Darum gehts
Mit roter Sprayfarbe steht es auf der Fassade des eingestürzten Wohnblocks. Vier Zeichen, ein Doppelpunkt, zwei Zahlen. V: 0. D: 13. Vivendo: 0. Desaparecido: 13. Keine Überlebenden. Dreizehn Vermisste. Hinter dieser Wand war bis vor wenigen Tagen das Zuhause von Hans Peter Zingg. Der 60-Jährige zeigt auf seinem Handy Fotos und Videos der Ruinen von Caraballeda, die ihm Freunde und Nachbarn geschickt haben. «Die ersten Rettungskräfte kamen erst drei Tage nach den Erdbeben. Sie haben mit einer Wärmebildkamera nach Überlebenden gesucht. Die rote Markierung an der Wand ist das Einzige, was sie zurückgelassen haben.»
Seit 1992 lebte Zingg mit seiner Frau Alvis und den beiden Kindern in der zweiten Etage des sechsstöckigen Hauses in Caraballeda, circa eine Autostunde von der Hauptstadt Caracas entfernt. Es war sein Paradies mit Blick aufs Meer, zwei Swimmingpools und Palmen im Garten. Der italienische Architekt hatte ihm einst stolz erzählt, das Gebäude sei «für die Ewigkeit» gebaut. Vierzig Meter tief reichten die Armierungseisen in den Boden. «Der Architekt wohnte selbst bis zu seinem Tod in diesem Haus.»
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Gerettet durch die Distanz
Heute liegt das Gebäude wie ein zusammengestürztes Kartenhaus am Boden. «Wir leben noch, weil wir den Sommer in der Schweiz verbringen.»
Hans Peter Zingg sitzt in der Brienz- Rothorn-Bahn, er ist auf dem Weg zur Bergstation, hier arbeitet er seit drei Jahren jeweils im Sommer als Stationsmitarbeiter. Unten glitzert der Brienzersee.
Am 24. Juni isst er mit seiner Ehefrau Alvis, den beiden Kindern und seinem Bruder in Meiringen BE Pizza, sie feiern seinen 60. Geburtstag nach. Mitten in der Nacht klingelt das Telefon seiner Frau. Ihr Bruder ruft aus Venezuela an. Ein schweres Erdbeben! Kurz darauf ein zweites. «Er sagte nur: Dort, wo ihr wohnt, ist es am schlimmsten.» Stundenlang versucht das Ehepaar verzweifelt, Freunde und Familie über Whatsapp zu erreichen. Nur ein graues Häkchen erscheint. «Viele haben keinen Strom, kein Internet. Wir erreichen fast niemanden.»
Am nächsten Morgen geht Zingg trotzdem zur Arbeit. «Ich habe das gebraucht. Zu Hause wäre es mir nicht gut gegangen. Ich fühlte mich so machtlos.» Während er auf dem Brienzer Rothorn Touristen begrüsst, sterben Menschen, die er kennt. «Jedes Mal, wenn ich Whatsapp öffne, steht wieder: Der lebt nicht mehr. Die ist gestorben. Von anderen weiss man bis heute nichts.»
Erst an seinem ersten freien Tag, am Sonntag, schaut er sich die Videos an. Menschen graben mit blossen Händen zwischen Betonplatten. Nachbarn schlafen nachts neben den Trümmern, damit niemand plündert. Angehörige bezahlen Bagger aus eigener Tasche, weil staatliche Hilfe kaum kommt. «Die Menschen warten nicht einfach auf Hilfe. Sie packen an.» Ein kleines Mädchen wird aus den Trümmern gerettet und sagt, die Eltern würden unten noch schlafen. Hans Peter Zingg muss das Handy immer wieder weglegen. «Es hat einige Tage gebraucht, bis ich wirklich begriffen habe, was passiert ist.»
Zwei Heimaten
Seit fast vierzig Jahren ist Venezuela sein Zuhause. Eigentlich wollte der gelernte Käser aus der Ostschweiz 1988 nur einen Winter bleiben. Ein Berufsschulfreund hatte ihn eingeladen. Dessen Vater exportierte Mangos. Aus drei Monaten wurden Jahrzehnte. Zingg verliebte sich zuerst in das Land, dann in die Venezolanerin Alvis. Er blieb. Gründete eine Familie. Baute sich Schritt für Schritt ein Tourismusunternehmen auf. Anfangs führte er Reisegruppen. Später holte er Gäste vom Flughafen ab. Irgendwann beschäftigte er zwanzig Fahrer und organisierte Transfers für Reiseveranstalter aus ganz Europa. «Ich dachte damals: Jetzt habe ich es geschafft.»
Doch Venezuela lehrte ihn früh, dass Sicherheit etwas Vorläufiges ist. 1999 zerstörten Schlammlawinen grosse Teile der Küste. Danach kamen politische Krisen, ausbleibende Touristen, Inflation, Corona. «Man lernt dort, mit wenig zu leben. Aber man lernt auch, füreinander da zu sein.» Seine erwachsenen Kinder leben seit einigen Jahren in der Schweiz, der Sohn arbeitet in einem Malergeschäft, die Tochter macht eine Ausbildung in der Pflege.
Weil die Mutter von Hans Peter Zingg 2023 krank wurde, kam er für den Sommer in die Schweiz. Er suchte einen Job und arbeitet seit 2023 immer zwischen Mai und November bei der Brienz-Rothorn-Bahn. Sein Chef bot ihm sofort nach den Erdbeben an, länger bleiben zu können. Und trotzdem sagt Hans Peter Zingg, ohne zu zögern: «Meine Heimat ist Venezuela. Dort habe ich mein Leben aufgebaut, meine Freunde, meine Familie. Ich muss zurück.»
Nun existiert dieses Leben nicht mehr. Sein Auto steht irgendwo unter Betonplatten in der Tiefgarage. Freunde überlegen, ob man es bergen könnte. Er winkt ab. «Es ist nur ein Auto. Das kann man ersetzen.» Nicht ersetzen lassen sich die Menschen. Die Ladenbesitzerin, bei der sie jahrelang einkauften. Freunde. Nachbarn. Familien. Jeden Morgen tauchen neue Namen auf seinem Handy auf.
«Ich will zurück. Auch wenn ich noch nicht weiss, wohin.» Dann hält er kurz inne. «Das ist das Beeindruckendste an Venezuela: Nicht die Strände, nicht das Meer. Sondern die Menschen, die nach jeder Katastrophe wieder von vorne anfangen.»