor der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete, so. Bereiche wie der Tourismus wären massiv betroffen, so der oberste Bergler. «Wanderwege würden nicht mehr gepflegt und keine Skipisten präpariert. Wenn am Gotthard kein Unterhalt gemacht wird, ist irgendwann eine internationale Transitstrasse unterbrochen.» Auch die Energieproduktion fände zu einem grossen Teil in den Bergen statt. «Dazu kommt die Landwirtschaft. Und auch die Unterländer profitieren von Schutzmassnahmen in den Bergen», so Egger im Interview mit Blick.

«Wäre sehr schade»

Würde man das Berggebiet de facto aufgeben, so dürfte man folglich auch Anlässe wie das ESAF nur noch in urbanen Gebieten durchführen. «Das wäre sehr schade und ich kann mir nicht vorstellen, dass das passiert», sagt Judith Gmür (54), Hauswartin aus Nesslau SG.

Leo Kuoni (71), pensionierter Steuerverwalter und Weinbauer aus Maienfeld GR, sagt: «Schlussendlich kann man nicht jede Eventualität und jede Gefahr ausschliessen.»

«Obwohl die Alpen für das Selbstbild der Schweiz so wichtig sind, ist die Bevölkerung erstaunlich fatalistisch», fasst Politologe Hermann zusammen. «Man hat sich mit dem Klimawandel abgefunden und akzeptiert, dass es entsprechende Massnahmen braucht.» Für die Bergbevölkerung könnte es so allmählich eng werden.


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