Darum gehts
- Umfrage: Viele ÖV-Nutzer fordern mehr Kulanz bei Ticketkontrollen in der Schweiz
- Monika Henderson verteidigt strikte Kontrollen und pocht auf klare Tarifregeln
- 74-seitiges Regelwerk «T600»: Ticketpflicht gilt vor Betreten des Verkehrsmittels
Viele Leserinnen und Leser des «Beobachters» finden, dass Kontrolleurinnen und Kontrolleure im ÖV kulanter sein sollen. Schliesslich sei es ein Unterschied, ob jemand absichtlich schwarzfahre oder der Billettkauf nicht geklappt habe. Das zeigt eine Umfrage. Aber wo fängt Kulanz an, und wer soll darauf hoffen dürfen?
Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.
Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.
Monika Henderson ist ÖV-Kontrolleurin in der Region Ostschweiz. Auch sie hat sich auf den Aufruf des «Beobachters» gemeldet und gibt Einblick in ihren Berufsalltag. Damit Henderson nicht auf diesen Artikel angesprochen wird, haben wir ihren Namen anonymisiert.
Billett schon für den Fussweg
Henderson kontrolliert viele Fahrgäste, die ihre Tickets erst kurz nach dem Einsteigen lösen, oft mit Easy Ride. Damit bezahlen Fahrgäste ihr Ticket erst nach der Fahrt. Der Preis ist abhängig von der zurückgelegten Distanz, registriert vom Smartphone. Eigentlich würde es keine Rolle spielen, ob Easy Ride zehn Sekunden vor oder nach der Abfahrt aktiviert wird, der Ticketpreis bleibt gleich. Trotzdem werden viele gebüsst. Warum? Henderson sagt: «Die Regeln sind klar: Fahrgäste müssen ein Ticket lösen, bevor sie das Verkehrsmittel betreten, auch wenn man Easy Ride benutzt. In meiner Region steht das explizit auf jeder Bustür.»
Peter König – Ex-Leiter des Rechtsdienstes beim Bundesamt für Verkehr – kritisiert diese Praxis. Kürzlich kommentierte er in der NZZ die mangelnde Kulanz bei ÖV-Kontrollen: «Wer aber gerade noch knapp einen Zug oder einen Bus erwischt, kann ja nicht anders, als das Ticket erst im Fahrzeug zu lösen: Soll man deswegen auf die nächste Fahrt warten? Das ist weltfremd und nicht sehr kundenfreundlich.»
Henderson ist anderer Meinung: «Wer schnell vom Bus aufs Tram wechseln muss, hat doch bereits ein gültiges Ticket. Wer den Bus im Quartier immer nur im Vollsprint erwischt, sollte vielleicht früher von zu Hause loslaufen – oder Easy Ride auf dem Fussweg zur Haltestelle aktivieren. Zusatzkosten entstehen dadurch keine.»
Sie stützt sich auf die schweizweit gültigen Tarifbestimmungen zum öffentlichen Verkehr, kurz: «T600». Auch im 74 Seiten umfassenden Regelwerk steht: «Es gilt die Fahrausweispflicht vor Reiseantritt.» Aber geht der Reiseantritt wirklich mit dem Tritt über die Schwelle einher – oder erst mit der Abfahrt von Zug, Bus oder Tram? In seinem NZZ-Kommentar wünscht sich Peter König, dass eine Gruppe gebüsster Schwarzfahrer oder der Konsumentenschutz diese Frage vor Gericht klären würden. Henderson sagt: «Die aktuellen Richtlinien reichen mir, damit ich meinen Job machen kann.»
Kein Empfang im Untergrund? Damit muss man rechnen
Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Beobachter-Umfrage ärgern sich, wenn eine Panne oder ein Versehen einen Zuschlag nach sich zieht. Eine Leserin etwa konnte am Flughafen Zürich ihr Easy Ride nicht aktivieren, weil sie auf dem unterirdischen Bahnperron keinen Handyempfang hatte. Im Zug gabs eine Busse.
Henderson nimmt den Kondukteur in Schutz: «Ich hätte hier wohl auch einen Eintrag gemacht. Wer eine Dienstleistung in Anspruch nimmt, muss dafür bezahlen. Wenn ich in die Migros gehe und der Selfcheck-Automat defekt ist, zahle ich an der Kasse. Die Frau hätte Easy Ride bereits vorher aktivieren oder ein Ticket am Automaten lösen können.»
In solchen Fällen legt Henderson den Passagieren nahe, ihren Fall später beim Servicecenter zu melden. Dort sei man im Nachhinein oft kulant – es sei denn, man beleidigt oder bedroht das Bahnpersonal. Dafür gebe es eine entsprechende Notiz im Eintrag, die das Servicecenter später sehe. In diesem Fall könne man sich Kulanz abschminken, zu Recht, findet Henderson: «Ein respektvoller Umgang hilft immer.»
Kulanz versus Tricks
Sie selber findet es respektlos, wenn Fahrgäste sie für dumm verkaufen wollen. So werden ihr regelmässig falsch gelöste Tickets oder abgelaufene Abos hingehalten – in der Hoffnung, sie schaue nicht genau hin.
Ein besonders dreister Passagier fuhr mit einem fremden Swisspass, den jemand unwissentlich verloren hatte. Henderson erwischte ihn. Sie sagt: «Wenn jemand so betrügen will, fehlt mir jegliches Verständnis.»
- Tarifbestimmungen für den öffentlichen Verkehr: T600
- NZZ-Gastkommentar von Peter König: Der ÖV-Kunde als Störfaktor für die Branche
- Gespräch mit Monika Henderson
- Zuschriften der Beobachter-Leserschaft
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Als Kontrolleurin darf Henderson selbst entscheiden, wann sie auf einen Zuschlag verzichtet. Ihre Arbeitgeberin macht ihr keine Vorgaben. Henderson räumt offen ein, dass sie selten ein Auge zudrückt.