Schweizer Botschafterin Livia Leu
«Diplomatie ist nicht einfach ein Beruf. Es ist eher eine Lebensweise»

Reichstag, Kanzleramt und Spree liegen direkt vor ihr. Zum 25. Geburtstag der Schweizer Botschaft in Berlin öffnet Botschafterin Livia Leu die Türen eines Hauses, das Krieg und Teilung überstand und heute die prominenteste Nachbarschaft der Stadt pflegt.
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Blick über Berlin: Die Schweizer Botschafterin Livia Leu verbringt ihre Pausen am liebsten auf der Dachterrasse der Botschaft.
Foto: Patrick Desbrosses

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Vanessa Nyfeler
Schweizer Illustrierte

Auf der Dachterrasse der Schweizer Botschaft hoch über den Dächern Berlins lässt Livia Leu (65) den Blick über das Regierungsviertel schweifen. Gegenüber erhebt sich das Bundeskanzleramt, wenige Schritte weiter ragt die Kuppel des Reichstags in den Himmel. «Die Dachterrasse ist der spektakulärste Ort des Hauses», erklärt Leu. Bundeskanzler Friedrich Merz arbeitet nur einen Steinwurf entfernt. «Er begrüsst mich mit ‹Hallo, Frau Nachbarin›.»

Keine ausländische Vertretung liegt näher am politischen Zentrum Deutschlands. Die Nähe helfe nicht nur geografisch. «Sie schafft auch eine gewisse Nähe in der Arbeit.» Diese Nachbarschaft steht im Mittelpunkt der diesjährigen Soirée Suisse. Einmal jährlich laden Schweizer Vertretungen rund um den Globus zu sich ein und bringen Persönlichkeiten aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur zusammen. In Berlin fällt die Ausgabe 2026 mit einem Jubiläum zusammen: Vor 25 Jahren wurde der Um- und Erweiterungsbau der Schweizer Botschaft im wiedervereinigten Deutschland eröffnet. Zum Geburtstag des Hauses werden am Abend rund 550 Gäste erwartet, darunter Bundesrat Ignazio Cassis und die deutsche Forschungsministerin Dorothee Bär.

Wo Diplomatie zu Hause ist

Noch aber ist von Feststimmung wenig zu spüren. Hinter den Kulissen laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Im Garten werden Blumengestecke zurechtgerückt, Techniker verlegen Kabel zwischen den Bäumen. Aus der Küche riecht es bereits nach Risotto, während Schweizer Schokolade und Wein bereitgestellt werden.

Mittendrin bewegt sich Livia Leu mit spürbarer Vorfreude durch das Haus. «Die Soirée Suisse ist immer ein Höhepunkt.» Seit 2023 vertritt die ehemalige Staatssekretärin des EDA die Schweiz im Nachbarland. Anders als bei vielen ihrer Kolleginnen und Kollegen befindet sich auch ihre Residenz direkt in der Botschaft. Für die Mittagspause geht es manchmal einfach ein Stockwerk tiefer in die Wohnung. Wirklich Feierabend habe man in diesem Beruf sowieso selten, sagt sie. «Diplomatie ist nicht einfach ein Beruf. Es ist eher eine Lebensweise.»

Seit mehr als zwei Jahrzehnten steht Livia Leu im Dienst der Schweizer Diplomatie. Sie war unter anderem Botschafterin im Iran und im Staatssekretariat für Wirtschaft Seco.
Foto: Patrick Desbrosses


Die Weltlage beschäftige sie natürlich, erzählt Leu beim Rundgang durch das Gebäude. Zum Glück funktionierten die Beziehungen zwischen Deutschland und der Schweiz trotzdem hervorragend. Das Land mit über 83 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern ist der wichtigste Handelspartner der Schweiz. Unternehmen forschen gemeinsam an neuen Technologien, entwickeln Medikamente oder investieren grenzüberschreitend. «Wir sind viel mehr als Nachbarn», so Leu. «Uns verbinden Sprache, Geografie und vor allem die Menschen.»

Gespräche mit Wirkung

Von aussen mag die Soirée Suisse wie ein reiner Cüpli-Abend wirken. Ein paar Chäschüechli, etwas Small Talk und schöne Fotos. Die Botschafterin schmunzelt über dieses Klischee. «Eigentlich führt man an solchen Anlässen erstaunlich wenig Small Talk», sagt sie. «Man weiss sehr genau, was man erfahren möchte oder welches Anliegen man bei wem platzieren will.»

Die Gäste amüsieren sich, als Bundesrat Ignazio Cassis über die kleinen Sprachunterschiede zwischen Deutschland und der Schweiz scherzt – vom «Velo» bis zur «Tüte».
Foto: Patrick Desbrosses

Wenige Stunden später treffen erste Gäste ein, und das Stimmengewirr im Garten wird lauter. Zwischen dem historischen Stadtpalais und dem modernen Anbau entstehen Grüppchen, Visitenkarten wechseln die Besitzer. Livia Leu begrüsst jeden Gast einzeln, tauscht ein paar Worte aus und wechselt mühelos zwischen Schweizerdeutsch, Hochdeutsch, Italienisch, Französisch und Englisch.
Beim Eingang prangt in grossen Buchstaben der Schriftzug «Schweizerische Botschaft». Als jemand fragt, weshalb dort nicht einfach «Schweizer Botschaft» steht, muss Livia Leu lachen. «Da treffen Sie einen Nerv bei mir!» Dann erklärt sie: «Zwar sagt man Schweizer Pass, aber auch Schweizerische Eidgenossenschaft.»

Noch lieber spricht Livia Leu über die Geschichte dieses Hauses. Wer mit ihr durch die Botschaft geht, merkt schnell, wie eng die Geschichte des Gebäudes mit jener Berlins verbunden ist. 1870 liess der berühmte Charité-Arzt Friedrich Theodor von Frerichs das Stadtpalais errichten, 1919 kaufte es die Schweiz. Später sollte es Hitlers geplanter Welthauptstadt Germania weichen. Doch die Botschaft blieb stehen. Als einziges Gebäude des Quartiers überstand sie Krieg, Teilung und Wiedervereinigung. «Da war viel Glück dabei», sagt Leu. Nach dem Mauerfall wurde das historische Stadtpalais renoviert und durch einen modernen Neubau der Basler Architekten Diener & Diener ergänzt. 2001 eröffnete die Schweiz ihre neue Botschaft im Herzen des neuen Regierungsviertels in Berlin.

Der Um- und Erweiterungsbau der Basler Architekten Diener & Diener verbindet Geschichte und Gegenwart.
Foto: Patrick Desbrosses

Die Botschaft habe im Laufe der Jahrzehnte eine sehr schweizerische Eigenschaft entwickelt, meint Aussenminister Ignazio Cassis (65) in seiner Rede: «Sie ist nie in Panik geraten. Sie blieb einfach stehen.»

Nicht nur die Lage der Schweizer Botschaft sei kaum zu übertreffen, meint die deutsche Forschungsministerin Dorothee Bär (48): «Auch die besten Gäste, das beste Essen und jetzt auch noch das beste Wetter!»

Fleissig wird an diesem Abend diskutiert und genetzwerkt. Genau dafür, sagt Livia Leu, sei eine Botschaft da. «Eine Botschaft ist ein Arbeitsinstrument. Natürlich sollen sich die Gäste wohlfühlen. Aber letztlich dient dieses Haus einem Zweck: der Wahrung der Interessen der Schweiz.»

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