Darum gehts
- Am 14. Juni stimmt die Schweiz über SVP-10-Millionen-Initiative ab
- Liechtenstein vergibt Aufenthaltsbewilligungen teils per Losverfahren, 36 jährlich verlost
- Fürstentum hat 35 % Ausländeranteil
Wird die Schweiz zum Experimentierlabor? Am 14. Juni stimmen wir über die 10-Millionen-Initiative der SVP ab. Die Idee: Bis 2050 sollen in der Schweiz höchstens 10 Millionen Menschen wohnen. Wird die Obergrenze zuvor überschritten, muss der Bundesrat Gegenmassnahmen ergreifen und notfalls auch internationale Abkommen kündigen.
Die Schweiz ist beliebt, hohe Löhne und eine hohe Lebensqualität sind gesichert. Doch das gilt nicht nur für die Schweiz. Und so bietet sich der Blick ins Ausland an: Auch dem Fürstentum Liechtenstein geht es wirtschaftlich gut. Doch anders als die Schweiz hat sich das «Ländle» bei der Einwanderung Sonderregeln ausgehandelt.
Das Fürstentum ist ebenfalls kein Mitglied der EU, aber beim Europäischen Wirtschaftsraum (EWR), zu dem die EU-Länder sowie Norwegen und Island gehören. Die Schweiz lehnte einen EWR-Beitritt 1992 ab.
Losverfahren für Aufenthaltsbewilligungen
Wegen der «besonderen geografischen Lage» konnte sich Liechtenstein aber Ausnahmen beim freien Personenverkehr verhandeln, heisst es vom Ausländer- und Passamt. Die Hälfte aller Aufenthaltsbewilligungen für Menschen aus den europäischen Staaten wird nämlich ausgelost. Um teilzunehmen, muss man entweder über einen Job, die Aussicht auf einen Job oder genügend Geld, um sich den Lebensunterhalt sonst zu verdienen verfügen.
Rund 40'000 Einwohnerinnen und Einwohner zählt der Zwergstaat. 28 Leute werden pro Jahr gezogen, die arbeiten und 8 Personen, die nicht arbeiten. Der Andrang ist gross: 871 Personen haben an der Verlosung im Frühjahr 2026 teilgenommen. Bei wem es nicht geklappt hat, der hat im Herbst nochmals eine Chance. Oder man muss auf die Regierung hoffen: Die darf ebenfalls einen kleinen Teil der Aufenthaltsbewilligungen verteilen, meistens an hoch qualifizierte Fachkräfte.
Für alle anderen Länder könnte die Regierung ein Kontingent festlegen – gemacht hat sie dies jedoch nur für die Schweiz: 12 Leute mit einem Job dürfen einreisen.
Die besseren Chancen hat man im Fürstentum Liechtenstein, wenn Familienangehörige dort leben. 454 Personen kamen 2025 durch einen Familiennachzug ins Fürstentum.
«Bodenpreise würden durch die Decke gehen»
Wird die Schweizer 10-Millionen-Initiative angenommen, könne man insbesondere beim Asylwesen ansetzen, sagt die SVP. Im Fürstentum wäre das nur beschränkt möglich: 82 reguläre Asylgesuche gab es 2025, keines davon wurde positiv beurteilt.
Doch auch das Fürstentum braucht Fachkräfte. Wichtig sind darum die Grenzgänger. 2022 pendelte mehr als die Hälfte aller Beschäftigten aus dem Ausland ins Fürstentum. Dieser Anteil ist gestiegen, 1990 lag er noch bei rund einem Drittel, wie das Amt für Statistik schreibt. Dazu ist der Ausländeranteil mit 35 Prozent höher als in der Schweiz.
Alexander Batliner (58) ist erleichtert über die Sonderregeln für das Fürstentum. Er ist der Präsident der Fortschrittlichen Bürgerpartei, die Teil der Regierung ist. «Studien zeigen deutlich, dass mit der klassischen Personenfreizügigkeit die Bodenpreise durch die Decke gehen würden. Dann könnten sich viele Liechtensteinerinnen und Liechtensteiner kein Eigentum mehr leisten. Die Sonderregeln sind existenziell für uns.»
Gleichzeitig gibt es viele Grenzgänger. «Wir leben davon», gibt Batliner offen zu. Es sei aber eine «Win-win-Situation». «Wir bekommen Arbeitskräfte und die umliegenden Regionen gute Steuerzahler.»
Was den Wohnraum angeht, scheint die Situation dann auch entspannter zu sein als in den grösseren Agglomerationen in der Schweiz, schreibt Georges Baur vom Liechtenstein Institut, das zu Politik, Recht und Wirtschaft forscht. Jeder Kauf eines Hauses ist zudem bewilligungspflichtig. «Auf den Strassen gibt es durchaus Staus.» Das sei allerdings nicht auf die Freizügigkeit zurückzuführen, sondern auf die Grenzgänger.
Dass die Schweiz solche Sonderregeln bei einem Ja zur 10-Millionen-Initiative auch bekommt, scheint aber unwahrscheinlich. Schliesslich ist Liechtenstein deutlich kleiner als die Schweiz. Zudem müsste gerade die EU solche Sonderregeln dann auch anderen Nicht-EU-Ländern wie Grossbritannien geben.