Sobald Felssturz droht
Volk will Bergler zwangsumsiedeln!

Der Bergsturz von Blatten VS hat das Land erschüttert. Mittlerweile aber ist die Solidarität der Nüchternheit gewichen. Das zeigt eine exklusive Umfrage mit brisanten Resultaten: Sind Naturgefahren nur schon möglich, soll die Bergbevölkerung diesen aus dem Weg gehen.
Publiziert: 00:18 Uhr
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Aktualisiert: 06:30 Uhr
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Der Bergsturz in Blatten VS bewegte die Schweiz.
Foto: Screenshot

Darum gehts

  • Mehrheit gegen Wiederaufbau von Blatten – die Solidarität weicht nüchternem Realismus
  • Umstrittene Zukunft: Nur eine Minderheit glaubt an ähnliches Wiederaufbauresultat wie Zustand vor dem Bergsturz
  • 58 Prozent befürworten Zwangsumsiedlungen bei mittelfristigem Risiko für Naturereignisse
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Daniel BallmerRedaktor Politik

Der Albtraum ist wahr geworden. Zehn Millionen Kubikmeter Fels, Eis und Geschiebe sind heruntergedonnert. Der Bergsturz hat Ende Mai das Dorf Blatten VS unter sich begraben – die Heimat und Existenz von mehr als 300 Menschen. Die Katastrophe im Lötschental hat die Schweiz erschüttert. Die Solidarität war gross. Der Wiederaufbau hat begonnen.

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Drei Monate später aber scheint es vorbei zu sein mit der Solidarität. In der Bevölkerung ist es höchst umstritten, ob Blatten wirklich wiederaufgebaut werden soll. Das zeigt eine Umfrage des Forschungsinstituts Sotomo im Auftrag von Blick. Nur 42 Prozent der Befragten sagen «ja» oder «eher ja» zum Wiederaufbau. 55 Prozent sind dagegen. Dabei zeigt sich: Unter der Landbevölkerung (51 Prozent) ist die Zustimmung deutlich grösser als unter Städtern (30 Prozent).

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Politologe und Sotomo-Chef Michael Hermann (53) spricht von «brisanten» Resultaten. Das Schockereignis habe im Land Emotionen und eine grosse Spendenbereitschaft ausgelöst. Da sei es bemerkenswert, dass nun eine Mehrheit gegen den Wiederaufbau von Blatten ist: «Das widerspricht der anfänglich grossen Solidarität. Sie ist nüchternem Realismus gewichen.» Mit der Zeit habe die emotionale Distanz wieder zugenommen. «Das ist ein normaler Prozess, der sich bei jedem Katastrophenereignis zeigt», sagt Hermann.

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Bergbevölkerung zwingen, die Heimat zu verlassen?

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Umstritten ist auch die Frage, wie die Zukunft von Blatten aussehen könnte. Verschiedene Möglichkeiten kursieren. Nur 24 Prozent denken, dass das Dorf wieder in ähnlichem Rahmen aufgebaut wird wie vor dem Bergsturz. 29 Prozent finden, dass Blatten nur noch in kleinerer Form und mit weniger Einwohnern wiederauferstehen soll. Und 36 Prozent der Befragten gehen gar nicht davon aus, dass das Dorf tatsächlich wiederaufgebaut wird.

Für die Bergbevölkerung kommt es aber noch ärger. Denn eine satte Mehrheit der Befragten findet, dass die Behörden Personen dazu zwingen können sollen, ihren Wohnort zu verlassen, sogar wenn nur ein mittelfristiges Risiko für ein Naturereignis besteht. Gleich 58 Prozent sagen dazu «ja» oder «eher ja». 39 Prozent sind «dagegen» oder «eher dagegen».

Ruf nach obligatorischer Gebäudeversicherung

Als wäre der Bergsturz in Blatten nicht schlimm genug gewesen: Einheimische hatten ihre Häuser und Wertsachen nicht oder ungenügend versichert. Das Wallis ist neben Genf, Tessin und Appenzell-Innerrhoden einer von vier Kantonen, die keine obligatorische Gebäudeversicherung haben. Immobilienbesitzer dürfen frei entscheiden, ob und für wie viel sie eine Gebäudeversicherung abschliessen.

Das soll sich ändern. Der Bund soll von allen Kantonen verlangen, eine obligatorische Gebäudeversicherung einzuführen. 85 Prozent der Befragten sind dafür, 13 Prozent skeptisch bis dagegen.

Der Bundesrat verweist hingegen auf die Zuständigkeit der Kantone und sieht keinen Handlungsbedarf, wie er auf entsprechende Vorstösse von SP-Nationalrat Ueli Schmezer (64).

Als wäre der Bergsturz in Blatten nicht schlimm genug gewesen: Einheimische hatten ihre Häuser und Wertsachen nicht oder ungenügend versichert. Das Wallis ist neben Genf, Tessin und Appenzell-Innerrhoden einer von vier Kantonen, die keine obligatorische Gebäudeversicherung haben. Immobilienbesitzer dürfen frei entscheiden, ob und für wie viel sie eine Gebäudeversicherung abschliessen.

Das soll sich ändern. Der Bund soll von allen Kantonen verlangen, eine obligatorische Gebäudeversicherung einzuführen. 85 Prozent der Befragten sind dafür, 13 Prozent skeptisch bis dagegen.

Der Bundesrat verweist hingegen auf die Zuständigkeit der Kantone und sieht keinen Handlungsbedarf, wie er auf entsprechende Vorstösse von SP-Nationalrat Ueli Schmezer (64).

Sogar viele Leute vom Land sind für Zwangsumsiedlungen

Erstaunlich ist: Sogar unter der Landbevölkerung findet sich mit 54 Prozent eine Mehrheit für solche Zwangsumsiedlungen – nur ein paar wenige Prozentpunkte weniger als bei der Stadtbevölkerung. «Der Stadt-Land-Graben ist teilweise weniger dominant als vielleicht erwartet», kommentiert Hermann. «Aber auch die Landbevölkerung ist grösstenteils nicht direkt betroffen, lebt eher im Tal als im Berggebiet.»

Noch deutlicher ist die Haltung zu vermehrten Bauverboten in Gebieten mit erhöhten Risiken für Naturgefahren. 87 Prozent der Befragten sind «dafür» oder «eher dafür». Bei den über 55-Jährigen (90 Prozent) ist die Zustimmung noch erheblich grösser als bei der jüngeren Generation (69 Prozent). Und auch hier ist die Zustimmung in den Städten mit 90 Prozent grösser als auf dem Land. Doch auf dem Land ist sie mit 82 Prozent ebenfalls deutlich.

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Künftig werden wohl noch mehr Siedlungen aufgegeben

Bemerkenswert findet Hermann zudem, dass der Bergsturz klar mit dem Klimawandel in Verbindung gebracht wird. 69 Prozent sind dieser Meinung. Klare Unterschiede zeigen sich hier beim Parteienspektrum: Satte 94 Prozent der Wählenden der Grünen sehen den Klimawandel als Ursache. Bei den SVP-Wählern sind es 46 Prozent.

Da erscheint es nur konsequent, dass 85 Prozent der Befragten davon ausgehen, dass sich Naturkatastrophen wie jene von Blatten in den nächsten Jahren häufen werden. Eine deutliche Mehrheit von 72 Prozent rechnet denn auch damit, dass künftig vermehrt Siedlungen in den Schweizer Alpen wegen Naturgefahren aufgegeben werden müssen.

Über die Blatten-Umfrage

Die repräsentative Kurzumfrage wurde vom 5. bis 13. August mit Blick-Leserinnen und -Lesern durchgeführt. Es wurden die Antworten von 5568 Personen aus der Deutschschweiz und der Romandie ausgewertet. Der Fehlerbereich liegt bei +/– 1,3 Prozentpunkten.

Die repräsentative Kurzumfrage wurde vom 5. bis 13. August mit Blick-Leserinnen und -Lesern durchgeführt. Es wurden die Antworten von 5568 Personen aus der Deutschschweiz und der Romandie ausgewertet. Der Fehlerbereich liegt bei +/– 1,3 Prozentpunkten.

«Obwohl die Alpen für das Selbstbild der Schweiz so wichtig sind, ist die Bevölkerung erstaunlich fatalistisch», sagt Politologe Hermann. «Man hat sich mit dem Klimawandel abgefunden und akzeptiert, dass es entsprechende Massnahmen braucht.» Für die Bergbevölkerung könnte es so allmählich eng werden.

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