Deutschland Letzter, Italien siegt!
Warum sich Top-Diplomaten auf dem Schiessstand duellieren

Alle fünf Jahre verfällt die Schweiz dem Schützenfieber! Am Eidgenössischen in Chur GR messen sich vier Botschafter im inoffiziellen Nationenwettkampf. Wer am treffsichersten ist, überrascht alle – den Sieger am meisten.
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Vier Diplomaten, vier Luftgewehre: Andreas Künne, Karin Mössenlechner, Gian Lorenzo Cornado und Markus Potzel (v. l.) nach ihrem Wettkampf.
Foto: Pascal Mora

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Botschafter üben sich am Eidgenössischen Schützenfest in Chur
  • Italienischer Botschafter Gian Lorenzo Cornado war von den Diplomaten mit 71 Punkten am besten, obwohl er unerfahren war
  • Über 35'000 Schützen und 100'000 Besucher feiern das einmonatige Volksfest
Text Silvana Degonda, Fotos Pascal Mora
Schweizer Illustrierte

«Ein Gewehr hatte ich noch nie in der Hand», sagt Karin Mössenlechner (55) und strahlt dabei, als hätte man ihr gerade ein besonders schönes Geschenk überreicht. Die niederländische Botschafterin betrachtet neugierig das Visier, den Lauf und den Schaft des Luftgewehrs. «Ich wusste gar nicht, dass du eine Pazifistin bist», sagt der deutsche Botschafter Markus Potzel (61) neben ihr und lacht laut. Das Eis ist gebrochen.

Artikel aus der «Schweizer Illustrierten»

Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Näher dran – an Stars, Royals und Menschen mit Geschichten. Hier gehts zum Abo!

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Normalerweise vertreten diese vier Botschafter ihre Länder an Empfängen, Konferenzen und Staatsanlässen. Heute stehen sie in einer umfunktionierten Eishockeyhalle in Chur am Schützenstand Schulter an Schulter. Seit dem 5. Juni findet in Graubünden während eines Monats das Eidgenössische Schützenfest statt – ein grosses Volksfest mit mehr als 35'000 Schützinnen und Schützen sowie rund 100'000 Besucherinnen und Besuchern. Da darf der Mitte-Nationalrat Martin Candinas (45) als OK-Präsident nicht fehlen. Er ist es, der die Botschafter zur Eröffnungsfeier eingeladen hat. «Sie sollen sehen, dass auch diese Tradition zu unserem Land gehört.»

Als OK-Präsident ist Martin Candinas vorne mit dabei. Olympiasiegerin Chiara Leone hilft dem Mitte-Nationalrat mit dem Luftgewehr.
Foto: Pascal Mora

Und was wäre schweizerischer als ein Schiesswettkampf, der auf die Minute pünktlich beginnt? «Wir Schweizer achten sehr darauf, die Zeit einzuhalten und das umzusetzen, was wir versprochen haben», sagt Candinas. Der deutsche Botschafter greift die Vorlage sofort auf. «Ja», sagt Potzel grinsend. «Die Schweizer versuchen immer einzuhalten, was sie sagen – wenn sie sich dann einmal festgelegt haben.»

DEUTSCHLAND «Ein einmaliges Fest», sagt Markus Potzel. «Auch bei uns in Deutschland hat das Schiessen eine lange Tradition.» Es reicht trotzdem nur für den letzten Platz.
Foto: Pascal Mora


Die Ruhe vor dem Plopp

Vor dem Wettkampf gibt es Instruktionen an den vollelektronischen Anlagen, auf denen die Treffer digital erfasst werden. Karin Mössenlechner ist die Einzige ohne Schiesserfahrung. Alle drei Herren haben irgendwann in Uniform geschossen. EU-Botschafter Andreas Künne (59) wirkt entspannt. «Ich war mal im Führungskommando der Streitkräfte in Berlin. Da geht man ab und zu schiessen. Und das Schützenfest war eine Gelegenheit, die ich mir nicht entgehen lassen wollte.» Für Künne gehört der Ausflug zum Berufsverständnis eines Diplomaten. «Ich versuche immer, ein Land möglichst gut zu verstehen. Das Schützenfest gehört einfach zur DNA der Schweiz.» Während alle ihre Anzugjacken ablegen, behält der italienische Botschafter Gian Lorenzo Cornado (66) seinen eleganten Blazer an. Stil vor Sport.

ITALIEN Der Schützenkönig ist selber überrascht! «Das letzte Mal habe ich vor 40 Jahren geschossen», sagt Gian Lorenzo Cornado.
Foto: Pascal Mora

Auch Gastgeber Martin Candinas greift zum Gewehr. Als er durchs Visier blickt, erscheint prominente Verstärkung. Die Aargauer Sportschützin Chiara Leone (27) schaut ihm über die Schulter. Ein Blick von der Olympiasiegerin genügt. «Da gibt es auf jeden Fall Verbesserungspotenzial», sagt sie mit einem Schmunzeln.

Zuerst wird trocken geübt. Anschlag, Atmung, Visierung. Es klingt erstaunlich ähnlich wie Diplomatie. Wer zu hastig reagiert, verfehlt das Ziel. Dann werden die Gewehre mit Bleimunition, sogenannten Diabolos, geladen. Plopp. Plopp. Plopp. Die ersten Schüsse gehen los. Künne schaut überrascht auf sein Gewehr. «Es knallt, bevor ich überhaupt merke, dass ich geschossen habe.» Beim Italiener läuft es derweil weniger reibungslos. Sein Luftgewehr macht nicht ganz, was es soll. Irgendetwas klemmt – ein Soldat eilt ihm zu Hilfe. Trotzdem hält sich Gian Lorenzo Cornado wacker. Die Niederländerin wiederum ist voller Freude dabei und begeistert vom Lernkurveneffekt. «Am Anfang wird man schnell besser, später merkt man, wie schwierig es eigentlich ist.»

Ein Überraschungssieg

Nach einer halben Stunde ist der Wettbewerb bereits vorbei. Zur Rangverkündigung tritt der Schiesspapst der Ostschweiz persönlich vor die kleine Runde. Erhard Hüppi, weisser Vollbart und rotes Schweizer Käppi, trägt die Resultate in breitester Mundart vor. Der italienische Botschafter steht da, regungslos. Erst als ihm jemand das Ergebnis schnell auf Italienisch übersetzt, fällt der Groschen. «Was? Ich habe gewonnen?» Mit 71 Punkten. Ein völlig unerwarteter Triumph! «Das letzte Mal, dass ich geschossen habe, war 1986, als ich Wehrdienst in der italienischen Armee geleistet habe. Vor 40 Jahren!» Es folgen die Niederlande auf Platz 2 (67 Punkte), Bronze geht an den EU-Botschafter (63 Punkte). Und der letzte Platz? Der geht an Markus Potzel mit 57 Punkten. Der deutsche Botschafter nimmts mit bemerkenswerter Gelassenheit. Wer Diplomatie beherrscht, weiss schliesslich, wie man auch Niederlagen würdevoll einsteckt. «Ich bin ein bisschen enttäuscht – klar. Aber ist schon okay.»

NIEDERLANDE «Ich finde es wunderbar, diese Tradition kennenzulernen», sagt die Botschafterin der Niederlande. «Es hat wirklich Spass gemacht.» Ihr Debüt am Schützenstand endet mit Silber.
Foto: Pascal Mora

Während die Verlierer ihre Punkte vergleichen, muss sich der frisch gekrönte Schützenkönig aus Italien schon auf den Weg machen – er hat noch andere Termine. Doch davor schwärmt er noch von einem anderen Höhepunkt des Tages: dem Mittagessen. Rindfleisch, Erbsen und Kartoffelstock. «Einfach hervorragend», sagt er, bevor ihn der Fahrer zum Bahnhof bringt. Für die anderen gibt es ein Tiramisu im Festzelt. Diplomatie geht eben auch durch den Magen.

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