Darum gehts
- Fünf der acht SVP-Anwärter für die Parmelin-Nachfolge haben Jus studiert
- Die SVP setzt auf Akademiker, obwohl sie besonders bei Menschen ohne Hochschulabschluss stark ist
- Mit einem Juristen könnte die SVP den historischen Juristen-Blackout im Bundesrat beenden
Volksnähe gehört tief zur DNA der SVP. Ihrem Selbstverständnis nach kämpft sie für den Mittelstand, für Büezer, Bauern und Gewerbler, für all jene, die hart arbeiten. Doch wenn es um einen der mächtigsten Posten im Land geht, setzt sie diesmal stark auf Akademiker. Und auf eine Berufsgruppe ganz besonders: Juristen.
Fünf der acht Köpfe, welche die SVP-Kantonalsektionen für die Nachfolge von Guy Parmelin (66) gemeldet haben, verfügen über einen Abschluss in Rechtswissenschaften. Eine regelrechte Jus-Offensive! Das mag auch Zufall sein. Doch das Ganze birgt noch eine besondere Pointe: Die SVP könnte einem historischen Kapitel in der Landesregierung ein Ende setzen.
Gleich fünf Köpfe haben Jus studiert
Da ist der Walliser Nationalrat Michael Graber (45), der sogar einen Doktortitel in Rechtswissenschaften trägt. Sein Kantonskollege und Regierungsrat Franz Ruppen (55) war 20 Jahre lang selbständiger Anwalt und Notar. Der Solothurner Nationalrat Rémy Wyssmann (59) ist ebenfalls Rechtsanwalt und Notar, sein Spezialgebiet ist das Haftpflicht- und Versicherungsrecht. Wyssmanns Kanzlei verspricht: «Wir engagieren uns für Menschen in schwierigen Situationen.»
Auch der Aargauer Regierungsrat Jean-Pierre Gallati (60) hat das Anwaltspatent. Er führte vor seiner Wahl in die Kantonsregierung eine Anwaltskanzlei. Komplettiert wird das Juristen-Quintett durch die Genfer Nationalrätin Céline Amaudruz (47). Sie besitzt das Lizentiat in Rechtswissenschaften, arbeitete beruflich aber in der Vermögensverwaltung.
Und die übrigen drei? SVP-Fraktionschef Thomas Aeschi (47) studierte Wirtschaft an der Universität St. Gallen und absolvierte noch einen Master in Public Administration in Harvard. Seine Kantonalpartei hat ihn als Kandidaten gemeldet. Ob Aeschi tatsächlich antreten will, liess er bislang offen. Der Tessiner Ständerat Marco Chiesa (52) studierte Betriebswirtschaft an der Universität Freiburg und später Wirtschafts- und Gesundheitsmanagement an der Universität in Lugano.
Einen etwas anderen Weg schlug der Berner Regierungsrat Pierre Alain Schnegg (63) ein: Von Haus aus Kaufmann, bildete er sich zum Wirtschaftsinformatiker weiter, absolvierte einen MBA und machte als Unternehmer Karriere.
SVP-Bundesräte ohne Hochschulabschluss
Durchaus bemerkenswert ist das mit Blick auf die Wählerschaft. Zahlen zeigen, wie stark die SVP tatsächlich eine Partei der Berufsleute ist. Gerade bei Menschen ohne Hochschulabschluss ist sie besonders stark. Das zeigt die Wahlstudie Selects zu den eidgenössischen Wahlen 2023.
Bei Personen mit obligatorischer Schulbildung oder einem Abschluss auf Sekundarstufe II kam die SVP auf einen Wähleranteil von mehr als einem Drittel. Unter Personen mit Tertiärabschluss war es dagegen nur knapp ein Fünftel.
Immerhin: Die SVP hat eine gewisse Tradition von Bundesräten ohne Hochschulabschluss. Noch-Magistrat Guy Parmelin (66) ist gelernter Landwirt, alt Bundesrat Ueli Maurer (75) gelernter Kaufmann und diplomierter Buchhalter. Adolf Ogi (84) besuchte einst die Handelsschule. Sie alle schafften es ohne Hochschulstudium ins Bundesratszimmer. Anders der zweite amtierende SVP-Bundesrat Albert Rösti (59), der als studierter Agronom sogar einen Doktortitel trägt.
Historisches Juristen-Blackout in Bern
Hinzu kommt eine historische Besonderheit: Ausgerechnet die SVP könnte das Juristen-Blackout im Bundesrat beenden. Erstmals seit der Gründung des Bundesstaates 1848 sitzt niemand mehr mit juristischem Studienabschluss in der Landesregierung. Die letzte Juristin war Mitte-Bundesrätin Viola Amherd (64). Auf sie folgte mit Martin Pfister (63) ein Historiker.
Dabei prägten Juristen den Bundesrat während Generationen. Eine Blick-Auswertung zeigte 2025: Von 123 Bundesratsmitgliedern verfügten 72 über eine juristische Ausbildung – knapp 59 Prozent. Noch 2007 sassen fünf Juristen in der Landesregierung. Zeitweise bestand das Gremium sogar ausschliesslich aus Rechtsgelehrten.
Dass Juristen fehlen, ist nicht unumstritten. Bereits 2023 warnte der Berner Rechtsprofessor Peter V. Kunz (61) im «Tages-Anzeiger» vor einem Machtgewinn der juristisch geprägten Bundesverwaltung, wenn im Bundesrat entsprechender Sachverstand fehle.
Wird diese Lücke nun geschlossen? Angesichts des Kandidierendenfelds sind die Chancen intakt. Noch aber ist offen, wer es aufs offizielle Ticket schafft. Am 20. November entscheidet die Fraktion über ihren Vorschlag, am 9. Dezember ist Wahltag im Bundeshaus.