Aus dem Leben von Céline Amaudruz (47) gibt es vieles zu berichten. Über Geld etwa: Sie entstammt einer reichen Familie, ihr Vater war ein bekannter Genfer Anwalt. Über ihre Rolle in der Finanzwelt – sie war für die Privatbank Reyl tätig, die mit der Finanzmarktaufsicht im Clinch lag. Die Genfer SVP-Nationalrätin fällt in Bern immer wieder als Finma-Schreck und UBS-Versteherin auf.
Auch über ihre enge Freundschaft mit Bundespräsident Guy Parmelin (66, SVP) liesse sich so manches sagen. Parmelin gilt als Amaudruz’ väterlicher Freund und Mentor. Sie organisierte 2015 Parmelins Wahlkampf, die beiden tauschen sich fast täglich aus. Als Amaudruz 2016 – heute spricht Amaudruz vom grössten Fehler ihres Lebens – mit 2 Promille Alkohol im Blut am Steuer erwischt wurde, rief sie Parmelin an. Er empfahl ihr, mit der Polizei zu kooperieren.
Nach wie vor reissen SVP-Kollegen Witze über sie: Amaudruz wie «a trop bu», «zu viel getrunken». Guy Parmelin aber schätzt den Austausch mit seiner Parteikollegin. Beim letzten Bundesratsreisli brachte er seine Gspänli zu einer Westschweizer Mühle, wo Amaudruz Verwaltungsratspräsidentin ist (Salär: 152’000 Franken). Mit ein Grund dafür, dass sie sich engagiert für die Subventionierung von Hülsenfrüchten einsetzt.
Ein Satz, der viel über die Schweiz sagt
Parmelin, der sich die Krawatten von seiner Gattin kaufen lässt, gibt sich in der Frage seiner Nachfolge erstaunlich modern: Er befürwortet einen Generationenwechsel – und eine Frau als Bundesrätin. Doch wer sich in Bern umhört, hört immer wieder diesen einen Satz: «Amaudruz hat zwei kleine Töchter.» Und den Hinweis: Die eine sei erst ein Jahr alt, die andere drei.
Das sagt viel aus über die Schweiz.
Die Schweiz ist nicht Pakistan, wo Premierministerin Benazir Bhutto 1990 während ihrer Amtszeit ein Kind zur Welt brachte. Die Schweiz ist nicht Frankreich, wo Justizministerin Rachida Dati 2009 nur fünf Tage nach der Entbindung per Kaiserschnitt wieder im Ministerium erschien. Die Kulturwissenschaftlerin Barbara Vinken (66) sagte später: «Ich fand Rachida Datis Auftritt umwerfend, wie sie mit High Heels und in Dior daherkam. Es ist bewundernswert, dass sich Mutterschaft, Karriere, Macht und Eleganz nicht ausschliessen.» Als Einschränkung fügte die prominente Kritikerin des «Mutter-Mythos» noch hinzu: «Vielleicht als Vertreterin der Republik ein bisschen früh, immerhin ist für den Mutterschutz lange und hart gekämpft worden.»
Die Schweiz ist auch nicht Neuseeland, dessen einstige Premierministerin Jacinda Ardern (46) ihr Neugeborenes mit zur Uno-Generalversammlung nahm. Nicht Finnland, wo Sanna Marin (40) das Land als junge Mutter in die Nato führte. Und nicht Italien, wo Giorgia Meloni (49) ihre Tochter zum G7-Gipfel nach Evian (F) mitbringt.
Bei Bersets Amtsantritt war seine Tochter vier
Immerhin gab es in der Schweizer Geschichte männliche Bundesräte mit kleinen Kindern – zuletzt Alain Berset (54). Dessen jüngste Tochter Apolline war vier Jahre alt, als er Bundesrat wurde. Auch Mütter als Bundesrätinnen gab und gibt es: Elisabeth Kopp (1936–2023), Micheline Calmy-Rey (81), Eveline Widmer-Schlumpf (70) und die amtierende Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider (62). Deren Kinder waren jedoch bereits erwachsen, als ihre Mütter in die Landesregierung eintraten.
Bundesrätin und junge Mama – geht das? Die Frage wirkt aus der Zeit gefallen. Doch in Bern wird sie nach wie vor eifrig diskutiert.
«Natürlich geht das. Männer können auch Kinder haben und Bundesrat sein», sagt die kinderlos gebliebene alt Bundesrätin Ruth Dreifuss (86) im Gespräch mit Blick. Es ist der einzige Satz, den sie zu diesem Thema sagen möchte. Alt Bundesrätin Micheline Calmy-Rey (81) findet schon die Frage «skandalös». Das Bundesratsamt sei mit Familie vereinbar, überhaupt müsse die Schweiz viel aufholen – von bezahlbarer Ganztagsbetreuung über bezahlte Elternzeit bis zu flexiblen Arbeitsmodellen. «Kinder haben zwei Elternteile. Vater und Mutter. Oder zwei Väter, zwei Mütter. Es gibt immer jemanden, der aufpassen kann», sagt sie. Auch wenn eine Bundesrätin kurzfristig ins Ausland müsse, gebe es zig Möglichkeiten, sich zu organisieren, so Calmy-Rey weiter.
«Frauen müssen sich immer rechtfertigen»
Martina Bircher (42) ist SVP-Regierungsrätin im Kanton Aargau und Mutter eines achtjährigen Sohnes, im Dezember kommt ihr zweites Kind zur Welt. SonntagsBlick erreicht sie in den Türkei-Ferien. «Mich stört diese Diskussion massiv. Ich werde immer darauf angesprochen: Wie machst du das mit dem Kind? Und jetzt bekommst du noch ein zweites.» Männern würden solche Fragen nicht gestellt – und falls doch, mache man ihnen Komplimente, wenn sie sich einmal Zeit für die Familie nehmen.
«Frauen müssen sich immer rechtfertigen, oder ihnen wird ein schlechtes Gewissen gemacht.» Weshalb die SVP-Politikerin warnt: «Wir dürfen uns als Land nicht über sinkende Geburtenraten wundern, wenn wir genau dieses Bild pflegen. Eine Frau soll sich nicht zwischen Kind und Karriere entscheiden müssen.» Sie betont: «Mein Sohn weiss, ich bin immer für ihn da, wenn es brennt. Und der Elternabend ist wichtiger als eine Sitzung.»
Was aber meint Céline Amaudruz selbst? Sie denke «ernsthaft» darüber nach, als Bundesrätin zu kandidieren. «Die Erfahrung als Mutter bereichert eine Person – insbesondere die Fähigkeit zuzuhören, die Organisationsfähigkeit und das Verantwortungsbewusstsein. Ich wünsche mir, dass diese Erfahrung in unserer Gesellschaft mehr Anerkennung findet.» Sie sei gut organisiert und in der Lage, unterschiedlichen Verpflichtungen nachzukommen.
Ob sie eine Nanny beschäftigt und wie hoch das Arbeitspensum ihres zwölf Jahre jüngeren Ehemanns ist – der Genfer SVP-Grossrat Michael Andersen (35) arbeitet für die Beratungsfirma Deloitte –, will Amaudruz aber nicht verraten. «Das betrifft unsere Privatsphäre.»