Mit 22 Autos in den USA
Schweizer Autolegende Bob Lutz gibt mit 94 noch Vollgas

In Zürich geboren, in der Motorcity Detroit zur Legende geworden. Bob Lutz sass in allen grossen US-Automobilkonzernen am Steuer. Mit 94 Jahren geniesst er auf seiner Farm in Michigan die Pension. Mit Frau Terri, 22 Autos und zwei besonderen Kindern.
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Bob Lutz hat auch mit 94 Jahren den Spass an Autos nicht verloren.
Foto: Peter Lueders

Darum gehts

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Text Jessica PfisterFotos Peter Lueders
Schweizer Illustrierte

Mit 94 Jahren drückt der gebürtige Zürcher Robert «Bob» Lutz immer noch gerne aufs Gas. Bei schönem Wetter rollt er seinen blauen Talbot-Lago-Rennwagen aus der klimatisierten Garage seines Anwesens in Ann Arbor, setzt seine Oldtimer-Rennbrille auf und brettert über die Strassen der beschaulichen Universitätsstadt im US-Bundesstaat Michigan. «Ich mag keine langsamen Fahrer vor mir. Da rufe ich auch mal aus, dem alten Sack soll man den Ausweis wegnehmen.» Lutz’ Lieblingsauto ist zurzeit eine Chevrolet Corvette ZR1; «Holy smoke, die hat 1060 PS!» Oft vermischt sich der Geruch von heissem Motoröl mit dem Qualm von Lutz’ Zigarre – dem Markenzeichen einer der schillerndsten Figuren in der Autoindustrie.

100 Fussballfelder gross ist das Anwesen von Bob Lutz, eine halbe Autostunde entfernt von der Motor-City Detroit. Eine Minute dauert die Fahrt vom Eingangstor über die von Apfelbäumen und sattgrünen Wiesen gesäumte Strasse. Vorbei an Weiher und See mit Schild «Slow, Ducks Crossing». Im Schatten des Waldes das Haupthaus der «Lutz Farm»: ein Chalet. Auf dem Balkon winkt Bobs Ehefrau Terri, 64.

Artikel aus der «Schweizer Illustrierten»

Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Näher dran – an Stars, Royals und Menschen mit Geschichten. Hier gehts zum Abo!

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Im Innern des Hauses verströmen Kerzen den Duft von Vanille, aus den Boxen ertönt klassische Musik. «Haben Sie unsere Kinder Rosie und Daisy schon kennengelernt?», fragt Bob Lutz auf Zürichdeutsch und fügt schmunzelnd hinzu, «ich meine natürlich die Schweine.» Rosie, 7, liegt in der Küche neben einem antiken Gusseisenofen und grunzt. Terri hat ihr gerade ein Sandkorn aus dem Auge geholt. «Die beiden haben leider Arthrose und etwas Übergewicht. Sie bekommen halt auch vom Tisch zu essen», sagt die Amerikanerin und streicht dem Tier über Rücken. «Terri ist die beste Saumutter, die es gibt», sagt Bob Lutz und küsst seine Frau auf die Wange.

«Zu viel Zucht und Ordnung in der Schweiz»

Das Chalet hat seine zweite Frau Heidi – eine Deutsche – entworfen, den Swissness-Faktor mit Appenzeller Wanduhr hat er eingebracht. «Die Kissen mit den Pferdemotiven sind von mir», wirft Terri ein. Sie arbeitete einst als seine Assistentin. «Wir waren beide mässig glücklich in unseren Ehen und so führte das eine zum anderen», sagt er. Vor der Bibliothek steht ein gerahmtes Hochzeitsfoto. «Wir feiern bald den elften Hochzeitstag», sagt sie strahlend. Auf einem weiteren Foto lacht einem verschmitzt ein Bub in Schwarz-weiss entgegen. «Schon als Dreijähriger zeigte ich mit dem Finger auf Autos und wusste Marke und Modell», so Lutz. Dabei half, dass der Vater – ein Bankier bei der Credit Suisse – schöne Exemplare wie einen Cadillac LaSalle Coupé in der Auffahrt stehen hatte.

Die Versetzung seines Vaters an die Wall-Street-Filiale in New York stand auch am Anfang von Bob Lutz’ Liebe zu Amerika. Als er sieben war, zog die Familie in den wohlhabenden Vorort Scarsdale und kehrte wegen des Zweiten Weltkrieges erst acht Jahre später nach Zürich zurück. Zum Unmut des damaligen Teenagers: «Das Leben in Amerika war frei und unbeschwert. In der Schweiz herrschte Zucht und Ordnung. Zahlte meine Mutter bei der Parkuhr nach, hiess es gleich: Wir holen die Polizei!» In der Schule tat sich Lutz schwer, lieber zeichnete er Autos, als Mathematik zu büffeln. «Und mit Autoritäten hatte ich Mühe.» Das Gymi schaffte er mit Ach und Krach. Freunde seines Vaters rieten, den Sohn für mehr Disziplin in die US-Armee zu schicken. «Was soll ich sagen: Es hat genutzt.»

22 Autos in den Garagen

Mit vier Jahren als Kampfjetpilot, zwei Abschlüssen der amerikanischen Elite-Universität Berkeley und ersten Verkaufserfahrungen als Staubsaugervertreter im Gepäck startet Lutz bei General Motors (GM) seine Karriere in der Automobilindustrie. Bei BMW begründete er als Marketingmanager massgeblich die legendäre M-Reihe mit, bei Ford entwickelte er den Mittelklassewagen Ford Sierra, bei Chrysler initiierte er die Dodge Viper als Ikone. Zum Karriereabschluss kehrte er als Vice President zu GM zurück – da war er 69. «Die Jahre zwischen 60 und 70 waren die produktivsten in meinem Leben.» Sein Vermögen wird auf 125 Millionen Dollar geschätzt. «Da sind die Scheidungen aber nicht abgezogen.»

Heute stehen 22 Autos auf Bob Lutz’ Grundstück – darunter wertvolle Oldtimer wie ein restaurierter Aston Martin seines Vaters. Jene von Terri sowie eine Harley stehen in der Reithalle, die auch zum Grundstück gehört. «Bis Bob 90 Jahre alt war, sind wir regelmässig zusammen Töff gefahren», sagt sie.

Die Garagen sind begehbare Retrospektiven seiner Erfolge, bestückt mit Auszeichnungen, Widmungen und Zeitungscovern – vom «Wall Street Journal» bis zu «Popular Mechanics». Dieses zeigt Lutz vor seinem Kampfjet, einer tschechischen Aero L-39 Albatros. «Das letzte Mal bin ich mit 82 damit geflogen, danach wurde es zu gefährlich.» In die Schweiz reiste er bis vor Kurzem zwei Mal pro Jahr. Doch nun hat er das Ferienhaus im Engadin «für einen sehr guten Preis» verkauft. «Transatlantische Flüge sind mir wegen der Zeitverschiebung zu anstrengend geworden.» Auszeiten von den USA verbringt er mit Terri in der Villa auf der Karibikinsel Montserrat.

Töchter haben Autoliebe geerbt

Seine Schweizer Wurzeln und das Zürichdeutsch pflegt Lutz mit seinen vier Töchtern. Caroline, 66, lebt in Horgen ZH und ist laut ihrem Vater eine «phänomenal gute Autofahrerin», die hobbymässig Motorradrennen bestreitet, Catherine, 62, lebt im Schwarzwald und hatte ein eigenes Automobilbusiness, Jacqueline, 69, und Alexandra, 54, leben in Kalifornien und der Nähe von Chicago. «Ich habe neun Enkel und einen Urenkel», sagt er stolz. Terri, die inzwischen auch eine Zigarre angezündet hat, nimmt seine Hand. «Bob ist sehr fürsorglich und liebevoll. Und er weiss auf jede Frage eine Antwort.»

Während Bob Lutz’ Macher-Mentalität und seine direkte Art typisch amerikanisch sind, bezeichnet er eine Eigenschaft als sehr schweizerisch. «Ich liebe die Präzision.» Diese lebt er in seinem Hobby aus: dem Modellbau. Nach dem Frühstück mit seiner Frau um 9.30 Uhr zieht er sich für mehrere Stunden in seinen Bastelraum zurück. «Die Putzfrau darf hier nicht rein», sagt er und zeigt auf die unzähligen Modellflugzeuge, die von der Decke schweben, und Autos, die in Vitrinen stehen. «Alles aus Papier», sagt Lutz, setzt sich ans Pult mit Skalpellmesser, Flüssigklebstoff und Pinseln und strahlt wie ein Schulbub. Von vorgefertigten Modellen zum Ausschneiden hält er nichts. «Die richtige Herausforderung ist, den Bogen so zu schneiden, dass ein originalgetreues Auto entsteht.» Er formt die Karosserien selbst, baut winzige Speichenräder und Motoren nach. «Mein Ziel ist, dass jedes Modell besser wird als das letzte.»

Befürworter von Trumps Politik

«Car guy» Lutz steht für die florierende Zeit der amerikanischen Autoindustrie. Doch wie sieht die Lage heute aus? «Nach harten Jahren gehts dem US-Markt gut. Das verdanken wir der Trump-Administration, welche die marktzerstörende CO2-Regulierung abgeschafft hat.» Wegen solchen Regulierungen würden die Linken Stromer und die Rechten Benziner fahren. «Das ist doch idiotisch!» Vor seiner Garage stehen zwei Elektro-Escalades, geladen werden sie mit eigenem Solarstrom. Lutz hat als Berater von GM mit 74 Jahren die Elektromobilität gepusht, heute sitzt er in einem Verwaltungsrat einer Firma, die Siliziummaterial für E-Auto-Batterien herstellt – damit diese schneller laden. «Ich bin überzeugt, dass wir irgendwann alle umsteigen. Wenn die Technik so weit ist und nicht, weil uns jemand zwingt!» Trumps Zölle befürwortet Lutz als «notwendiges Übel», um im Wettbewerb mit China «gleich lange Spiesse» zu haben.

Selbstverantwortung, das sei wohl auch typisch schweizerisch an ihm. «In Amerika sind immer alle anderen schuld.» Trotzdem will er seinen Lebensabend hier verbringen. «Die eigene Welt schrumpft im Alter etwas, aber das macht mich nicht traurig.» Um gesund zu bleiben, härtet er sich in der Sauna ab oder geht mit Terri im Pool schwimmen. Kochen – viel Gemüse aus dem eigenen Garten und alle zwei Wochen eine Schweizer Kalbsbratwurt – tut er selbst. «Dazu gibts ein Bier und manchmal ein Glas selbst gebrannten Birnenschnaps.» Im Haus sind schon überall Treppenlifte eingebaut, doch Lutz will sie erst nützen, wenn es nicht mehr anders geht. Selbst beim Aussteigen aus seinem tiefgelegten Talbot verweigert er jede Hilfe. «Mein Arzt hat gemeint, 100 Jahre sollten schon drinliegen.»

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