Kurt Nüssli* begeht vor vier Jahren den grössten Fehler seines Lebens: Er vertraut einem angeblichen Notar aus Frankreich. Nüssli glaubt ihm tatsächlich, dass eine vermeintlich reiche Französin ihm 850'000 Euro vererben möchte. Zusätzlich eine Lebensversicherung über 2,3 Millionen sowie Liegenschaften im Wert von gut 4 Millionen.
Die Aussicht auf das viele Geld macht ihn blind. Denn er kennt die vermögende Frau aus Frankreich gar nicht. Doch Nüssli malt sich einen finanziell sorgenfreien Lebensabend aus. Dabei geht es seiner Frau und ihm schon damals gut; «gehobener Mittelstand», sagen sie mit Blick zurück. Inzwischen ist davon keine Rede mehr.
Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.
Probieren Sie die Mobile-App aus!
Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.
Probieren Sie die Mobile-App aus!
Er ist wütend – auch auf sich
Eigentlich ist Kurt Nüssli ein rationaler Mensch. Er studierte an der ETH Zürich Bauingenieurwesen, machte sich mit einem Beratungsbüro selbständig und arbeitete danach jahrelang in der Versicherungsbranche. Weil er sich schämt, tritt er in diesem Artikel unter falschem Namen auf. «Ich war so ein Tubel», sagt er. Er ist wütend «auf diese Gauner», die ihn in die Altersarmut getrieben haben. Und auch ein wenig auf sich selbst.
Der distinguierte 80-Jährige geht am Stock. An seiner Hand glänzt ein goldener Siegelring, am Handgelenk eine goldene Uhr. Er trägt einen dunkelblauen Pullunder über hellem Hemd und roten Hosen. Nüssli ist 1,90 Meter gross. Ein Mann, der sich gewohnt ist, alles unter Kontrolle zu haben. Eigentlich. Doch der soziale Abstieg hat ihm sichtlich zugesetzt. Sein Gesicht wird immer röter, als er sich in Rage redet – und erzählt, wie es angefangen hat, damals im Januar 2022.
Kurt Nüssli erhält am 5. Januar eine E-Mail, angeblich von einem französischen Anwalt. Dieser schreibt, eine seiner Klientinnen wolle Nüssli ihr Vermögen vererben. Die Madame habe genug von der Korruption in Frankreich und suche vertrauenswürdige Menschen im nahen Ausland. Nüssli sei ihr wegen seines Ehrendoktortitels aufgefallen. Sie bewundere sein soziales Engagement. Das Erbe sei auch eine Anerkennung dafür.
Nüssli fühlt sich geschmeichelt. Tatsächlich beriet er jahrzehntelang jeden Mittwochnachmittag unentgeltlich Bedürftige in Versicherungsfragen. Darunter IV-Rentner und andere von Armut oder Krankheit Betroffene. Für seinen Einsatz erhielt er 2011 den Ehrendoktortitel einer kirchlichen Hochschule in Deutschland.
Dokumente sind täuschend echt
Er googelt den Anwalt und dessen Kanzlei. Alles wirkt glaubwürdig. Er verlangt verschiedene Dokumente und Unterlagen, die alle geliefert werden. Als die vermögende Frau später – angeblich – stirbt, will Nüssli die Todesanzeige sehen. Prompt kommt eine Sterbeurkunde. Dem Beobachter liegen die Unterlagen vor.
Für die Übersetzungen aus dem Französischen verlangt der Notar jedes Mal Geld. Die Dokumente sehen täuschend echt aus, auch die amtlichen Stempel. Nüssli fällt darauf herein. Auch die Bank, wo das Geld deponiert sein soll, gibt es tatsächlich, wie Nüssli recherchiert. Und so leistet er auf Anweisung des Anwalts immer wieder Vorschusszahlungen, um das Verfahren zu beschleunigen, oder für Dokumente, die wegen des Geldwäschereigesetzes nötig seien. Er kennt sich mit dem internationalen Erbrecht nicht aus. Dann wieder bekommt er Zugangscodes zu Webseiten der Bank, die Telefonnummern auf den Unterlagen stimmen mit denjenigen der echten Bank überein. Nur: «Sein Erbe» bekommt er nie.
Nüssli ist ein Opfer von Cyberkriminalität. Diese ist hierzulande in den letzten Jahren sprunghaft angestiegen. 2024 wurden knapp 60'000 Menschen Opfer – meist durch Betrug. Die offizielle Kriminalstatistik zeigt allerdings nur die Spitze des Eisbergs, denn die Dunkelziffer ist hoch.
Laut einer repräsentativen Studie des Forschungsinstituts Sotomo im Auftrag der Versicherung Axa hat bereits jede achte Schweizerin oder jeder achte Schweizer in den letzten fünf Jahren einen Cyberbetrug mit finanziellem Schaden erlitten. Ein Drittel verlor dabei über 1000 Franken. Viele Betroffene schweigen. Aus Scham erstatten nur rund ein Drittel jener, die Geld verloren haben, Anzeige bei der Polizei.
Und: Das gängige Bild vom älteren, leichtgläubigen Opfer täuscht. Besonders betroffen sind gemäss der Studie die 18- bis 29-Jährigen – auch weil sie häufiger online einkaufen.
Die Zweifel kommen zu spät
Im Fall von Kurt Nüssli haben die Betrüger mit raffinierten Methoden erreicht, dass er immer höhere Summen überweist. Immer mit der Aussicht, dass «sein Millionenerbe» schon bald in die Schweiz überwiesen werde.
Irgendwann beginnt Nüssli an der ganzen Sache zu zweifeln. Da sind allerdings schon fast 400'000 Franken seines Altersvermögens weg. Er fragt einen St. Galler Anwalt um Rat, der auf Geschäfte mit Frankreich spezialisiert ist. Dieser analysiert die Dokumente und warnt: Er solle sofort mit den Zahlungen aufhören. Zwar sähen die Unterlagen echt aus, aber irgendetwas stimme nicht. Er rät Nüssli, zur Polizei zu gehen. Und so erstattet Nüssli Strafanzeige gegen unbekannt. Allerdings verläuft das Verfahren im Sand.
Der Rentner begreift langsam, dass er da jemandem ganz schlimm auf den Leim gekrochen ist. Seine gesamten Ersparnisse sind verloren. Ihm dämmert: Ab sofort müssen seine Frau Nora und er den Gürtel enger schnallen.
Er beichtet ihr den finanziellen Ruin erst, als schon fast alles verloren ist. Die beiden sind seit 55 Jahren verheiratet. Kennengelernt hatten sie sich an der Fasnacht in St. Gallen. Sie arbeitete Teilzeit in einer Parfümerie.
Sie sparen, wo sie können
Beim Treffen mit dem Beobachter serviert Nora Nüssli die regionale Spezialität Wiler Fisch, einen Mandelkuchen mit süsser Cremefüllung. Das Wohnzimmer der 150-Quadratmeter-Wohnung ist hell, mit weissen Polstermöbeln und moderner Kunst an den Wänden. In einer Ecke steht ein alter Bauernschrank. «Ein Erbstück», erklärt Nora Nüssli. Von der grossen Terrasse blickt man in der Ferne auf die hübsche Wiler Altstadt.
In ein paar Wochen müssen die Nüsslis umziehen. Raus aus der grosszügigen Bleibe in eine kleine, barrierefreie Dreizimmerwohnung in einem Block in der Nähe. Kurt Nüssli ist nicht mehr gut zu Fuss unterwegs. Ihre beiden Autos haben sie bereits verkauft, ebenso Zeitungsabos gekündigt und Hobbys wie Tennis oder Billard aufgegeben. «Wir sparen, wo wir können», sagt Kurt Nüssli. Sie haben viele Wohnungen besichtigt, bis sie eine fanden, die sie sich leisten können.
Niemand in der Verwandtschaft oder im Freundeskreis weiss, was passiert ist. Früher hatte das Paar monatlich etwa 10'000 Franken zur Verfügung, heute bleiben nur noch 3651 Franken. So viel beträgt ihre AHV-Rente. Nach Abzug der Miete für die neue, günstigere Wohnung haben sie noch knapp 2000 Franken zum Leben. Aufs Sozialamt wollen sie nicht.
«Wir stehen das gemeinsam durch», sagt Nora Nüssli. Auch wenn es schmerzhaft sei. «Plötzlich ist niemand mehr da, wenn man nicht mehr viel unternehmen oder Leute einladen kann.» Sie wischt sich die Tränen aus dem Gesicht.
Anfang 2025 wendet sich Kurt Nüssli an die Sozialversicherungsanstalt (SVA) des Kantons St. Gallen. Er hofft auf Ergänzungsleistungen zur Rente. «Mit 1500 bis 2000 Franken zusätzlich pro Monat hätten wir unsere schöne Wohnung halten können», sagt er. Aber die Behörde lehnt den Antrag ab. Auch seine Einsprache, die er mit Hilfe einer Anwältin einreicht. Begründung: Er habe leichtsinnig gehandelt, es handle sich um einen «grobfahrlässigen Vermögensverzicht». Den Betrug hätte er früher bemerken müssen.
Der Staat hilft nicht
«Menschlich ist das Schicksal des Ehepaars extrem hart», sagt Corinne Strebel, Leiterin des Beobachter-Beratungszentrums und Expertin für Sozialfragen. Doch so stossend die Situation für die Betroffenen sei, so klar seien die gesetzlichen Leitplanken: «Die SVA darf keine Ergänzungsleistungen zusprechen, wenn Vermögen grobfahrlässig aufgegeben wurde.» Die Behörden müssten sich an diese Vorgaben halten, um die Gleichbehandlung aller Versicherten zu garantieren, auch wenn das im Einzelfall unbarmherzig klinge.
«Es ist einfach ein krasser Abstieg», sagt Kurt Nüssli. Er habe sein Leben korrekt geführt, immer Steuern bezahlt, sei niemandem zur Last gefallen. Aber jetzt, wo er den Staat brauche, werde ihm nicht geholfen. «Nach so einem Betrug wird man von der Behörde ein zweites Mal bestraft», findet er. «Ohne menschliche Regung oder Mitgefühl werden wir brutal in die Altersarmut verdammt.» Und er ist überzeugt: «Ich habe nicht grobfahrlässig gehandelt.»
Nüssli ist zutiefst in seinem Stolz gekränkt. Weil die Betrüger ihn so ausgetrickst haben – und er darauf hereingefallen ist: «Wie ein Tubel.»
* Name geändert