Darum gehts
Flavien Gousset (29) veröffentlichte sein Video zur 10-Millionen-Initiative am letzten Sonntag auf allen grossen Social-Media-Plattformen. Innert kürzester Zeit wurde der Inhalt von Zehntausenden Nutzern gesehen, gelikt und geteilt. Gousset freute sich über den grossen Zuspruch. Doch dann kam der Schock: Tiktok sperrte das Video ohne Begründung.
Statt seines Inhalts war plötzlich nur noch ein schwarzer Hintergrund zu sehen. In dünnen weissen Lettern teilte Tiktok ihm mit, dass er gegen die Community-Richtlinien verstossen habe. «Warum?!», fragte sich Gousset irritiert.
Das Video des Social-Media-Stars wirkt unverdächtig: Er sitzt am Küchentisch, trinkt Holundersirup und erklärt, weshalb die 10-Millionen-Initiative der SVP abzulehnen sei. Das Aufsuchen der Tiktok-Richtlinien half auch nicht weiter. Sexualisierte Inhalte, Mobbing und Gewalt werden dort als mögliche Verstösse aufgeführt.
Keine Möglichkeit, gegen Sperrung vorzugehen
Gousset war fassungslos. Sein Video nahm gerade Fahrt auf, und jetzt war es einfach verschwunden. Auch seine Community zeigte sich enttäuscht. Eine Userin schrieb etwa: «Ich wollte das Video in den Familien-Chat schicken – und nun ist es weg!»
Für den Influencer war die Situation ärgerlich. «Hinter dem Video stecken über 50 Stunden Arbeit», sagt er. Den Zeitpunkt der Veröffentlichung habe er bewusst gewählt, da nun die Abstimmungscouverts verschickt würden. Seine Community finanziere die Videos über Kleinspenden. Die Followerinnen und Follower hätten auf die Publikation gewartet.
Doch nun kam ihm Tiktok in die Quere und er hatte keine Möglichkeit, etwas dagegen zu tun. Der vielversprechende Button «Einzelheiten anzeigen», der unter dem gesperrten Video angezeigt wurde, führte ins Nichts. Nach dem Klick erschien lediglich ein grauer Screen mit einem Ufo und der Meldung: «Es ist etwas schiefgelaufen.»
SVP kennt Problem ebenfalls
Gousset fühlt sich dem chinesischen Techkonzern ausgeliefert. Um seinem Ärger Luft zu machen, berichtete er auf Instagram über den Fall. Dabei zeigt sich, dass er mit dem Problem nicht allein war. Das 10-Millionen-Video des Influencers Raphaël Battandier (20) wurde ebenfalls gesperrt. Wie Gousset argumentierte er gegen das SVP-Begehren.
Doch Tiktok scheint keine politische Präferenz zu haben. Denn auch auf dem Kanal der Nachhaltigkeitsinitiative wurde ein Video gesperrt, wie Blick auf Anfrage erfährt. Es handelte sich um eine Umfrage an einer SVP-Delegiertenversammlung zur Initiative. Die chinesische Plattform begründete die Sperrung nicht.
Tiktok: «Es kommt gelegentlich zu Fehlern»
Auf Anfrage von Blick erklärt Tiktok die Situation wie folgt: «Wir setzen eine Kombination aus Technologien und Moderationsteams ein, um Inhalte oder Konten, die gegen unsere Community-Richtlinien verstossen, zu identifizieren.» Der Konzern gesteht: «Bei der Moderation von Inhalten in dieser Grössenordnung unterlaufen uns gelegentlich Fehler.»
Dann unterstreicht das Unternehmen, dass die Nutzerinnen und Nutzer die Möglichkeit hätten, Sperrungen in der App anzufechten. Bei Gousset und Battandier war das – wie Screenshots zeigen – nicht der Fall. Auf diese Tatsache geht das Techunternehmen nicht ein.
Nach der Anfrage von Blick wurde das Video von Gousset wieder entsperrt. Die Inhalte von Battandier und das von der SVP-Versammlung blieben in der Korrespondenz unerwähnt. Bis heute fehlt von ihnen auf Tiktok jede Spur.
Algorithmen bleiben Rätsel
Der Verein AlgorithmWatch CH beschäftigt sich mit der Regulierung von Online-Plattformen. Geschäftsführerin Angela Müller sagt zu Blick: «Tiktok hat sich zu einer wichtigen Plattform für politische Inhalte entwickelt.» Damit habe die Plattform einen grossen Einfluss auf die demokratische Debatte und beeinflusse die Meinungsbildung potenziell.
Es gebe Hinweise darauf, dass Tiktok sehr viel lösche und sperre. Dadurch könne es zu «Overblocking» kommen. Gleichzeitig existiere das Phänomen des «Shadow Banning». Dabei würden Inhalte nicht gelöscht, sondern weniger prominent angezeigt. Leider wisse niemand genau, wie das System von Tiktok funktioniere. «Die Moderationsalgorithmen sind sehr intransparent.»
Politische Inhalte besonders anfällig
Fabrizio Gilardi, Politikwissenschaftler an der Universität Zürich, befasst sich mit dem Zusammenspiel von Politik und sozialen Medien. Er sagt: «Tiktok verarbeitet eine riesige Menge an Inhalten.» Die Moderationsregeln liessen oft Interpretationsspielraum. Eine gewisse Fehlerquote sei darum systembedingt.
Bei politischen Inhalten dürfte es besonders oft zu irrtümlichen Sperrungen kommen, da diese an den Schnittstellen verschiedener Regelbereiche lägen. Möglicherweise seien die Videos zur 10-Millionen-Initiative wegen bestimmter Schlagworte wie etwa «Zuwanderung» gesperrt worden.
Der Forscher betont, dass man sich des Trade-offs bei der Moderation bewusst sein muss: Wird zu lasch moderiert, besteht die Gefahr, dass viele toxische Inhalte publiziert werden – wie das auf der Plattform X von Elon Musk der Fall sei. Wird hingegen zu streng moderiert, werden auch harmlose oder wertvolle Inhalte gesperrt. Man dürfe diese Abwägung nicht aus den Augen verlieren.
Gousset dürfte die Sperrung verschmerzt haben: Plattformübergreifend wurde sein Video inzwischen mehr als eine Million Mal aufgerufen. Einen faden Beigeschmack hinterlässt die Geschichte dennoch. «Hätte der Blick nicht nachgefragt, wäre das Video wohl noch immer gesperrt», sagt er.