Darum gehts
In der Schweiz sind die Löhne hoch und die Steuern tief: Das macht das Alpenland für Arbeitnehmende aus dem Ausland attraktiv. Dafür kostet auch alles viel mehr: Mieten, Lebensmittel, Immobilien und ein Gros der Konsumgüter. Deshalb kaufen die Leute aus der Schweiz auch gern in Deutschland ein.
Aber Moment mal: Warum nicht gleich im grossen Kanton Wohnsitz nehmen und bei allen Lebenshaltungskosten sparen? Sprich: Grenzgängerin oder Grenzgänger werden?
Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.
Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.
Was ist eigentlich ein Grenzgänger?
Personen, die in einem EU-/Efta-Staat arbeiten und in einem anderen Mitgliedsstaat wohnen, nennt man Grenzgänger. Normalerweise kehren sie täglich in ihr Heimatland zurück, mindestens aber einmal pro Woche.
Aktuell gibt es rund 406’000 Grenzgängerinnen im Efta-Mitgliedsstaat Schweiz, Tendenz steigend. Mehr als die Hälfte pendelt von Frankreich aus (57,8 Prozent), auf dem zweiten und dritten Platz folgen Italien (22,7 Prozent) und Deutschland (16,3 Prozent).
Benötigt wird nur eine Grenzgängerbewilligung (Ausweis G), die mit einem gültigen Arbeitsvertrag in der Schweiz und dem Identitätsausweis ausgestellt wird. Die Hürde, Grenzgänger zu werden, ist also nicht hoch – zumindest rechtlich.
Aber lohnt sich das Ganze auch?
Um das konkret zu beurteilen, müssen wir rechnen. Dabei gehen wir von einer 30-jährigen Frau mit einem Jahreseinkommen von 100’000 Franken aus. Sie ist unverheiratet, hat keine Kinder und fühlt sich keiner Religion zugehörig.
Wie viel Geld bleibt ihr am Monatsende, wenn sie in der Schweiz (hier beispielhaft im Kanton Zürich) wohnt und arbeitet? Und wie viel, wenn sie in Waldshut-Tiengen (Deutschland) wohnt und in Zürich arbeitet?
Die Zahlen zeigen: Nach allen Abzügen steht ein Jahreslohn von 74’448 Franken in der Schweiz einem Lohn von 57’240 Franken als Grenzgängerin gegenüber. Die Frau mit deutschem Wohnsitz hat also gut 17’000 Franken jährlich weniger zur Verfügung.
Der Grund: die deutschen Steuern. Als Grenzgängerin muss sie in der Schweiz nur einen fixen Quellensteuersatz von 4,5 Prozent zahlen. Dank Doppelbesteuerungsabkommen zwischen Deutschland und der Schweiz wird dieser Betrag anschliessend von der deutschen Steuerrechnung abgezogen. Diese ist dafür deutlich höher als in der Schweiz.
Auch die Krankenkassenprämien ändern kaum etwas an dieser Rechnung: Eine Versicherte in der Schweiz zahlt momentan zirka 500 Franken monatlich (bei einer Wahlfranchise von 300 Franken). Die Krankenversicherung für eine Grenzgängerin kostet bei gleicher Franchise nur 250 Franken. Hinzu kommt dafür jedoch die in Deutschland obligatorische Pflegeversicherung, die Grenzgänger zusätzlich abschliessen müssen. Die Monatsprämien liegen in der Regel zwischen umgerechnet 20 bis 50 Franken. Insgesamt ergibt das eine Kostenersparnis von etwa 200 Franken pro Monat für die Grenzgängerin.
Rein rechnerisch lohnt sich ein Umzug nach Deutschland also nicht. Doch es gibt ein «Aber».
Mehr Steuern, aber mehr Sparpotenzial
Im Rechenbeispiel hat die Grenzgängerin monatlich rund 1400 Franken weniger. Tatsächlich aber sind die Mieten, Versicherungen, Dienstleistungen, Freizeitangebote und viele Konsumgüter in Deutschland deutlich günstiger als in der Schweiz.
Der wohl grösste Kostenfaktor ist die Miete. Vergleichen wir dafür beispielhaft die Städte Bülach (Kanton Zürich) mit 24’545 Einwohnern (Stand 2026) und die deutsche Stadt Waldshut-Tiengen mit 25’137 Einwohnern (Stand 2024): Während in Waldshut der Quadratmeterpreis bei umgerechnet Fr. 11.50 liegt, zahlen Einwohner von Bülach durchschnittlich 28 Franken pro Quadratmeter. Bei einer Mietwohnung mit 80 Quadratmetern sparen Grenzgänger demnach monatlich knapp 1320 Franken Miete.
Hinzu kommt, dass in Deutschland die Hürden für Wohneigentum nicht so hoch sind wie in der Schweiz. Die Preise für Bestandsimmobilien, Bauland und Neubauten sind deutlich günstiger, und der hohe Eigenanteil an Kapital ist für die Finanzierung einer deutschen Immobilie nicht notwendig.
Doch nicht nur die Wohnkosten bieten Sparpotenzial: Insgesamt sind die Lebenshaltungskosten in Deutschland gut 20 bis 30 Prozent günstiger, beim Lebensmitteleinkauf ist die Differenz teilweise sogar noch grösser.
Noch mehr sparen lässt sich, wenn Kinder ins Spiel kommen. Schliesslich sind die Kosten für eine Kindertagesstätte in der Schweiz um ein Vielfaches höher als in Deutschland. Während ein Vollzeit-Kitaplatz hierzulande zwischen 2000 und 3000 Franken monatlich kostet, ist in Deutschland mit Monatskosten von 300 bis 400 Euro zu rechnen. Vielerorts ist die Kinderbetreuung ab drei Jahren sogar gratis.
Fazit: Grenzgänger werden – ja oder nein?
Die kinderlose Frau in diesem Rechenbeispiel hat als Grenzgängerin zwar monatlich etwa 1400 Franken weniger zur Verfügung, gleicht diesen Unterschied aber mit der deutschen Kostenersparnis bei der Krankenkasse (zirka 200 Franken) und der Miete (zirka 1320 Franken) wieder aus. Damit steht ihr unterm Strich genauso viel Geld zur Verfügung wie in der Schweiz.
Finanziell lohnt es sich in der Regel trotzdem, nach Deutschland zu ziehen. Durch die geringeren Kosten für Lebensmittel und Konsumgüter sind die Fixkosten im Nachbarland meist deutlich geringer.
Tatsächlich spielen im Alltag aber nicht allein finanzielle Aspekte eine Rolle. Ein Umzug nach Deutschland bedeutet auch emotionalen Stress, ein neues soziales Umfeld, meist längere Pendlerwege und auch eine andere Kultur. Ob es gelingt, damit umzugehen, ist schlussendlich immer eine persönliche – und weniger eine Geldfrage.