Brisante E-Mails
Steckt ein AfD-Werber hinter SVP-Wahlkämpfen?

Die SVP betont stets, keine Kontakte zu ausländischen Parteien zu pflegen. Nun wirft ein bislang unbekanntes E-Mail an Alice Weidel die Frage auf, ob ein ehemaliger AfD-Werber auch für die SVP Wahlkampagnen gestaltete.
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Die AfD reitet in Deutschland auf einer Erfolgswelle. Anfang September gewann sie die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt haushoch.
Foto: Getty Images
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Lukas Lippert, Robin Bäni und Marko Buric

Das E-Mail erreichte Alice Weidel (47) an einem Samstagmorgen im Januar 2018. Sie war damals Co-Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion mit Alexander Gauland (85), der in Kopie gesetzt war.

Der Absender: Thor Kunkel (63), eine schillernde Figur mit Wohnsitz auf der Riederalp im Kanton Wallis. Der gebürtige Frankfurter ist in der Öffentlichkeit kaum bekannt, obwohl er 2017 bei der Bundestagswahl Kreativchef des AfD-Kampagnenteams war und auch bei der Europawahl 2019 mitwirkte.

«Bikini statt Burka»

Kunkel entwarf für die Rechtsaussen-Partei neben dem Slogan «Trau dich, Deutschland!» auch die selbst innerhalb der AfD umstrittene Kampagne «Bikini statt Burka». Kunkel galt früher auch als vielversprechender Schriftsteller, bis er mit einem Sex-Roman über dekadente SS-Männer ein Tabu zu viel brach.

Nun zeigen Recherchen von SonntagsBlick: Kunkel soll an mehreren SVP-Wahlkampagnen beteiligt gewesen sein. Zumindest schrieb er an besagtem Samstagmorgen im E-Mail an Alice Weidel: «Ich werde übrigens die drei anstehenden Kantonal-Wahlkämpfe für die SVP hier in der Schweiz leiten.» Und: «Am 15. Feb. gehts in Zürich los!»

Eine gewaltige Attacke

Das E-Mail stammt aus den sogenannten AfD-Files, rund 300 Gigabyte gestohlene Daten mit über 400’000 E-Mails, die Hacker diese Woche ins Netz stellten. Die AfD bestätigte die Attacke auf ihre digitale Infrastruktur, äusserte sich jedoch nicht zur Authentizität der veröffentlichten Unterlagen. SonntagsBlick liegt der Datensatz vor. Viel deutet darauf hin, dass die E-Mails echt sind. Zahlreiche Mails besitzen digitale Signaturen, die zurückverfolgbar sind. Absolute Sicherheit gibt es aber nicht.

Kunkels Aussage, sollte sie denn stimmen, ist brisant: Die SVP bestritt Kontakte zu ausländischen Parteien stets. Einräumen musste sie bislang lediglich, dass die für SVP-Kampagnen gerne eingesetzte Goal AG unter Alexander Segert (63) auch schon für die AfD tätig war. Das E-Mail legt nun nahe, dass Segert, der auch die SVP Andelfingen präsidiert, umgekehrt AfD-Werber für SVP-Kampagnen in die Schweiz geholt hat.

Zumindest behauptete Kunkel dies in seinem E-Mail an Alice Weidel wörtlich. Welche drei Wahlkämpfe Kunkel meinte, liess er allerdings offen. Auf Anfragen von SonntagsBlick reagierte er nicht.

Ein Eklat

Kunkel brüstete sich in einem späteren Mail mit einem weiteren Einsatz in einem Schweizer Abstimmungskampf. Am 30. August 2018 schrieb er Weidel, er habe mit dem US-Strategen Vincent Harris zusammengearbeitet und «im Auftrag von Goal» die Onlinekampagnen zum Schweizer Geldspielgesetz gemacht, «mit guten Ergebnissen». Diese Aussage ist aus mehreren Gründen bemerkenswert.

Hinter dem Ja zum Geldspielgesetz stand 2018 ein breites, parteiübergreifendes Komitee aus Vertreterinnen und Vertretern von SVP, FDP, CVP, BDP und SP. Als bekannt wurde, dass Segerts Goal AG dessen Kampagne führte, kam es zum Eklat. Weite Teile der politischen Mitte und der Linken hielten Segert für untragbar – wegen seiner polarisierenden SVP-Plakate wie dem «Schwarzen-Schaf-Sujet» oder seiner verdeckten Wahlkampfhilfe für die AfD.

Die Stimme der Angst

Segert selbst sagte einst über seine Arbeit: «Ich gebe der Angst eine Stimme.» Die Kampagne des Ja-Lagers trug denn auch seine typische Handschrift. Aufgrund des Geldspielgesetzes fliessen jedes Jahr Millionen Franken an gemeinnützige Organisationen. Die Plakate damals warnten bei einem Nein vor Einbussen: «Spielplatz verlottert wegen Geldmangel», «Weniger Sportlager» oder «Konzert abgesagt».

Weil Segert die Kampagne leitete, verliess die BDP das Ja-Komitee aus Protest, auch innerhalb der SP gab es heftige Diskussionen, was beinahe zu einem Bruch der Allianz führte. Hätten die Parteien gewusst, dass Segert mit Kunkel und Harris sogar AfD-Werber ins Boot der Ja-Kampagne holte, wäre der Aufruhr wohl noch grösser gewesen.

Trump als Kunde

Harris war von Kunkel zuvor auch für den AfD-Wahlkampf bei der Bundestagswahl 2017 engagiert worden. Die US-Agentur sollte die Kampagne weiter verschärfen, vor allem auf Social Media. «Sie sprechen kein Deutsch, bekommen Vorschläge von einem fünfköpfigen Social-Media-Team der Partei, die sie zuspitzen, bevor wieder übersetzt wird», berichteten die Tamedia-Zeitungen.

Harris selbst rühmt sich zudem damit, Kampagnen mehrerer konservativer amerikanischer Präsidentschaftskandidaten – darunter auch jene Donald Trumps – und Israels Premier Benjamin Netanyahu digital betreut zu haben.

Weidel und die SVP

Die AfD-Files zeigen, wie eng die rechten Kampagnenstrategen international vernetzt sind. Und sie legen nahe, dass Alice Weidel, die Co-Chefin der AfD, schon früh die Nähe zur SVP gesucht hat.

Im Juli 2015 schrieb Weidel dem AfD-Bundesvorstand, sie wolle «zum Thema Positionierung der AfD ein Strategietreffen mit der SVP Schweiz anregen». Als keine Antwort kam, hakte sie nach: Sie wolle «gerne diesen Punkt» in der nächsten Sitzung des Bundesvorstands einbringen. Was dann geschah, ist offen. Weitere Hinweise dazu fehlen im AfD-Leck.

Auch ein anderes E-Mail lässt aufhorchen. Im Mai 2017 sagte Weidel in einem damals noch unveröffentlichten Interview, sie wolle «die AfD zu einer deutschen SVP machen». Bei der Autorisierung des Interviews riet ihr der damalige AfD-Pressesprecher allerdings, den Satz zu streichen: Man solle die AfD nicht zu etwas «machen wollen». Zudem könne sich die SVP gegen den Vergleich wehren.

Ein verschwiegenes Leben

Weidels Nähe zur Schweiz hat auch private Gründe: Mit ihrer Lebenspartnerin und den beiden Kindern wohnt sie hier, einst in Biel BE, heute in Einsiedeln SZ. Weidel selbst gibt Überlingen (D) am Bodensee als Hauptwohnsitz an.

Ihr Leben hierzulande versucht sie aber möglichst unter dem Radar zu halten, wie ein weiteres E-Mail aus dem Leck zeigt. Am 19. September 2017 bat Weidel einen gewissen André, sich um ihr Wikipedia-Profil zu kümmern: «Bitte hilf mir. Auf Wiki sind Steuern in CH, E-Mail und Putzfrau Fakt! :(» André antwortete: «Ich kümmer mich.»

Das war kurz nach Weidels Wahl zur AfD-Spitzenkandidatin 2017, als die Öffentlichkeit über ihren tatsächlichen Lebensmittelpunkt debattierte. Weidel erklärte, ihr Lebensmittelpunkt liege in Deutschland. Darauf dürfte sich auch ihr Wunsch beziehen, dass sie ihren Wikipedia-Eintrag offenbar entfernt haben wollte.

Kunkel, Weidel, die AfD-Pressestelle und Segert reagierten nicht auf Anfragen von SonntagsBlick. Die SVP Schweiz schreibt auf Fragen zu Kunkel und seinem Wahlkampf-Engagement für die SVP nur: «Dieser Herr ist uns nicht bekannt.»

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