«Zu einer Rennbahn ausgebaut»
Kanton will Raserstrecke sicherer machen – «Hohn» für die Bürger

Auf der solothurnischen Gempenstrasse verursachen Raser immer wieder Unfälle – Bürger intervenieren. Jetzt hat auch der Kanton reagiert, doch die Kritiker sagen: «Das Amt hat kein Interesse an der Bevölkerung.»
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Die Gempenstrasse im Kanton Solothurn ist eine beliebte Raserstrecke. Vor einigen Wochen hat der Kanton Massnahmen ergriffen – die Bürger sind damit gar nicht zufrieden.
Foto: Patrick Gerber

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Bürger kritisieren Kantonsmassnahmen gegen Raser auf der Gempenstrasse in Solothurn
  • 60 bis 70 neue Schilder sorgen für Unverständnis und gefährliche Situationen
  • Pilotversuch: Temporeduktion auf Tempo 60 abends und an Wochenenden geplant
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Patrick GerberRedaktor Politik

Lärm, Unfälle, Angst: Die Gempenstrasse in den solothurnischen Jurahügeln ist bei Rasern beliebt. Viele Bürgerinnen und Bürger stört das schon lange. Mit der IG «Respektvoll unterwegs Dorneckberg» wurden sie selbst aktiv – unter der Leitung der beiden Gempner Lorenzo Vasella und Jacqueline Ehrsam, die schon für die SVP im Solothurner Kantonsrat sass. «Es geht um ein Gesundheits- und Sicherheitsrisiko», sagten die beiden vor einigen Wochen zu Blick. Die Strecke führt von Gempen nach Dornach. 

Mittlerweile sorgen in Gempen aber nicht mehr nur die Raser für rote Köpfe, sondern auch das Vorgehen der Behörden. Kürzlich führte das Amt für Verkehr und Tiefbau (AVT) Massnahmen ein – etwa grosse Kurvenpfeile oder Rand- und Leitlinien. Sie sollen den Verkehr sicher machen. Mit den Massnahmen sind Lorenzo Vasella und Jacqueline Ehrsam aber nicht zufrieden – eher im Gegenteil. «Wir hatten Hoffnung und wurden enttäuscht», sagen die beiden zu Blick. «Man merkt, dass die irgendwo in einem Büro sitzen.» Es habe keinen Austausch gegeben. Die Bevölkerung werde einfach vor vollendete Tatsachen gestellt. «Das geht so nicht, wir erwarten eine offene Kommunikation.» 

«Wenn da einer reinfährt, ist er tot»

Besonders die von gross nach klein abgestuften Kurvenpfeile sind Ehrsam und Vasella ein Dorn im Auge. «Solche Schilder haben wir noch nie in einem Wald gesehen», sagen die beiden zu Blick. Sie blendeten und machten damit den Verkehr unübersichtlich. Zudem seien die Tafeln «mannshoch» und zu gross. «Wenn da einer mit dem Velo die Kurve nicht trifft und in so ein Ding reinfährt, ist er tot», warnen Ehrsam und Vasella. «Wir hoffen, dass so etwas nie passiert.» Die neue Beschilderung und die Fahrbahnmarkierung vermittelten den «Eindruck einer Rennstrecke». 

Auch Josef Berger, Landwirt und Postautochauffeur in Gempen, hält nichts von den Schildern. «Ich finde das einen absoluten Hohn gegenüber den Steuerzahlern», sagt er zu Blick. Man habe nicht auf die Leute gehört und keine Gespräche geführt. «Der Kanton hat die Strecke noch viel gefährlicher gemacht, regelrecht zu einer Rennbahn ausgebaut.» Er habe 60 bis 70 neue Schilder gezählt. «Ich sehe den Sinn und Zweck nicht.» Man habe damit die Natur verschandelt. Auch das Postautofahren sei schwieriger geworden, erklärt er. Die Strasse sei visuell enger geworden, und «man traut sich in der Kurve kaum mehr, auf der rechten Seite zu bleiben».

Auch Vasella und Ehrsam haben wenig Verständnis für das Vorgehen des Kantons. «Seit Jahren wird man immer wieder beim Kanton vorstellig, und trotzdem hört man uns nicht zu, wieder macht man einfach irgendwas.» 

Kanton: Sicherheit verbessert

Der Kanton Solothurn wehrt sich auf Anfrage: Das Amt für Verkehr und Tiefbau hält fest, man habe die Gemeinden frühzeitig informiert. «Bei derartigen kleineren Anpassungen auf Kantonsstrassen ist grundsätzlich keine öffentliche Mitwirkung der Bevölkerung vorgesehen.» Einer Diskussion verschliesse man sich nicht: Die Bevölkerung sei über die lokalen Medien informiert worden und man sei bereit, mit den Gemeinden «die Wirkung der Massnahmen zu überprüfen». 

Gekostet haben die Massnahmen 240’000 Franken. Die eingesetzten Kurvenleitpfeile entsprächen zudem den geltenden Normen «und werden schweizweit als bewährtes Mittel zur Verbesserung der optischen Linienführung und zur Erhöhung der Verkehrssicherheit eingesetzt», so der Kanton. Leitlinien und Pfeile würden helfen, dass der Strassenverlauf rechtzeitig erkannt werde. Und weiter: «Nach heutigem Kenntnisstand liegen jedoch keine Erkenntnisse vor, wonach die installierten Elemente selbst ein Sicherheitsrisiko darstellen würden.» 

Kantonspolizei reagiert «ganz anders»

Doch es gibt auch erfreuliche Nachrichten aus Sicht der Gempner Kritiker. Vertreter der IG «Respektvoll unterwegs Dorneckberg» haben mit der Kantonspolizei gesprochen. Sie reagiere «ganz anders» auf ihre Anliegen. Im Raum steht ein Pilotversuch mit zeitlich beschränkter Temporeduktion – etwa an Abenden und Wochenenden. Dann seien besonders viele Poser und Raser unterwegs. «Das Interesse bei der Kantonspolizei war sehr gross», so Ehrsam und Vasella. «Unser Engagement wurde ausdrücklich begrüsst.» 

Eine dauerhafte Geschwindigkeitsreduktion halten die beiden weder für sinnvoll noch für mehrheitsfähig. «Das würde als Kollektivstrafe empfunden.» Auch der Kanton spricht sich dagegen aus. Darum sei ein strengeres Geschwindigkeitslimit zu gewissen Uhrzeiten – konkret Tempo 60 – ein «guter Kompromiss». 

Schilder «ganz genau beobachten»

Zudem will die Bürgerbewegung mit dem kantonalen Amt in Kontakt bleiben. Das gestalte sich aber schwierig. «Der Kanton will nur mit den Gemeinden sprechen. «Wenn man dann aber zur Gemeinde geht, heisst es, der Kanton sei zuständig», kritisieren Ehrsam und Vasella. Man habe dem Kanton vorgeschlagen, einen Runden Tisch abzuhalten. «Zuerst mussten wir einen Monat auf eine Antwort warten.» Dann antwortete der Kanton, dass ein solcher Austausch nur «sinnvoll und zielführend» sei, wenn die Standortgemeinden «ein entsprechendes Bedürfnis sehen und den Prozess aktiv mittragen». Das Schreiben liegt Blick vor. 

Aufgeben ist für Ehrsam und Vasella aber keine Option. Man werde weiterhin versuchen, Gespräche zu führen. Zudem wird die IG weiterhin eigene Massnahmen umsetzen. Dazu zählen etwa Plakatkampagnen, Lärmmessungen oder politische Vorstösse. Klar ist für die beiden auch: «Das mit den Schildern muss man sehr genau beobachten.»

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