Darum gehts
- Andrea Marco Bianca (65) war 30 Jahre Pfarrer in Küsnacht ZH
- Er organisierte unkonventionelle Gottesdienste
- Jetzt in Pension ist er weiterhin als Freelancer aktiv
Als Kind wollte Andrea Marco Bianca (65) Autorennfahrer werden. Als Jugendlicher liebäugelt er mit einem Ökonomiestudium. «Das hätte mich gereizt. Mein Vater war Unternehmer. Er handelte mit Gemüse.» Doch Bianca entschied sich anders, er studierte Theologie in Zürich sowie im kalifornischen Berkeley – und wurde Pfarrer. «In dem Beruf steckt viel Spannendes: Psychologie, Philosophie, Religionswissenschaften, Pädagogik – sogar Management. Es geht ja auch darum, wie man eine Kirche führt.»
30 Jahre war Andrea Marco Bianca Seelsorger der Goldküsten-Gemeinde Küsnacht ZH. Mit unorthodoxen Aktionen wie Tiersegnungen am Dorfbrunnen, Gastpredigern wie dem Komiker Beat Schlatter auf der Kanzel und Schlagergottesdiensten machte er weit über Zürich hinaus von sich reden. Die Medien nennen ihn «Kultpfarrer».
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Als kreativer Gottesmann setzt er in der reformierten Kirche Scheidungsrituale durch, bringt in der Pandemie, als Kirchen leer sind, kurzerhand die Gottesdienste als Musikvideos virtuell zu seinen Schäfchen nach Hause – und für ein Ukraine-Benefizkonzert kam sogar Weltstar Chris de Burgh in seine Küsnachter Kirche.
Ein sanfter Rebell, kein Aufwiegler
Jetzt ist Bianca als Gemeindepfarrer in Pension. Noch tut er sich damit schwer im Alltag. Zu sehr war er mit Herz und Seele Seelsorger. Ob er ein guter Pfarrer war? «Ich hoffe es, ich habe immer mit den Menschen mitgefühlt», sagt er bescheiden. Der Beruf war für ihn Berufung, vielleicht sogar ein bisschen Familienerbe. Sein Urgrossvater zählte einst zu den Mitgründern der Waldenserkirche in Sizilien. «Sie waren etwas rebellisch.» Seine Eltern gehörten einer Freikirche an. Das empfand er wie ein Korsett als zu eng. «Ich hatte zwar das Gefühl, es gibt Gott, aber nicht so!»
Musik wird für ihn als Jugendlichen zum Zufluchtsort. Suzi Quatro, 76, die damalige «Queen of Rock», hat es ihm besonders angetan. Nicht nur, aber sicher auch wegen ihrer ikonischen Lederkluft. «Sie war eine Pionierin in der männlich dominierten Rockwelt.» Das überträgt Bianca für sich auf die dogmatisch dominierte Glaubenswelt. Er will auch lieber ein befreiender Pionier werden – Ledermode und Rockmusik inklusive –, statt sich institutionell ein- oder gar unterzuordnen. In seinem Zuhause kommt die rebellische Ader nicht so gut an. «Andrea, muss das wirklich sein?», schalt ihn seine Mutter, die lieber «Die schöne Müllerin» von Franz Schubert hörte.
Auch wenn Andrea Marco Bianca in seiner Amtszeit als Pfarrer bei dem einen oder der anderen mit seiner unkonventionellen Art aneckte, ein Aufwiegler war er nie. Eher sanfter Rebell. Als er über seinen Vater spricht, der an einer Muskelkrankheit litt, kämpft er mit den Tränen. «Nachdem er gestorben war, änderte sich mein Gottesbild. Es ist nicht der böse, schlechte Gott, der Leid zulässt. Es sind tragische Begebenheiten – manche davon machen mich ratlos, viele traurig oder gar wütend.» Tendenzen, derentwegen er sich zeitweise zum Punk hingezogen fühlt.
Bianca sei ein tiefgründiger Mensch, gewissenhaft und sorgfältig dazu. Das sagt die ehemalige Zirkuspfarrerin Katharina Hoby (64). Er nennt sie jeweils Käthi, sie ruft ihn Andrea – oder Amore. In der Studienzeit waren sie schon mal ein Paar, verloren sich aus den Augen, heirateten, bekamen Kinder, sie fünf, er zwei – und waren beide geschieden, als sie sich wiedertrafen und sich noch einmal ineinander verliebten. Am 22. 2. 2022 heirateten sie zeremoniell. «Alle sieben Kinder gaben dazu ihren Segen!»
Als Freelancer Gottes weiter aktiv
Katharina engagiert sich als Seelsorgerin in der Sterbebegleitung. «Das kostet Kraft. Aber ich habe tief in mir das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun.» Im August wird auch sie pensioniert. Beide freuen sich dann auf mehr Zweisamkeit. Bis Herbst 2027 ist Andrea Marco Bianca aber noch Vizepräsident des kantonalen Kirchenrats. So lange pendelt er zwischen Küsnacht, wo er ein kleines Studio bewohnt, und Schaffhausen, wo er und seine Frau künftig zu Hause sein werden.
Den lieben Gott einen guten Mann sein lassen mag der Kultpfarrer auch als Pensionär nicht. Mit Bianca Transform (bianca.ch) macht er als Freelancer weiter, will Menschen auf ihrem spirituellen Weg begleiten und Organisationen bei der Kulturentwicklung unterstützen. Ausserdem hat der passionierte Vespa-Fahrer endlich Zeit, die Prüfung für den grossen Töffführerschein zu machen. Ohne kommt er mit seiner Moto Guzzi nicht weit!