Trotz tiefer Steuern und idyllischer Natur
Der Kanton Zug schrumpft – auch der reiche Mittelstand wandert ab

Zug verliert Schweizer Einwohner: Im ersten Halbjahr schrumpfte die Bevölkerung, besonders Rentner ziehen überdurchschnittlich oft weg. Für ältere Mittelständler geht die Rechnung nicht mehr auf, sagen Experten. Der Kanton hält dagegen.
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Im Kanton Zug zogen in den letzten Jahren deutlich mehr Schweizer weg als zu.
Foto: Sven Thomann

Darum gehts

  • Im ersten Halbjahr schrumpfte Zugs Bevölkerung, weil mehr Schweizer wegen hoher Mieten wegzogen
  • Topverdiener aus Fintech, Krypto und Banken treiben Mieten nach oben
  • Der Kanton plant höhere Bauten mit 40 Prozent günstigen Wohnungen, die Umsetzung dauert Jahre
martin schmidt
Martin SchmidtRedaktor Wirtschaft

Zug ist ein kleines Paradies: Der Kanton bietet eine malerische Landschaft mit mehreren Seen, sehr tiefe Steuern und Krankenkassenprämien, viel Sicherheit und attraktive Arbeitsplätze. Doch es gibt tiefe Risse im Idyll. Im ersten Halbjahr ist die Bevölkerungszahl im Kanton geschrumpft. Der Grund: Schweizerinnen und Schweizer flüchten aus dem Paradies, weil ihnen Zug schlicht zu teuer wird.

In keinem anderen Kanton ist die Wohnungsnot grösser, was voll auf die Mieten durchschlägt. «In den letzten Jahren sieht man, dass vermehrt ältere Leute aus Zug wegziehen», sagt Hendrik Budliger (51) des Forschungs- und Beratungsbüros Demografik. Sein Verdacht: «Bei der Pension sinkt das Einkommen deutlich. Rentner profitieren also weniger stark von den tiefen Steuern und zahlen weiterhin sehr hohe Mieten. Die Rechnung geht dann für viele nicht mehr auf.»

Das kann Haushalte bis weit in die obere Mittelschicht treffen. Für reiche Rentner hingegen ist die Rechnung eine andere: Gerade nach einem Pensionskassenbezug profitieren sie weiterhin von der tiefen Vermögenssteuer.

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Schweizer werden aus Zug verdrängt

Auffällig ist Zug vor allem mit Blick auf Schweizer Rentner, die im Pensionsalter generell eher selten den Wohnkanton wechseln. «In Zug sind es überproportional viele», so Budliger. Doch es sind nicht nur die Rentnerinnen und Rentner, die der finanzielle Druck aus dem Steuerparadies vertreibt. In den letzten 15 Jahren war das Binnenwanderungssaldo des Kantons bei Schweizern nur drei Mal positiv. Sprich: Praktisch jedes Jahr übertrifft die Zahl der Schweizer Wegzüger in andere Kantone jene der Zuzüger.

Ein Blick auf die Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigt: Bei den über 65-jährigen Schweizern sind in Zug in den letzten drei Jahren im Schnitt 107 Personen mehr ab- als zugewandert. In den zwölf Jahren davor waren es durchschnittlich 37 pro Jahr.

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Wohnkosten sind die grösste Sorge

Die starke Zuger Wirtschaft lockt viele zahlungskräftige Zuzüger an, die für Mittelständler eine fast unüberwindbare Konkurrenz auf dem Wohnungsmarkt sind. Mit Vontobel gab im August eine Zürcher Bank bekannt, den neuen Hauptsitz mit 1500 Angestellten in Baar ZG aufzubauen. In der Stadt Zug liegt das durchschnittliche steuerbare Einkommen bei 207’000 Franken. Die vielen Topverdiener können die hohen Mieten problemlos bezahlen.

Das treibt die Angebotsmieten seit Jahren steil nach oben. Denn: «Das Angebot an Mietwohnungen kann schlicht nicht mit der Nachfrage mithalten», sagt Immobilienexperte Donato Scognamiglio (56). Eine inserierte Wohnung kostet heute im Schnitt fast 50 Prozent mehr als vor zehn Jahren, zeigt eine Auswertung der Immobilienberatungsfirma Iazi. In der Stadt Zug liegt die Angebotsmiete für eine 2,5-Zimmer-Wohnung im Schnitt bei 2600 Franken und für eine 4,5-Zimmer-Wohnung bei knapp 4000 Franken. Die Preise sind ohne Nebenkosten.

Kein Wunder, sind die hohen Wohnkosten laut Umfragen die grösste Sorge der Zuger Bevölkerung. Die Menschen haben Angst, verdrängt zu werden. Bei Leerkündigungen müssen regelmässig auch über 80-Jährige in einen anderen Kanton umziehen, die sonst eigentlich kaum den Wohnkanton wechseln. Scognamiglio ergänzt: «Im bürgerlichen Zug war die Opposition gegen diese Entwicklung lange klein. Doch jetzt sehen die Leute zunehmend auch die Schattenseiten und werden kritischer.» Die meisten Menschen im Kanton sind Mieter.

Kanton hält dagegen

Die Zuger Bevölkerung schrumpfte im ersten Halbjahr nicht zum ersten Mal. Langfristig aber wächst der Kanton Zug dank der Zuwanderung von Topverdienern. Dieses Wachstum fokussiert sich vor allem auf die zweite Jahreshälfte. Auf den Herbst hin werden jeweils neue Wohnüberbauungen fertig, und frisch zugewanderte Expats treten ihre neue Arbeitsstelle an. Weil sich ein Teil von ihnen später einbürgern lässt, wächst unter dem Strich auch die Schweizer Bevölkerung in Zug. Die Geburten allein können die vielen Schweizer Wegzüge nicht kompensieren.

Beim Kanton will man von einer Verdrängung von älteren Mittelständlern nichts wissen. «Die These, dass die Menschen im Alter 65 plus den Kanton massgeblich aufgrund der hohen Mieten und der Tatsache, dass die tiefen Steuern nicht mehr ausschlaggebend sind, verlassen, halten wir nicht für plausibel», teilt das kantonale Statistikamt mit.

Wohnungsnot soll gelindert werden

An der seit Jahrzehnten extrem erfolgreichen Standortpolitik will die Regierung nicht rütteln. «Wollte man nun diese Attraktivität, die immer relativ zur nationalen und internationalen Konkurrenz definiert ist, reduzieren, dann wären auch alle Wohlstandsfaktoren beeinträchtigt. Das ist nicht der Weg des Regierungsrats und ist politisch nicht gewollt», sagt Regierungsrätin Silvia Thalmann-Gut (65).

Die Kantonsregierung will die Wohnungsnot stattdessen mit der wohnungspolitischen Strategie 2030 mindern und so auch die Mittelschicht entlasten. Dazu gehören beispielsweise die Förderung einer Verdichtung in Einfamilienhaus-Quartieren und die Schaffung einer befristeten Spezialzone. In dieser Zone dürfen Bauherren deutlich höher bauen, müssen dafür aber mindestens 40 Prozent preisgünstige Wohnungen schaffen.

Doch die Umsetzung dieser Zone wird Jahre beanspruchen, und viele Experten rechnen mit einer Einsprache-Blockade.

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