Nachruf von Frank A. Meyer
Jean Ziegler fehlt der Schweiz – und der Welt

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Unbeirrbarer Einzelkämpfer: Jean Ziegler.
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Frank A. MeyerPublizist

Der Titel seines letzten Buches könnte für sein ganzes rebellisches Leben stehen: «Trotz alledem!» Auch mit 90 Jahren versuchte Jean Ziegler noch, diesem Kampf Zukunft zu geben. Der Untertitel seines publizistisch-politischen Vermächtnisses: «Warum ich die Hoffnung auf eine bessere Welt nicht aufgebe». Am 10. Juni ist Jean Ziegler im Alter von 92 Jahren gestorben.

Überall in Europa wird nun dieses unbändigen Schweizers gedacht – und überall in der Welt, wo sein Name für den Kampf gegen Elend und Hunger stand. Denn das war die Botschaft, die den Soziologen der Universität Genf antrieb, sich rund um den Globus einzumischen, immer wieder: als Uno-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, als Mitglied des Uno-Menschenrechtsrats, als Beirat des Vereins Business Crime Control, vor allem und vorab jedoch als unbeirrbarer Einzelkämpfer:

Als Jean Ziegler.

In seiner Herkunft war dieser Lebenslauf nicht angelegt, ganz im Gegenteil: Hans Ziegler entstammte einer konservativ-bürgerlichen und protestantischen Familie aus der Kasernenstadt Thun im Kanton Bern. Mit seiner Herkunft brach er radikal: In Genf wandelte er sich zum französischsprachigen Politiker, konvertierte vom Protestanten zum Katholiken, wurde ein dezidierter Linker.

Den Namen Hans trieb ihm Simone de Beauvoir aus, Jean-Paul Sartres Lebensgefährtin: Sie nannte den jungen Schweizer einfach Jean. Und blieb dabei. Die beiden Denker des französischen Existenzialismus wurden Jeans Freunde in Paris.

Auch den Beginn seines politischen Lebens in der Schweiz begleitete ein spektakulärer Pate: Während der Uno-Weltzuckerkonferenz 1964 in Genf kutschierte Jean den kubanischen Delegierten Ernesto Che Guevara als Chauffeur durch die Stadt. Er fragte den legendären Revolutionär, ob er ihn bei dessen Rückreise in Fidel Castros gelobtes Land mitnehmen könne. Ches Antwort: «Dein Platz ist hier. Hier ist das Gehirn des Monsters. Hier musst du kämpfen.»

Jean Ziegler kämpfte.

Ja, er kämpfte, und zwar so sehr, dass er sich schon mal ver-kämpfte: durch fragwürdige Kontakte zu Diktatoren, durch Lob für zwielichtige Linke – dabei stets beseelt von der Überzeugung, das Los aller Erniedrigten und Darbenden erleichtern zu müssen. Zauberhafte Unverdorbenheit, man möchte sie Naivität nennen, war der Urgrund seines unerschütterlichen Einsatzes gegen den Hunger in der Welt, gegen die Verursacher hundertmillionenfachen Elends, gegen die Täter.

Die Übeltäter.

Er glaubte, sie dingfest gemacht zu haben, die global operierenden Kapitalisten: vornehmlich in den Banken, besonders den Schweizer Banken, denen er mit seinem Buch auf den Pelz rückte: «Eine Schweiz – über jeden Verdacht erhaben».

Es war ein Volltreffer.

Freilich ging Zieglers Schuss auch nach hinten los: Mogule der Finanzszene mitsamt ihren publizistischen Leibgardisten bezichtigten ihn des Landesverrats. Er sollte aussortiert werden aus den reputierten Reihen der eidgenössischen Politik und Publizistik – fürderhin als Unberührbarer gelten. Ein schwieriger Start, denn durch dieses Buch vertiefte er den Bruch mit seiner friedlich-bürgerlichen Herkunft vom Thunersee. Jean Ziegler begab sich – jetzt als Genfer – ganz allein auf eine politische Abenteuerfahrt durchs Leben, durch die Welt.

Und er bekam immer wieder irgendwie recht.

In der Schweiz beäugte man das Treiben heimischer Banken fortan mit Argwohn, mitunter sogar mit deutlicher Kritik. Finanzmächtige verklagten ihn, weil sie sich durch seine scharfen Formulierungen getroffen fühlten. Was die weltweite Auflage seiner Bücher beflügelte, Jean schliesslich finanziell ruinierte.

Ihn jedoch keine Sekunde stocken liess in seinem Kampf.

Seitdem glänzte der Name Jean Ziegler stellvertretend für eine Schweiz der Gerechtigkeit, ja des Engagements für die Gerechtigkeit in der Welt. Seitdem verdüstert der Name Jean Ziegler den Blick auf die Finanzschweiz.

Nehmen wir Abschied von einem Gerechten?

Mit Gut und Böse ist es so eine Sache:
Je nachdem, wo man selber steht, kann Gerechtigkeit auch als Ungerechtigkeit erscheinen, kann ein generell berechtigter Vorwurf im Einzelfall sogar Falsche treffen, zum Beispiel Kapitalisten mit Moral, die es doch zuhauf und allerorten gibt. Dieser perspektivischen Täuschung ist der Genfer Gerechtigkeits-Guerillero nicht entgangen. Und er wusste es. Denn er war mehr als ein Gerechter.

Jean Ziegler war ein Liebender.

Er liebte die Menschen – nicht die Menschheit. Wenn er in Hungergebiete reiste, um den Notleidenden ganz unmittelbar Hilfe zu leisten, berichtete er voller Entsetzen: «Du musst die hungernden Kinder sehen!» Ein hungerndes Kind vor Augen zu haben, hiess für ihn: die Welt zu verstehen.

Trösten liess er sich in seinem Trotz nur durch Liebe und Freundschaft: durch
die Liebe zu seiner wundervollen Lebens- und Denkgefährtin, der Schweizer Kunsthistorikerin Erica Deuber, und durch Freunde, die ihn über Jahrzehnte begleiteten, die er immer wieder in ein spontanes Telefonat verstrickte. Ja, auch ins Gespräch war er verliebt, selbst in das mit politischen Gegnern, weil das Gespräch den Menschen macht. Stets bezauberte Jean dabei mit der bürgerlichen Eleganz seines Umgangsstils.

Der Mensch Jean.

Um die Heimat hat sich Jean Ziegler historisch verdient gemacht – oft genug in Kämpfen gegen die Schweiz, die er liebte und sie gerade deshalb verzweifelt kritisierte. Er zweifelte nicht an seiner Nation, er verzweifelte an ihr. Und appellierte an sein Land, doch endlich gut zu werden – wenigstens ein bisschen besser als andere.

Deutschlands einstiger Bundeskanzler Helmut Kohl fragte einmal beim privaten Gespräch mit einem Gast aus der Schweiz in seiner Bonner Residenz: «Was halten Sie von Jean Zieglers Büchern?» Der Gast fragte zurück: «Herr Bundeskanzler, sagen Sie mir doch zuerst, was Sie davon halten.» Kohls Antwort: «Es stimmt alles.»

So trug Jean die Schweiz in die Welt.

Jetzt fehlt er. Der Schweiz – und der Welt.

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