Darum gehts
- Bei Amaudruz wird über Kinder und Bundesratsamt diskutiert.
- In den Kantonsregierungen übernahmen oft Partner oder Ehemann die Betreuung.
- Kritik: Bei Müttern gibt es Aufschrei, Väter werden kaum gefragt.
Eine Bundesrätin mit kleinen Kindern – muss das 2026 noch Thema sein? Und doch diskutiert Bundesbern hinter vorgehaltener Hand darüber, dass dies mit SVP-Nationalrätin Céline Amaudruz (47, GE) erstmals der Fall sein könnte.
Amaudruz wäre keineswegs die erste Politikerin, bei der dieser Umstand bei Parlamentariern und den Medien noch vor einer definitiven Bundesratskandidatur infrage gestellt wird. Etwas, das bei den Männern zumeist nicht passiert. Gleichzeitig fällt auf: In den kantonalen Regierungen sind frisch gebackene Mütter dagegen gar nicht so selten. Was läuft dort anders?
Der Ehemann übernimmt
Eine, die beide Ebenen erlebt hat, ist Elisabeth Baume-Schneider (62). Die SP-Innenministerin war von 2003 bis 2025 in der jurassischen Regierung. Ihr jüngster Sohn war bei ihrem Amtsantritt gerade einmal drei Jahre alt.
Die Lösung? Während sie ihr politisches Amt antrat, reduzierte ihr Ehemann Pierre-André Baume (61) sein Pensum und übernahm einen grossen Teil von Haushalt und Kinderbetreuung. Ein damals ungewöhnlicher Schritt. «Zu dieser Zeit war ich fast immer der einzige Vater unter all den Müttern», erinnerte sich Baume sich dieses Jahr in der «Schweizer Illustrierten».
Mit ihrem Lebensmodell blieb Baume-Schneider im linken Lager keineswegs alleine: 2005 wurde etwa Parteikollegin Eva Herzog (64) in Basel-Stadt trotz junger Kinder Regierungsrätin. Und als die Zuger Grünen-Regierungsrätin Manuela Weichelt (59) 2006 gewählt wurde, war Tochter Rezia Andrina gerade einmal dreijährig. Zwei Jahre später – mitten in ihrer Amtszeit – wurde Manuela Weichelt zum zweiten Mal Mutter.
Beim Bundesrat wird die Frage plötzlich laut
Dennoch arbeitete Weichelt weiterhin 100 Prozent und nahm ihr Baby gar an Sitzungen mit, wie die SRF-Sendung «Schweiz aktuell» damals anerkennend berichtete. Wie bei Baume-Schneider übernahm zu Hause ihr Ehemann. Genauso war es auch als SP-Frau Laura Bucher (42) 2020 in die St. Galler Regierung gewählt wurde.
2022 standen Baume-Schneider und Herzog zusammen auf dem Ticket für die Nachfolge von Bundesrätin Simonetta Sommaruga (66). Zuvor gehörte mit der Berner Regierungsrätin Evi Allemann (48) auch eine weitere SP-Frau mit jungen Kindern zu den Anwärterinnen. Wie aktuell bei Amaudruz kam sofort die Frage auf: Kann sie das?
Nicht nur Kritik von Links
Die Frage nach der Vereinbarkeit sei «sexistisch», sagte die Waadtländer SP-Staatsrätin Nuria Gorrite (56) damals gegenüber dem «Tages-Anzeiger». Denn: Während Mütter in der Politik immer wieder darauf angesprochen würden, bliebe der Aufschrei bei Vätern aus. Auch Männer – etwa der Basler Bildungsdirektor Conradin Cramer (47) – kriegten in der Vergangenheit während ihres Amtes Nachwuchs.
Die Kritik kommt keineswegs nur von Links: Die Aargauer SVP-Regierungsrätin Martina Bircher (42) störe die Diskussion «massiv», wie sie gegenüber Blick kundtut. Im Juni teilte Bircher mit, dass sie im Dezember ihr zweites Kind erwarte. Kurze Zeit später – nämlich im Januar – soll auch die frisch wiedergewählte Zuger Mitte-Regierungsrätin Laura Dittli (35) zum ersten Mal Mutter werden. Sowohl Bircher als auch Dittli gehen in den Mutterschaftsurlaub. Ihre Aufgaben übernehmen in dieser Zeit Regierungskollegen. «Ich werde immer darauf angesprochen: Wie machst du das mit dem Kind? Und jetzt bekommst du noch ein zweites», sagt Bircher.
Ein Bundesrat in Babypause? Undenkbar
Festgefahrene Geschlechterrollen scheinen jedoch nur ein Teil der Wahrheit. Bei Bircher vermeldeten die Aargauer Medien, dass es sich bei ihrer Babypause um eine Premiere handelt. Das wäre sie auch in Bundesbern. Eine Bundesrätin oder gar ein Bundesrat, der drei Monate fehlt? Ein Bundesrat im Vaterschaftsurlaub? Beides heute noch fast undenkbar. Das Amt im Dienste der gesamten Eidgenossenschaft besteht im Vergleich zur Kantonsregierung aus einigen Dossiers mehr – und erfordert grundsätzlich eine stärkere Präsenz.
Nichtsdestotrotz zeigen die zahlreichen Beispiele aus den Kantonen, dass Regieren und Kleinkinder heute kein Widerspruch mehr sein muss. Doch egal ob Mann oder Frau: Opfer müssten in jedem Fall erbracht werden, warnte auch SP-Regierungsrätin Laura Bucher vor der Wahl der Sommaruga-Nachfolge im «Tages-Anzeiger». Zu sagen, dass es eine reine Frage der Organisation sei, das Amt und die Familie unter einen Hut zu bringen, sei «vermessen und auch einfach nicht ehrlich».