Faktencheck zur Personenfreizügigkeit
Was brachte die Zuwanderung rein wirtschaftlich?

Hat die Personenfreizügigkeit seit 2002 mehr Wohlstand gebracht? Ein Faktencheck in 5 Punkten mit Argumenten der Gegner und Befürworter.
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Die Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» provoziert die Debatte um Zuwanderung.
Foto: keystone-sda.ch

Darum gehts

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Andreas Valda
Handelszeitung

Die Personenfreizügigkeit mit der EU steht in der Kritik, eine zu hohe Zuwanderung in den Arbeitsmarkt der Schweiz zu provozieren. Im Juni stimmt das Volk über die Einschränkung beziehungsweise Kündigung der Personenfreizügigkeit ab. Stichwort: Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz».

Sie ist der Anlass, um über die wirtschaftlichen Vor- und Nachteile von Zuwanderung zu debattieren. Insbesondere steht die Frage im Raum, ob die Wirtschaft im Zuge der Zuwanderung nur in der Breite wächst oder ob sie sich qualitativ verbessert. Die Wirtschaftsleistung pro Person dient als Wohlstandsindikator. Ein weiterer solcher Indikator ist das reale Lohnwachstum.

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Wie entwickelte sich das Wirtschaftswachstum pro Kopf seit Einführung der Personenfreizügigkeit?

Die Personenfreizügigkeit existiert seit 2002 im Zuge der Einführung der bilateralen Verträge mit der EU. Sie wurde in drei Schritten um 13 EU-Länder erweitert und 2021 um ein Land, Grossbritannien, verkleinert. Die betrachtete Periode mit verlässlichen Daten umfasst die Jahre von 2002 bis 2025. In dieser Zeit wuchs die Schweizer Bevölkerung von 6'467'000 auf 9'124'000 Menschen. Sie vergrösserte sich also um ein Viertel.

Artikel aus der «Handelszeitung»

Dieser Artikel ist zuerst in der «Handelszeitung» erschienen. Sichere dir alle 14 Tage Wirtschaft im Klartext – schwarz auf weiss und auf den Punkt gebracht. Hier geht es zum Abo.

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In der gleichen Periode stieg das Bruttoinlandsprodukt (BIP) laut dem Staatssekretariat für Wirtschaft um 55 Prozent – von 522,8 Milliarden auf 808,1 Milliarden Franken (teuerungsbereinigt, zu Preisen von 2020). Die Wirtschaft wuchs also viel stärker als die Bevölkerung. So erhöhte sich auch das reale Pro-Kopf-BIP. Betrug es 2002 noch 71'450 Franken BIP pro Kopf, sind es 2025 bereits 88'567 Franken BIP pro Kopf – ein reales Wachstum von 24 Prozent. Im Schnitt wuchs das BIP pro Jahr um 0,9 Prozent und war nur in fünf Krisenjahren seit 2002 negativ. Dass die Schweiz pro Kopf und teuerungsbereinigt stagniert, ist demnach falsch.

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Wie entwickelten sich die Löhne seit der Einführung?

Ein Fortschritt zeigt sich auch bei den Löhnen seit 2002. Der teuerungsbereinigte Reallohnindex des Bundesamtes für Statistik (BFS) zeigt ein Wachstum von 12 Prozent bis 2025. Jährlich stiegen die Löhne im Schnitt um 0,52 Prozent. Negativ war das reale Lohnwachstum in nur sechs Jahren. Das schlechteste Jahr war 2022 mit der Corona-Pandemie und dem Ausbruch des Ukraine-Krieges, die eine stärkere Inflation provozierten.

Dass dies nicht bloss Statistik ist, zeigen exemplarisch die Gastro-Mindestlöhne. Sie werden im Gesamtarbeitsvertrag jährlich festgelegt. 2010 betrug der Mindestlohn für Ungelernte 3382 Franken monatlich. 15 Jahre später, 2025, beträgt er 3706 Franken – also 324 Franken mehr. Bereinigt um die Teuerung (LIK) verdienten ungelernte Gastro-Angestellte 2025 real 7,7 Prozent mehr als 2010.

Ein ähnliches Bild ergeben die Medianlöhne. Sie erhöhten sich real von 2012 bis 2024 um 8 Prozent. Bei unteren Einkommen betrug das Wachstum gar 10 Prozent. Angestellte mit hohen Löhnen verdienten 2024 im Vergleich zu 2012 7 Prozent mehr.

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Welche Folgen hätte der Wegfall der Personenfreizügigkeit?

Der Bund bestellte beim Beratungsbüro Ecoplan eine Studie, welche die wirtschaftlichen Folgen einer Kündigung der Personenfreizügigkeit durch die Schweiz einschätzt. Sie fokussiert auf die Zeit von 2028 bis 2045. Die Studie geht davon aus, dass die Bilateralen Verträge I ausser Kraft gesetzt würden, weil die sogenannte Guillotine-Klausel die EU ermächtigt, alle Verträge zu kündigen. Infolgedessen beziffert Ecoplan den Rückgang des Bruttoinlandsprodukts auf 4,9 Prozent.

Die Autoren schreiben, dass weitere EU-Abkommen, etwa Schengen (Visa und Grenzkontrollen) und Dublin (Asylabkommen) wegfallen könnten. Dies hätte zusätzliche ökonomische Auswirkungen, die als «potenziell erheblich» eingestuft werden. Eine im Auftrag des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse von BAK Economics erstellte Studie schätzt die Folgen des Wegfalls der Bilateralen I als noch grösser ein: auf minus 7 Prozent BIP bis 2045. Pro Kopf sänke das BIP um 4,7 Prozent. Der Verlust pro Person betrüge 5200 Franken im Jahr 2045, kumuliert würde das 45'700 Franken pro Person bis 2045 entsprechen.

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Was bemängeln die Kritiker der Personenfreizügigkeit wirtschaftlich?

Der Freiburger Ökonom Mark Schelker bestreitet die Aussagekraft von Studien zu möglichen negativen wirtschaftlichen Folgen. Er hat die Kritik in einem Gutachten im Auftrag der EU-kritischen Vereinigung Autonomiesuisse formuliert. Im Kern argumentiert er, dass das Wachstum durch die Zuwanderung befeuert werde. Er bezweifelt jedoch, dass die Qualifikation der Zugewanderten hoch genug sei, um echtes qualitatives Wachstum zu generieren. Schelker stellt keine eigenen Berechnungen an; er sagt nur, dass BAK und Ecoplan die positiven Effekte überzeichneten und die negativen nicht berücksichtigten. Der Nutzen der Bilateralen I für die Bevölkerung sei «weitgehend vernachlässigbar». Ferner stellt er die systemischen Effekte der Bilateralen infrage; solche Effekte hätten sich in der Theorie «nicht etabliert». Es bleibe «offen, ob die Einbindung in den Binnenmarkt Standortvorteile» bringe. Wenn Schweizer Kapital ins Ausland abfliesse, sei dies nicht per se ein Verlust, da Gewinne zurückflössen.

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Wie wehren sich die kritisierten Ökonomen von BAK und Ecoplan?

BAK-Chefökonom Claude Maurer kontert die Vorwürfe. Die Methodik seiner Studie sei «solide begründet», der systemische Effekt sei «gelebte Realität». Die Personenfreizügigkeit sei mehr als bloss zusätzliches Volumen. Sie schaffe bedarfsgerechte Zuwanderung ohne administrative Reibung für Unternehmen und qualifizierte Arbeitskräfte. Man habe nicht bloss fehlende Köpfe dargestellt, sondern die fehlende Qualifikationspassung. Im Wegfall-Szenario würden bis 2045 rund 210'000 optimal qualifizierte Arbeitskräfte fehlen, mit direkten Produktivitätsverlusten. Ecoplan kontert die Vorwürfe ebenfalls. Die positiven Effekte seien «nicht überschätzt». Man habe «sehr vorsichtige Annahmen getroffen» und auch keine dynamischen Wachstumseffekte berücksichtigt. Die Kosten seien berücksichtigt. Auf die Kernfrage, ob die Produktivität durch die Zugewanderten erhöht werde, schreibt Ecoplan-Mitautor Andy Müller: «Das tut sie gemäss unseren Schätzungen. Das hat sie auch in der Vergangenheit getan.»

Das Fazit

Die Schweizer Wirtschaft wächst nicht nur absolut, sondern auch pro Kopf – auch dank der Personenfreizügigkeit. Damit ist der Wohlstand gewachsen. Wie hoch die möglichen Verluste bei einer Kündigung der Personenfreizügigkeit wären, ist umstritten. Die Effekte sind nicht genau bezifferbar, das sagen auch die Studienautoren. Doch wenn nach einer Kündigung der Personenfreizügigkeit viele Arbeitsplätze und Produktionsstätten ins Ausland verlagert werden, wie dies mit dem Brexit in Grossbritannien zu sehen war, und Menschen in grosser Zahl Arbeitsplätze verlieren, hätte dies stark negative Folgen. Die Kernfrage der Experten ist, wie stark Zugewanderte die Wirtschaft zusätzlich befruchten und damit das Pro-Kopf-Wirtschaftswachstum beschleunigen. Belegt hat dies die Konjunkturforschungsstelle der ETH. In einer Studie zu Grenzgängern wies sie nach, dass die Aufmischung des Arbeitsmarktes in Grenzregionen das Wachstum durch zusätzliche Kompetenzen beschleunigt.

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