Zu Besuch bei Grünen-Nationalrat Kilian Baumann
«Wir müssten uns ernähren wie zu Kriegszeiten»

Kilian Baumann ist Grünen-Nationalrat, Biobauer – und trotzdem gegen die Ernährungs-Initiative. Auf seinem Hof in Suberg BE spricht er über Fleischkonsum, Kulturland und die Frage, wie sich die Schweiz künftig ernähren soll.
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«Wir wollen keinen Kulturkampf zwischen Stadt und Land», sagt Grünen-Nationalrat Kilian Baumann, während er nach einem Apfel greift.
Foto: Raphaël Dupain

Darum gehts

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  • Nationalrat Kilian Baumann kritisiert die Ernährungs-Initiative
  • Er warnt vor politischer Hetze der Gegner, sieht aber auch selbst Probleme beim angestrebten 70-%-Selbstversorgungsgrad
  • Baumann hält Importstopps für unrealistisch: Schweiz verliert jährlich Kulturland durch Infrastrukturausbau

Mit festem Schritt klettert Kilian Baumann (45) die Leiter hinauf, die an einen Apfelbaum gelehnt ist. «Wir wollen keinen Kulturkampf zwischen Stadt und Land», sagt der Grünen-Nationalrat, während er nach einem Apfel greift und ihn ins Gras wirft. Sofort schnellen die Köpfe der Rinder nach vorne, die sich um ihn geschart haben. Auf seinem Betrieb ist es ruhig, obwohl die Abstimmung über die Ernährungsinitiative näher rückt. 

Ganz anders ist die Stimmung auf den Wahlplakaten: Wer zu Baumanns Biobauernhof in Suberg BE fährt, sieht entlang der Strasse auf etlichen Fassaden Schilder mit der Aufschrift: «Nein zum Vegan-Zwang». Baumann schüttelt den Kopf. «Die Gegner dieser Initiative suchen diesen Kampf zwischen Fleischessern und Veganern.» 

Die Grünen-Wählerinnen und -Wähler stehen als einzige klar hinter dem Anliegen, wie die jüngsten Umfragen zeigen. Baumann selbst aber will sich nicht für die Ernährungs-Initiative einsetzen. Im Nationalrat stimmte er dagegen. Ein Grünen-Politiker, der einen Biobauernhof führt, stellt sich gegen eine Initiative, die eine ökologischere Ernährung zum Ziel hat. Wie passt das zusammen?

«Dieser Kulturkampf hilft nur den Rechtspopulisten»

Hinter der Ernährungs-Initiative steht Franziska Herren (59), die bereits 2018 die Trinkwasser-Initiative lancierte. Damals, erzählt Baumann, sei ein informeller Gegenvorschlag zustande gekommen. Unterstützt worden sei dieser von Politikern aus verschiedenen Parteien – bis hin zur FDP – und von verschiedenen Verbänden. «Aber das war auch noch vor Trump und der Hetze gegen Umwelt- und Klimaschutz», sagt Baumann. Dann kam der Abstimmungskampf um die Trinkwasser-Initiative. Er sei «unerwartet aggressiv» geführt worden. Diesmal soll es nicht wieder so weit kommen. «So ein Kulturkampf hilft nur den Rechtspopulisten.» Deshalb habe seine Partei bei der Ernährungs-Initiative Stimmfreigabe beschlossen. «Wir wollten dieser Hetzerei den Wind aus den Segeln nehmen, und das ist uns auch gelungen.» 

Baumann steigt von der Leiter. Kaum steht er wieder auf dem Boden, kommt eines der Rinder und drückt seinen Kopf gegen den Umhängekorb mit den gesammelten Äpfeln. «Es ist nichts falsch daran, Fleisch zu essen. Ich esse selber auch Fleisch und produziere es sogar.» Auf seinem Hof stehen derzeit zwölf Rinder. Sie stammen aus Milchbetrieben und werden mit zwei Jahren geschlachtet. «Es geht nicht darum, Fleisch grundsätzlich zu verbieten, sondern darum, dass man bewusster Fleisch isst und nicht in so einem Übermass, wie das in den letzten Jahren in der Gesellschaft normalisiert wurde», so der Nationalrat. 

«Wir müssten uns ernähren wie zu Kriegszeiten»

Baumann läuft über die grosse Wiese und deutet auf die Pflanzen. «Das war vor einigen Tagen noch alles braun», sagt er und geht weiter in Richtung Felder. Dann nimmt er einen Spaten, sticht ihn in die Erde und beginnt, Unkraut herauszuziehen. Für den Nationalrat ist der vergangene Extremsommer ein Vorgeschmack auf das, was der Schweizer Landwirtschaft bevorstehen könnte. «Wir müssen dringend unseren CO2-Fussabdruck verkleinern», sagt er.

Bei der Ernährungs-Initiative ist Baumann trotzdem skeptisch. Besonders das Ziel eines Selbstversorgungsgrads von 70 Prozent hält er für «sehr schwierig». Man könnte die Flächen für Futtermittel zwar für den Anbau von Pflanzen für die menschliche Ernährung nutzen. «Doch dann fehlt uns das Futter für die Tiere, und dieses müsste importiert werden.» Also müsste man weniger Tiere halten. «Dann müssten wir aber entweder mehr Fleisch importieren oder uns wieder ernähren wie zu Kriegszeiten», sagt Baumann und zieht das nächste Unkraut aus der Erde.

«Man müsste die Schweiz massiv abschotten, um das Ziel der Initiative zu erreichen», sagt er. Und das sei nicht möglich. «Wir können die Schweizer Bevölkerung schliesslich nicht einsperren. Wir haben ja jetzt schon Einkaufstourismus.» Wenn Fleisch nicht mehr erhältlich wäre in der Schweiz, würden die Menschen es eben selber ennet der Grenze kaufen. 

Für Baumann liegt die Lösung anderswo

Der Hof ist seit über 30 Jahren ein Biobetrieb und ist seit Generationen bei Baumanns Familie. Aber auch die Politik gehört zur Familientradition: Sein Vater Ruedi Baumann (78) sass von 1991 bis 2003 im Nationalrat – für die Grünen. Auch seine Mutter Stephanie Baumann (74) war in dieser Zeit Nationalrätin für die SP. Die beiden waren das erste Ehepaar, das gleichzeitig im Schweizer Nationalrat sass.

Heute führt ihr Sohn den Hof weiter. Die Anforderungen der Ernährungs-Initiative würde das Gut wohl bereits erfüllen. «Bodenfruchtbarkeit, Schutz der Ökosysteme und Biodiversität: Das sind seit jeher auch wichtige Anliegen der Grünen. Aber um diese Ziele zu erreichen, ist die Initiative der falsche Weg», sagt er.

Stattdessen sieht er andere Möglichkeiten. «Wir müssen genauer hinschauen bei den Importen, zum Beispiel sollten wir nicht noch mehr Billigfleisch aus Südamerika importieren, wie es mit dem Mercosur-Handelsabkommen beabsichtigt wird.» Und auch bei der Werbung brauche es Regeln. «Fast täglich werben die Grossverteiler mit Aktionen für Importfleisch zum halben Preis.» Das verleite dazu, noch mehr davon zu kaufen.

Baumann zeigt auf die Wiesen rund um den Hof. «Die Schweiz hat in den vergangenen Jahren sehr viele Autobahnen gebaut. Jetzt sollen sie sogar noch ausgebaut werden.» Das habe Folgen für die Landwirtschaft und der Selbstversorgungsgrad sinke weiter: «Wir verlieren sehr viel Kulturland und damit auch unsere Produktionsgrundlage.»

Dann geht er weiter durch seinen Gemüsegarten. Sträucher wachsen ineinander, dazwischen blühen Büsche in allen Farben. Was hier wächst und was am Ende auf den Tellern landet – darüber wird die Schweiz bald abstimmen.


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