Was diese Mannschaft wirklich über unser Land erzählt
Die schweizerischste Nati aller Zeiten

Die Schweizer Nati ist so erfolgreich wie seit 72 Jahren nicht mehr. Ihre Zusammensetzung wird politisch gerne für die eigene Weltsicht instrumentalisiert. Dabei erzählt diese Nati etwas ganz anderes über die Schweiz. Der Wochenkommentar.
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Die aktuelle Schweizer Nationalmannschaft ist die erfolgreichste der Geschichte.
Foto: TOTO MARTI
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Rolf CavalliChefredaktor Blick

In der Nacht auf Sonntag um drei Uhr wird die Schweiz gespannt sein wie ein Bogen. Die Schweizer Nationalmannschaft steht erstmals seit 1954 wieder in einem WM-Viertelfinal.

In diesen 72 Jahren hat sich vieles verändert. Auf dem Platz und daneben.
1954 gab es weder Gelbe noch Rote Karten, keine Auswechslungen, kein Penaltyschiessen. Vor dem Spiel erklang «Rufst du, mein Vaterland» zur Melodie «God Save The King». Heute stehen die Fussballer zum Schweizerpsalm «Trittst im Morgenrot daher» stramm.

Verändert haben sich aber vor allem Namen und Gesichter der Nati.

1954 hiessen die Stars Sepp Hügi, Robert Ballaman oder Charles Antenen. Multikulturell nach damaligen Massstäben: Ihre Stürmer kamen aus Basel, Neuenburg und dem Berner Jura.

2026 heissen sie Breel Embolo, Dan Ndoye oder Denis Zakaria. Sie haben Wurzeln in Kamerun, Senegal und dem Kongo. Zusammen mit Kobel, Xhaka und allen anderen Kameraden bilden sie die erfolgreichste Schweizer Mannschaft der Geschichte.

Fussball nicht romantisieren

Nein, das wird weder ein Lobgesang auf gelungene Integration noch ein Klagelied über das Verschwinden der Urschweizer. Beide Erzählungen werden gerne politisch ausgeschlachtet, sobald die Nati ins Rampenlicht rückt.

Natürlich ist die Nati ein Stück weit ein Abbild der heutigen Schweiz. Mehr aber auch nicht. Gesellschaftspolitische Deutungen führen schnell zu weit. Die Lebenswelt der Nati-Stars ist vom Schweizer Alltag ungefähr so weit entfernt wie Lionel Messi vom eigenen Strafraum.

Nach der WM zerstreuen sich die Spieler wieder über Europa. Sie kehren zu ihren Klubs in England, Italien, Spanien oder Frankreich zurück. Der Spitzenfussball ist ein globales Milliardengeschäft. Investoren, Fonds und Grosskonzerne geben den Takt vor.

Die Magie von Länderspielen

Unsere Nati-Stars sind Weltbürger. Sie sind erfolgreich, reich und begehrt. Die Schweiz hätten sie beruflich nicht mehr nötig. Trotzdem gibt es für sie kaum etwas Grösseres, als mit dem Schweizerkreuz auf der Brust um den Weltmeistertitel mitkämpfen zu dürfen.

Ein Grund dafür liegt in der besonderen Kraft der Länderspiele. Trotz aller Kommerzialisierung haben sie ihre Magie bewahrt. Im Klubfussball hält Loyalität oft nur bis zum nächsten Vertrag. Wer ein gutes Angebot erhält, wechselt. Das Land dagegen lässt sich nicht tauschen. Genau das verbindet diese Mannschaft mit der fussballbegeisterten Schweiz.

Für die Nati spielen die Besten des Landes. Für Menschen, die sich über Jahre durchgesetzt und vieles untergeordnet haben, ist das die grösste Auszeichnung. Und der stärkste Antrieb.

Die Schweiz als Willensnation

Was erzählt diese Mannschaft also über die Schweiz?

Nicht, dass Migration immer gelingt. Das tut sie nicht. Aber sie zeigt: Wer Talent, Fleiss und Disziplin mitbringt, kann weit kommen – unabhängig von seiner Herkunft.

Und noch etwas macht diese Mannschaft besonders schweizerisch. Die Schweiz ist keine Schicksalsnation. Sie ist eine Willensnation. Ohne den gemeinsamen Willen, trotz verschiedener Sprachen und Kulturen ein Land zu bilden, gäbe es sie nicht. Und ohne den Willen von Embolo, Ndoye, Xhaka, Kobel und Co., für dieses Land alles zu geben, gäbe es auch keinen WM-Viertelfinal.

Nun ist es doch noch etwas politisch geworden. Auf dem Platz aber gilt am Ende dieselbe einfache Wahrheit wie 1954: Das Runde muss ins Eckige.

Hopp Schwiiz!

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