So geht Politik
Der ganz normale Wahnsinn im Nationalratssaal

Lärm, Krawall, Geschrei – und wichtige Absprachen hinter verschlossenen Türen: Ein Blick in den Maschinenraum unserer Demokratie.
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Bundespolitik sei ein Haifischbecken, heisst es. Aber unter Wasser wäre es immerhin leise.
Foto: Yoshiko Kusano

Darum gehts

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Daniel Faulhaber
Beobachter

Ein Tag, an dem in Bundesbern an der Zukunft des Landes gearbeitet wird, beginnt so: Sehr geehrter Herr Bundesrmurmelmurmelmurmel, -geschätzte Kolleginnen und Kollunverständlich KNALL, WUMMS, KLINGELKLINGEL. Dann stehen alle Anwesenden auf und klatschen, und während die beiden neuen Nationalrätinnen Barbara Portmann (Grünliberale) und Andrea de Meuron (Grüne) vereidigt werden, wischen sich Familienmitglieder auf der Zuschauertribüne ein paar Tränen aus den Augen.

Dann geht der Wahnsinn von vorne los. Benjamin Fischer von der SVP, der an diesem ersten Tag der Sommersession das erste Votum hält, ruft durch das allgemeine Getöse, dass man bitte zuhören soll, «WIR HABEN BEGONNEN!».

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Bundespolitik sei ein Haifischbecken, heisst es, aber unter Wasser wäre es immerhin leise. Im Nationalrat – der mit 200 Mitgliedern grösseren von zwei Kammern im Haus – ist das Gegenteil der Fall. Das Tohuwabohu ist zeitweise derart enorm, dass 14-jährige Schüler mit aufgerissenen Augen von der Tribüne in den Saal hinunterstarren wie erschrockene Streber auf die Rabauken in der letzten Reihe des Schulbusses.

Aktuell wird die Hausordnung überarbeitet. Grund genug für einen Hausbesuch. Denn neben der Frage, was auf höchster politischer Ebene diskutiert wird, ist ja auch interessant, wie diskutiert wird. Und ob man überhaupt etwas versteht.

Was da tönt und poltert, ist am ersten Tag der Sommersession allerhand: Lobbypost, die mit Wumms in den Abfällen landet. Pakete, die knisternd ausgepackt werden. Handyklingeln. Nüsseknuspern. Einzelne Flügeltüren zum Nationalratssaal knallen beim Auf- und Zuschwingen wie dramatische Auftritte in einem Western-Saloon. Und dann das Gerede.

Klangteppich der Demokratie

Um Cédric Wermuth und Mattea Meyer, das Co-Präsidium der SP, versammeln sich manchmal kleinere Spontankonferenzen mit vier, fünf Mitgliedern. Auch in der letzten Reihe der SVP kann man bei Thomas Aeschi, Thomas Matter, Marcel Dettling und Magdalena Martullo-Blocher rechtsbürgerliche Gipfeltreffen beobachten. Da wird gestikuliert, Rücken zum Saal, Hand in der Tasche, Handy am Ohr. Das alles passiert, während vorne Voten gehalten werden und die Rednerinnen und Redner mit verzweifeltem Blick den Halbkreis vor ihnen nach Augenkontakten absuchen.

Jedes Parlament hat seine Eigenarten. In manchen Ländern sitzen sich Regierung und Opposition im Rechteck gegenüber. Die Halbkreisform – in der auch der Nationalrat angeordnet ist – wurde nach der Französischen Revolution populär, um die Spaltung des Volks optisch zu überwinden und den «Geist der Einheit» zu fördern. Schöne Idee, dieser Blick aufs grosse Ganze, aber die Ablenkung ist für Rednerinnen enorm. Auf dem Geist der Einheit steht eine gestrickte Kartoffel. Ein Lobbygeschenk?

Katja Riem (SVP) zählt auf, was sie als Nationalrätin schon alles geschenkt bekommen hat: einen Zahnsteinkratzer. Ein Grillzangenset. Eine Computermaus. Fonduegabeln. «Heute Morgen lag eine Zeckenentfernerkarte auf dem Pult.» Was macht sie damit? «Ich packe die Sachen ein und mache an Weihnachten ein Geschenkspiel daraus für die Familie.» Schrottwichteln, die Lobby-Edition.

Der Lärmpegel im Parlament war in der Vergangenheit öfter Thema, sodass Maja Riniker, FDP-Politikerin und alt Nationalratspräsidentin, die Lautstärke im Saal überwachen liess. Überraschung: Meistens sind es gesundheitlich unbedenkliche 63 bis 69 Dezibel. Ausser es ist Abstimmung. Dann stürzen alle Räte – informiert durch ein automatisches SMS – in den Saal, und es kann schon mal 80 Dezibel laut werden.

Wie arbeitet man unter diesen Umständen? Ein Montag im Juni 2026, zweite Sessionswoche. Gerhard Pfister (Mitte) hat gerade für die Staatspolitische Kommission ein Geschäft kommentiert, beugt sich dann elf Minuten lang mit anderen Mitte-Nationalrätinnen und -räten in der Wandelhalle über ein Strategiepapier und hat dann neun Minuten Zeit für Fragen zur politischen Debattenkultur im Nationalrat. Pfister sagt: «Während der Session passieren sehr viele Dinge gleichzeitig. Die wenigsten davon im Saal selbst, da ist vor allem das Abstimmen wichtig.»

Das politische Kerngeschäft, erklärt Pfister, finde vor den Sessionen hinter verschlossenen Türen statt. Zum Beispiel in den Kommissions- oder Fraktionssitzungen. Mehrere Nationalrätinnen versichern, dass in den Kommissionssitzungen die Aufmerksamkeit eine ganz andere sei als während der öffentlichen Debatte im Nationalratssaal. «Weil in der Kommission freier geredet wird und weil Positionen da noch geschärft werden, findet dort die echte inhaltliche Debatte statt», sagt Irène Kälin von den Grünen, einst ebenfalls Nationalratspräsidentin. «Und wer um Argumente ringt, wird automatisch interessanter. Da hört man dann auch sorgfältiger zu.»

Auf die Geheimdebatte folgt dann die Show. «Der Nationalratssaal ist der Ort, an dem viele Geschäfte zum ersten Mal die Bühne der Öffentlichkeit betreten», sagt Pfister. «Es ist ein wichtiger Moment im politischen Prozess. Nur nicht per se für jene, die da sind.»

Von der Last, ein Mensch zu sein

Trotzdem stehen da vorne Menschen aus Fleisch und Blut am Mikrofon, keine Bots. Das merkt man. Da werden Rücken durchgedrückt und Fäuste in den Saal gereckt. Da werden Stimmen erhoben. Da schütteln die Politikerinnen den Kopf oder hauen auch mal auf den Tisch. «Wann stoppt der arrogante, selbstgefällige Umgang mit dem Leben auf der Erde?», schmettert Katharina Prelicz-Huber irgendwann während der insgesamt neunstündigen Debatte über AKW-Verbote in den Saal. Die Frau redet, als müsse sie hier tatsächlich jemanden überzeugen. 

«Politik ist nie nur Performance», sagt die Grüne danach bei einem Kaffee zum Beobachter. Es stört sie, dass bei zu vielen Geschäften nicht frei debattiert wird. «Es wäre interessanter.» Ihrem Vorstoss für mehr «freie Debatte» hat der Nationalrat allerdings keine Folge gegeben.

So zirkulieren unterschiedliche Strategien für ein Votum in Würde. Katja Riem sagt, sie suche am Rednerinnenpult den Saal nach aufmerksamen Augenpaaren ab. «Ein paar hören immer zu.» Die ehemalige Vorsitzende Maja Riniker sagt, von der Kanzel der Nationalratspräsidentin erkenne man plötzlich Muster im Gewusel, die ihr als einfaches Ratsmitglied nicht bewusst waren. Wie eine unsichtbare Choreografie der Konkordanz.

«Da sehe ich, wie jemand von der Mitte zur SP pilgert – und ich weiss: Aha, die klären noch ein Detail für dieses Traktandum von morgen. Kleinere Spontankonferenzen mit drei, vier Mitgliedern haben oft einen Sinn. Von aussen versteht man das nicht – aber auf einer der hinteren Seiten des Sessionsprogramms stünde die Lösung. Die hecken was aus!»

Parlament emotional stabil

Der Nationalrat sei ein Abbild der Gesellschaft, heisst es – aber damit ist Anna Rosenwasser nicht einverstanden. «Dafür sind wir zu wenige Räte mit Migrationsgeschichte. Und – gemessen am Bevölkerungsanteil – immer noch viel zu wenige Frauen.» Was die Lärmemission angeht, stimme die Aussage allerdings. «Nach drei Wochen bin ich jeweils komplett erschöpft, es ist wirklich anstrengend. Aber auch gut so. Ich politisiere lieber in einem Parlament, das lebt, als in einem Raum ohne Ton.»

Eine Studie der Uni Zürich für die NZZ und «Le Temps» hat kürzlich die Emotionalität in den Reden des Nationalrats gemessen. Fazit: Im Gegensatz zum Ausland ist die Schweizer Politik in den vergangenen Jahren nicht gefühlsbetonter geworden. Stabiles Schweizer Mittelmass, sozusagen. Aber die Tür hinter der Mitte-Partei knallt bei stürmischer Behandlung wirklich sehr. Da könnte man mal etwas dagegen machen.

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