Darum gehts
- Schweizer Löhne stagnieren seit 2016, tiefere Einkommen sind um 0,5 % gefallen
- Frauen verdienen monatlich bis zu 2000 CHF weniger als Männer
- Dividendenausschüttungen der SPI-Unternehmen übersteigen 50 Milliarden CHF jährlich
Die Löhne kannten seit 1950 nur eine Richtung: nach oben. Wie der neue Verteilungsbericht des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds (SGB) zeigt, ist diese Regel nun gebrochen. 2025 nahmen die Reallöhne im Vergleich zum Lohnniveau vor fünf Jahren erstmals ab. «Das ist unfair. Denn die Firmen machten gute Geschäfte», kritisierte SGB-Chefökonom Daniel Lampart (57) am Dienstag vor den Medien.
Trotz Produktivitätsgewinnen sind die Löhne laut SGB zwischen 2016 und 2024 stagniert. Von den Produktivitätsgewinnen haben Arbeitgeber und Aktionäre profitiert: Das Monatseinkommen des obersten Prozents ist um 16,8 Prozent gestiegen. Dazu beigetragen hätten auch die gestiegenen Dividendenausschüttungen von jährlich mehr als 50 Milliarden Franken. Die untersten Löhne sind derweil real um 0,5 Prozent zurückgegangen.
Frauen sind die grössten Verliererinnen
Auf der Strecke bleiben vor allem die Frauen: Sie verdienen immer noch weniger als die Männer. Die Hälfte der Frauen verdient weniger als 5000 Franken pro Monat, während die Hälfte der Männer weniger als 7000 Franken verdient. Je höher die Einkommensklasse, desto grösser fällt der Lohnunterschied aus.
«Es gibt verschiedene Gründe für diese Lohndifferenz», sagt Lampart. Rund die Hälfte ist auf das Arbeitspensum zurückzuführen. «Frauen übernehmen im Durchschnitt nach wie vor mehr Care-Arbeit.» Ein weiteres Viertel erklärt sich dadurch, dass Frauen häufiger in schlechter bezahlten Berufen arbeiten und seltener Kaderfunktionen innehaben. Das letzte Viertel bleibt unerklärt. Ein Teil davon dürfte auf direkte Diskriminierung zurückzuführen sein.
Der SGB kritisiert die zunehmende Belastung des Mittelstands. Die Bundesverfassung schreibe eine Besteuerung nach wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit vor. «Aktuell gibt es aber verschiedene Entwicklungen, die dem entgegenwirken», so Lampart.
Laut den Berechnungen des SGB profitieren auf kantonaler Ebene vor allem Gutverdienende von Steuersenkungen. Für 2026 sind in acht Kantonen Senkungen der Einkommenssteuern geplant oder bereits beschlossen. Gleichzeitig müssen Haushalte mit tiefen und mittleren Einkommen trotz Prämienverbilligungen einen immer grösseren Teil ihres Lohns für Krankenkassenprämien aufwenden.
Arbeitgeberverband widerspricht
Ganz anderer Meinung ist der Schweizerische Arbeitgeberverband (SAV). Er veröffentlichte diese Woche einen Bericht, der zum Schluss kommt, dass die Schweizer Löhne gerechter seien, als oft behauptet werde.
SAV-Chefökonom Patrick Chuard-Keller sagt gegenüber Blick: «Es kommt immer darauf an, welchen Zeitraum man untersucht.» Die Jahre 2016 bis 2024 seien von zwei aussergewöhnlichen Krisen geprägt gewesen: der Corona-Pandemie und dem Ukrainekrieg, der über die stark gestiegenen Energiepreise die Inflation anheizte.
Deshalb müsse ein längerer Zeitraum betrachtet werden – etwa von 2008 bis 2024, wie das auch das Bundesamt für Statistik (BFS) mache –, damit trotz ausserordentlichen Krisenzeiten ein aussagekräftiges Bild resultiere. Über diese 16 Jahre seien die Unterschiede zwischen hohen und tiefen Einkommen weitgehend stabil geblieben. Die Löhne der zehn Prozent mit den tiefsten Einkommen seien am stärksten gestiegen – nämlich um 18 Prozent. Bei den am besten bezahlten Arbeitnehmenden erhöhte sich der Lohn um knapp 17 Prozent.
Aussergewöhnlich hohe Lohnquote
Chuard-Keller verweist darauf, dass die Lohnquote – also der Anteil der Löhne an der gesamten Wirtschaftsleistung – in der Schweiz im internationalen Vergleich aussergewöhnlich hoch ist. Zwischen 2010 und 2024 lag sie stets bei über 60 Prozent und damit über den Werten von etwa Deutschland, Frankreich und Grossbritannien.
Der SAV anerkennt, dass Frauen im Schnitt tiefere Löhne haben. Ein Grossteil der Lohndifferenz lasse sich durch die tieferen Arbeitspensen der Frauen erklären, so Chuard-Keller. Ein weiterer Teil durch die Berufswahl.
Damit sich die Lohndifferenz weiter verringere und um das inländische Arbeitskräftepotenzial noch besser auszuschöpfen, setze sich der SAV für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein. Dadurch könnten Frauen einfacher ihre Arbeitspensen erhöhen, was sich positiv auf ihre Löhne auswirken würde.
Dieser Artikel wurde am 8. Juli 2026 erneuert und mit der Position des SAV ergänzt.