Darum gehts
- Europäische Verbraucherorganisationen starten am 21. Mai Kampagne gegen Betrugswerbung
- Nur 27 Prozent von 900 gemeldeten Anzeigen wurden zwischen Dezember und März gelöscht
- 2024 verursachten betrügerische Finanzwerbungen europaweit einen Schaden von 4,2 Mrd. Euro
Sie tauchen beim Scrollen im Internet oder auf den Social-Media-Kanälen immer wieder auf: Werbeanzeigen, die schnelles Geld im grossen Stil versprechen. Auch der Fédération romande des consommateurs (FRC) – einer Konsumentenschutzorganisation der Westschweiz – und 26 ihrer europäischen Partnerorganisationen fallen diese Anzeigen auf – für ihren Geschmack sind sie zu oft auf Tiktok, Facebook, Instagram und Google zu finden.
Am Donnerstag, den 21. Mai, starteten die Verbraucherschutzorganisationen unter der Leitung des europäischen Dachverbands BEUC (Europäischer Verbraucherverband) eine gemeinsame Kampagne mit dem Namen «Sponsored by Scammers» (auf Deutsch: «Von Betrügern gesponsert»). Ziel ist es, das Bewusstsein für betrügerische Finanzberatungswerbung zu schärfen, die in der Schweiz und im Ausland immer wieder Opfer fordert.
Im Rahmen einer Untersuchung zwischen Dezember 2025 und März 2026 haben die Organisationen fast 900 Werbeanzeigen identifiziert, die im Verdacht stehen, gegen EU-Recht zu verstossen. Alle wurden bei den jeweiligen Plattformen gemeldet. Das ernüchternde Ergebnis: Nur 27 Prozent dieser Anzeigen wurden tatsächlich gelöscht.
Sophie Michaud Gigon (51), Generalsekretärin der FRC und Grünen-Nationalrätin aus dem Kanton Waadt, gibt im Interview Auskunft zur Aktion und kritisiert den Umgang der Schweiz mit potenziell gefährlicher Online-Werbung.
Sophie Michaud Gigon, was ist das Ziel Ihrer gemeinsamen europäischen Aktion? Wollen Sie Tiktok, Google und Meta in die Knie zwingen?
Sophie Michaud Gigon: Das Ziel ist es, die Kräfte zu bündeln. Wir wollen erreichen, dass die Plattformen ihre Methoden auf dem europäischen Markt – zu dem auch die Schweiz gehört – ändern. Wir wollen die Behörden aufrütteln und etwas bewegen. Die Idee dahinter ist, das digitale Umfeld sicherer zu machen und die grossen Plattformen stärker in die Pflicht zu nehmen. In der Schweiz geschieht dies durch die Umsetzung der bestehenden Gesetze und durch zusätzliche Regulierung. Das Gesetz muss verschärft werden, und die Strafen müssen eine abschreckende Wirkung haben – wenn man bedenkt, mit welchen Akteuren wir es hier zu tun haben.
Was genau versteht man unter einer Finanzberatungswerbung, die gegen die geltenden Schweizer Regeln verstösst?
Aus unserer Sicht verstossen diese Anzeigen gegen das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG), weil sie unrichtige und irreführende Angaben über Dienstleistungen, Preise oder Verkaufsmethoden machen. Slogans wie «Brauchen Sie schnell Geld?» oder «Ohne Bonitätsprüfung» können als unlautere Praktiken eingestuft werden. Sie erwecken den Eindruck von schnellen Gewinnen, während sie gleichzeitig die Risiken minimieren. Auf Basis dieser bestehenden Rechtsgrundlage ist nun das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) gefordert, aktiv zu werden.
Was werfen Sie den Plattformen konkret vor?
Sie stellen sich gerne als reine Vermittler dar. Fakt ist aber: Sie wählen Inhalte aus, steuern die Sichtbarkeit von Werbung, verwalten ihre Algorithmen und sprechen die Nutzer damit ganz gezielt an. Sie verfügen über fortschrittliche technische Mittel, um all das zu tun – aber angeblich nicht über die Werkzeuge, um die Verbreitung dieser Betrügereien zu stoppen? Das ist blanker Hohn! In den sozialen Netzwerken sieht man ständig Accounts, die trotz mehrfacher Meldungen einfach wieder neu starten und nie gesperrt werden. Die Plattformen verdienen weiterhin an den Werbeeinnahmen dieser Inhalte. Sie greifen nicht ein, weil es Teil ihres Geschäftsmodells ist.
Wie hoch ist das Risiko für die Schweizer Bevölkerung durch diese Finanzberatungswerbung?
Das Risiko ist, dass Menschen Opfer dieser Betrugsmaschen werden. Sie verlieren viel Geld, stehen am Ende alleine da und haben praktisch keine Möglichkeit, rechtlich gegen die Verantwortlichen vorzugehen. Neben dem Identitätsdiebstahl von Prominenten versprechen manche Anzeigen einfache Kredite, schnelle Darlehen ohne Prüfung oder unrealistische Renditen, während Investitionen als absolut sicher dargestellt werden. Für Menschen, die ohnehin zur Verschuldung neigen, können die finanziellen Verluste katastrophal sein. Auf europäischer Ebene spricht man für das Jahr 2024 von einem Schaden von 4,2 Milliarden Euro für die Verbraucher. Das zerstört nachhaltig das Vertrauen in die Digital- und Finanzmärkte.
Wie sollten Meta, Tiktok und Google ihre Nutzer vor irreführender Werbung schützen?
Es gibt eine klare Sorgfaltspflicht. Dazu gehören das schnelle Löschen illegaler Inhalte und echte Transparenz darüber, wer die Werbetreibenden eigentlich sind. Diese Digitalplattformen stehen in der Verantwortung, die Ausspielung von Werbung so zu kontrollieren, dass ihre Nutzer geschützt werden. Bei wiederholten Verstössen braucht es abschreckende Sanktionen. Die digitale Welt darf kein Ort sein, an dem Konsumentenschutzregeln ausgehebelt werden. Sie ist kein rechtsfreier Raum.
Sie fordern eine neue Gesetzgebung in diesem Bereich.
Angesichts dieser missbräuchlichen Geschäftspraktiken greift das aktuelle Gesetz zu kurz, da es zu allgemein formuliert ist. Aber es hat zumindest den Vorteil, dass es überhaupt existiert. Was uns fehlt, ist ein Gesetz, das Werbung wirklich einschränkt, die Plattformen in die Pflicht nimmt und konsequente Massnahmen vorschreibt. Nach Jahren des Drucks und des Wartens hat der Bundesrat unter der Federführung des Departements für Umwelt, Verkehr und Energie (Uvek) endlich einen Gesetzesentwurf vorgelegt. Dieser befindet sich nun in der Vernehmlassung, ist in seiner jetzigen Form aber unzureichend.
Warum?
Der Entwurf konzentriert sich ausschliesslich auf Kommunikationsplattformen und klammert den Online-Handel völlig aus – diesen Bereich will der Bundesrat im Moment nicht gesetzlich regeln. Wir wollen hier nachbessern, indem wir Abänderungen und Ergänzungen einbringen, die sich insbesondere auf gezielte Werbung für Kinder beziehen. Unser langfristiges Ziel ist ein griffigeres und ambitionierteres Gesetz zur Regulierung von Kommunikationsplattformen, das einen deutlich besseren Schutz bietet, als es der Bundesrat aktuell vorschlägt.
Was werfen Sie dem Bundesrat insgesamt vor?
Mit dieser sehr minimalistischen Haltung stellt sich der Bundesrat indirekt auf die Seite der Plattformen und damit der betrügerischen Werbung. Im Parlament ist der Zusammenhalt in dieser Frage jedoch ziemlich gross, und zwar nicht nur im linken Lager – auch wenn es immer noch Stimmen gibt, die gegen jegliche Intervention sind. Wir arbeiten hierbei auch mit den Schweizer Dachverbänden des Handels wie Swiss Retail zusammen, die ein direktes Interesse an einer Lösung haben. Im Online-Handel profitieren ausländische Plattformen derzeit von einem unfairen Wettbewerb. Wenn Betrüger nicht bestraft werden und die Pflichten nicht für alle gleich sind, kann der Markt nicht funktionieren.
Könnte die Schweiz Ihrer Meinung nach von der EU-Gesetzgebung lernen, wie etwa dem Digital Services Act (DSA)?
Der DSA kann durchaus als Inspiration dienen. Aber selbst die EU hat gemerkt, dass manche betrügerischen Praktiken nur schwer zu bekämpfen sind. Daher ist ein kürzlich von mir angenommener Vorstoss sehr interessant: Er zielt darauf ab, E-Commerce-Plattformen dazu zu verpflichten, einen rechtlichen Bezugspunkt in der Schweiz zu haben. Für Behörden und Kunden wird es dadurch erheblich leichter, den Rechtsweg einzuschlagen und Änderungen einzufordern.