Darum gehts
- Mehrheit für Zwangsevakuierung bei mittlerem Risiko
- Solidarität mit Bergbevölkerung bleibt trotz Forderungen nach Entvölkerung bestehen, so Thomas Egger
- Projekt vermittelt jährlich über 10'000 freiwillige Arbeitstage in Bergen
Thomas Egger, eine Mehrheit findet, dass die Behörden schon bei mittlerem Risiko Bergler zwingen sollen, ihren Wohnort zu verlassen. An Orten mit erhöhtem Risiko für Naturgefahren sollte gar nicht erst gebaut werden. Überrascht Sie das?
Thomas Egger: In dieser Deutlichkeit: Ja. Es zeigt, dass die Bevölkerung ein grosses Sicherheitsbedürfnis hat und sich vor Naturgefahren schützen will. In der roten Zone sollte man schon heute nicht bauen. Dass man Leute aber bereits bei einem mittelfristigen Risiko evakuieren will, kann ich hingegen nicht nachvollziehen. Bei der Bergbevölkerung ist das Bewusstsein für Naturgefahren grösser.
Ja?
Da geht man anders mit der Gefahr um als in den Städten, wo die Probleme weiter weg scheinen. Bereits bei einem mittelfristigen Risiko eine Evakuation anzuordnen, kann man der Bevölkerung, die seit Jahren dort lebt, nicht vermitteln.
Thomas Egger (58) ist seit 2002 Direktor der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete. Zwischen 2017 und 2019 sass er im Nationalrat. Egger lebt in Visp VS.
Thomas Egger (58) ist seit 2002 Direktor der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete. Zwischen 2017 und 2019 sass er im Nationalrat. Egger lebt in Visp VS.
Nach dem Bergsturz von Blatten gab es eine riesige Solidaritätswelle mit Millionen Franken von Spenden. Endet das jetzt?
Nein, das glaube ich nicht. Die grossen Solidaritätsbekundungen zeigen, dass der Zusammenhalt in der Schweiz funktioniert und dass jene Kreise, die eine Entvölkerung von Bergtälern fordern, nicht repräsentativ sind.
Sehen Sie ein fehlendes Verständnis für die Bergleute?
Bei der Katastrophenbewältigung nicht, aber in einer langfristigen Perspektive schon. Stärkere Schutzmassnahmen kosten Geld. Jetzt will der Bund bei der Naturgefahrenprävention sparen. Das darf nicht sein. Da erwarte ich von der Politik, dass man sich engagiert und auch die Folgen des Klimawandels antizipiert.
Was würde es bedeuten, wenn die Bevölkerung aus den Bergen wegziehen müsste?
Bereiche wie der Tourismus wären massiv betroffen: Wanderwege würden nicht mehr gepflegt und keine Skipisten präpariert. Wenn am Gotthard kein Unterhalt gemacht wird, ist irgendwann eine internationale Transitstrasse unterbrochen. Auch die Energieproduktion findet zu einem grossen Teil in den Bergen statt. Dazu kommt die Landwirtschaft. Und auch die Unterländer profitieren von Schutzmassnahmen in den Bergen.
Inwiefern?
Zum Beispiel beim Hochwasserschutz: Wenn wir im Wallis Rückhaltebecken bauen, fliesst bei Überschwemmungen nicht alles in Richtung Genf.
Wie erleben Sie den Umgang in den Bergen konkret?
Es ist unterschiedlich. Ein Teil der Gäste kommt einfach, macht Sport und geht wie selbstverständlich davon aus, dass sie im Ernstfall der Helikopter rettet. Aber dass dahinter eine ganze Organisation steht, sehen sie nicht. Steigen die Prämien, will man die Regionalspitäler schliessen. Doch die braucht es auch, um die Beinbrüche von Skifahrern zu heilen. Aber es gibt auch positive Beispiele. So etwa mit unserem Projekt «Bergversetzer», bei dem Städter in den Bergen freiwillige Einsätze leisten, zum Beispiel, um Wanderwege instand zu halten. Pro Jahr vermitteln wir über 10'000 Arbeitstage.