Darum gehts
- Seit 15 Jahren kämpft Mitte-Nationalrat Christian Lohr für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen
- Der 64-Jährige wurde ohne Arme geboren und meistert seinen Alltag mit viel Selbstständigkeit und Humor
- Trotz vieler Fortschritte sieht Lohr bei der Inklusion weiterhin grossen Handlungsbedarf und will politisch aktiv bleiben
Christian Lohr (64) sitzt am Beckenrand und streckt sein längeres Bein ins Wasser des Hallenbads. «Schön warm», sagt er, verlagert sein Gewicht nach vorne, zieht das andere Bein nach und gleitet langsam die Treppe runter, bevor er sich auf den Rücken dreht. «Schwimmen bedeutet mir alles, im Wasser fühle ich mich frei», sagt der Mitte-Politiker. Mit kräftigen Beinschlägen kommt er Meter um Meter voran.
Fürs Schwimmen braucht Lohr keine Hilfe – fürs Hochheben auf den Rollstuhl und Umziehen schon. Diese Aufgabe übernimmt sein Neffe und «Badipartner» Andy Lohr (37). «Was mir an Christian imponiert: Er akzeptiert extrem gut, was er nicht ändern kann – und fokussiert sich darauf, was er kann. Diese Einstellung würde uns allen guttun.»
«Keine Symbolpolitik»
Als der Thurgau Lohr im Herbst 2011 in den Nationalrat wählte, stand Andy seinem Onkel schon als Assistent im Bundeshaus zur Seite. Dabei erlebte er noch mit, wie dieser für seine Voten verkabelt werden musste. Zehn Jahre dauerte es, bis Lohr, der mit dem rechten Fuss den Abstimmungsknopf drückt, dank einer eingebauten Rampe selbst ans Rednerpult fahren konnte.
Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Blick+ Nutzer haben exklusiv Zugriff im Rahmen ihres Abonnements. Weitere spannende Artikel findest du auf www.schweizer-illustrierte.ch.
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Dass er sich in einem Interview gar für die Kosten dieser Anpassung rechtfertigen musste, erscheint heute paradox. «Ich erlebe leider immer noch, dass Politiker das Thema Behinderung auf Kosten und Nummern reduzieren», sagt der Nationalrat.
2023 präsidierte Lohr die erste Behindertensession im Bundeshaus. Diese Woche fand die zweite Ausgabe mit 44 Personen im Nationalratssaal statt. Dies entspricht 22 Prozent der Parlamentssitze und damit dem Anteil von Menschen mit Behinderungen in der Schweiz. «Uns geht es nicht um Symbolpolitik. 2023 forderten wir das aktive Stimm- und Wahlrecht für Menschen mit einer kognitiven oder psychischen Beeinträchtigung. Kantone wie Zug, Genf oder Appenzell Innerrhoden haben das inzwischen eingeführt.»
Lohr sitzt in der einflussreichen Gesundheitskommission, wo er sich für eine bessere Koordination der Spitäler und gegen die explodierenden Krankenkassenprämien einsetzt. Gerade ist er von einer Reise mit der Interparlamentarischen Union nach Tansania zurückgekehrt.
In seiner 3,5-Zimmer-Wohnung in Kreuzlingen, in der er viele Reisesouvenirs aufbewahrt, zeigt er seinem Neffen auf dem Laptop Videoaufnahmen aus Afrika. «Schau mal, die Kinder haben mir vorgesungen. Als ich mich auf meine Füsse stellte und die Hüften schwang, sind sie ausgeflippt!» – «Du warst schon immer für alles zu haben», sagt sein Neffe. Etwa für wilde Bahnen im Disney World. «Dank dir mussten wir nie anstehen, das war cool», sagt Andy Lohr zwinkernd.
Assistentin kocht und kauft ein
Lohr kam als eines der schwersten Contergan-Opfer der Schweiz ohne Arme und mit missgebildeten Beinen zur Welt. Seine Mutter bekam die Tabletten mit dem Wirkstoff Thalidomid vom Arzt im ersten Schwangerschaftsdrittel gegen Keuchhusten verschrieben. Sie schluckte nur zwei der elf Dragees. Wenige Monate nach Lohrs Geburt wurde das Medikament vom Markt genommen. Die Dose mit den restlichen Tabletten hebt Lohr zu Hause im Schrank auf, «als Erinnerung».
Am meisten schmerzen ihn Sprüche wie: «Ich könnte nicht so leben.» Dann haue er auch mal mit dem Fuss auf den Tisch. «Das Leben ist doch kein Wunschkonzert! Ich habe mir das ja nicht ausgesucht. Aber ich sehe es heute als Privileg.»
Während ihm seine persönliche Assistentin Inga Gantenbein (34) ein Glas Wasser aus der Küche holt, macht sich Lohr einen Kaffee, die Maschine steht am Boden. «Ich habe von Christian nie einen negativen Gedanken gehört», sagt die Fachfrau Betreuung, die in einem 50-Prozent-Pensum für Lohr einkauft, kocht und ihn anzieht. Eine IV-Rente bezieht er nicht, «weil ich mein Leben selber bestreiten kann».
Er habe nie eine Sonderbehandlung gehabt. «Und das war gut so», sagt Lohr, während er die Kaffeetasse elegant mit den Zehen zum Mund führt. Seine Eltern hätten ihn gefördert, aber auch gefordert. Sie sagten: «Wenn du im Leben eine Chance willst, musst du sie auch packen.»
16-Stunden-Tage im Sitzen
Seine Assistentin stellt Lohr die Spezialschuhe hin, in denen er selbstständig vom ersten Stock die Treppe runterhumpeln kann, mit dem Rücken an die Wand gelehnt. «Es ist wichtig, dass ich mich bewege», sagt Lohr, der dank Schwimmen und regelmässiger Physiotherapie «15- oder auch mal 16-Stunden-Tage im Sitzen schafft».
Mit dem Elektrorollstuhl fährt er an seinem Primarschulhaus vorbei Richtung Bodensee. Lohr hat nie eine Sonderschule besucht. «Beim Tschutten war ich einfach der Schiedsrichter», sagt er mit Blick auf das Fussballtor auf dem Pausenplatz.
Als er nach dem Wirtschaftsstudium beim «Tagblatt» als Journalist arbeitete, erwähnte er seine Behinderung im Vorfeld nie. «Sie macht mich nicht aus.» Und doch habe sie ihm Vorteile verschafft. «Die Menschen öffneten sich mir gegenüber schnell. Und waren manchmal überrascht, dass ich auch ein harter Hund sein kann», erzählt er schmunzelnd, während er über die Strasse rollt.
Kürzlich wurde bekannt, dass immer noch ein Drittel der Bahnhöfe in der Schweiz nicht barrierefrei sind, bei den Bushaltestellen sogar die Hälfte. «100 Prozent sind baulich nicht realistisch», sagt der Mitte-Politiker pragmatisch. Dafür fordert er den Bundesrat auf, sich endlich zu einer inklusiven Schweiz zu bekennen.
Auf die Frage, ob nicht Taten besser wären, schüttelt er energisch den Kopf: «Beides ist wichtig. Worte können genauso viel Kraft haben.» Im Gegensatz zu Lohrs Anfängen in Bern politisieren heute mit Mitte-Kollege Philipp Kutter und SP-Nationalrat Islam Alijaj drei Politiker mit Behinderung im Parlament. Letzterer lancierte 2021 die Inklusionsinitiative, über deren Gegenvorschlag der Ständerat bald diskutieren wird.
«Natürlich hilft mehr Sichtbarkeit unseren Anliegen», sagt Lohr. Das heisse aber noch lange nicht, dass sie immer einer Meinung seien. Manchmal sei die Erwartungshaltung der Betroffenen auch zu gross. «Inklusion ist kein einseitiger Prozess.»
Am Ufer des Bodensees tankt Seebueb Lohr Kraft für weitere Jahre in der nationalen Politik. «Ich will noch mehr zurückgeben an die Gesellschaft.» Auch in der Familie will sich der Single noch mehr einbringen. Neffe Andy wird zum ersten Mal Vater. «Dann gehen wir vielleicht bald zu dritt schwimmen!»