Kritik an den ADHS-Regeln im Militär und Zivilschutz
«Ich werde für etwas bestraft, für das ich nichts kann»

Silvio S. wollte in der Armee dienen, doch seine ADHS-Medikation wurde ihm zum Verhängnis. Weder Waffe noch Fahrzeug sind für ihn erlaubt – ein Entscheid, der für Kritik sorgt.
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Wer ADHS hat und Medikamente einnimmt, darf in der Rekrutenschule weder eine Waffe tragen noch ein Militärfahrzeug fahren.
Foto: CHRISTIAN BEUTLER

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Riccarda CampellRedaktorin Politik

Jedes Jahr verliert die Armee mehr als 11'000 Angehörige, die meisten an den Zivildienst. Um diesen Aderlass zu stoppen, hat die Armee verschiedene Massnahmen eingeführt. Eine Gruppe schliesst sie dennoch vom Dienst aus: Wer ADHS hat und Medikamente einnimmt, darf in der Rekrutenschule weder eine Waffe tragen noch ein Militärfahrzeug fahren.

«Deswegen musste ich in den Zivilschutz wechseln», sagt Silvio S*. Sein Name wurde anonymisiert, denn er befürchtet berufliche Nachteile, wenn seine ADHS-Erkrankung öffentlich wird. Eigentlich wollte Silvio S. in die Rekrutenschule (RS) und dort als Fahrer den Dienst leisten. Bei der Aushebung gab er offen an, dass er ADHS-Medikamente einnehme. Die Armee teilte ihm dann mit, dass er die RS zwar absolvieren könne, allerdings dürfe er keine Waffe tragen und kein Fahrzeug lenken.

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«Im Nachhinein frage ich mich, was passiert wäre, wenn ich es verschwiegen hätte. Ich kenne viele, die ihre ADHS-Medikamente bei der Rekrutierung verschwiegen haben. Sie wurden deshalb in der RS ganz normal behandelt», erzählt er gegenüber Blick.

Unterschiedliche Auslegungen von Kanton zu Kanton

Silvio S. engagiert sich in der Freizeit in der freiwilligen Feuerwehr. Dort ist das Fahren kein Problem. Auch im Zivilschutz in Basel stellte das Fahren kein Problem dar, obwohl die Vorgesetzten über die ADHS-Medikation informiert waren. Mit dem Wechsel nach Zürich änderte sich das. Seither ist ihm das Fahren im Zivilschutz untersagt. «Mir wurde gesagt, das zuständige kantonale Amt habe kaum Erfahrung mit Menschen, die ADHS-Medikamente einnehmen, und sei deshalb extrem vorsichtig», erzählt Silvio S.

Das zeige, dass die Regelungen rund ums Fahren von Kanton zu Kanton «unterschiedlich ausgelegt» würden. Auch SP-Nationalrätin Priska Seiler Graf (57) sprach das Thema in der letzten Sommersession beim Bundesrat an. Dieser verwies darauf, dass die Kantone für die Beurteilung zuständig seien. Innerhalb der medizinischen Vorgaben hätten Ärzte einen gewissen Ermessensspielraum. Ob Medikamente die Fahrtauglichkeit beeinflussen, werde deshalb stets im Einzelfall beurteilt.

Silvio S. ist überzeugt, dass er eine solche Prüfung bestanden hätte. «Ich nehme nur eine Minimaldosis Ritalin und habe eine eher schwache Ausprägung von ADHS», sagt er. Stattdessen sei er vom Kanton Zürich pauschal abgelehnt worden. «Das ist völlig absurd. Auch weil ich als Angehöriger der Feuerwehr weiterhin Einsatzfahrzeuge lenke.»

Das setzt ihm zu. «Ich werde für etwas bestraft, für das ich nichts kann», sagt er. «Menschen mit ADHS werden in der Gesellschaft leider noch immer nicht vollständig akzeptiert und gleichgestellt.»

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«Richtlinien sind medizinisch total überholt»

Auch Thomas Müller (59), Psychiatrieprofessor und Co-Präsident der Schweizerischen Fachgesellschaft ADHS, hält die Regelung für stigmatisierend. «Viele haben Angst vor einer mangelnden Impulskontrolle bei Menschen mit ADHS», sagt er. Zwar könnten schwere Verläufe die Diensttauglichkeit tatsächlich einschränken. Zudem bestehe ein erhöhtes Risiko für weitere psychische Erkrankungen, und im Kriegsfall seien Medikamente womöglich nicht verfügbar. Dennoch hält Müller pauschale Ausschlüsse für unverhältnismässig: «Man könnte genauso sagen: Wer einmal eine Lungenentzündung hatte, darf nicht in die Armee, weil er Angst haben könnte, erneut daran zu erkranken, und wir keine Antibiotika haben.»

Die Sorge vor Unfällen könne er hingegen nachvollziehen – auch weil in solchen Fällen die Militärversicherung hafte. Menschen mit ADHS zeigten im Strassenverkehr auch tatsächlich häufiger risikoreiches Verhalten: «Sie fahren gerne schnell, weil sie so viele Reize erfahren.» Dieses Risiko lasse sich mit Medikamenten jedoch deutlich senken. Trotzdem müssen Betroffene im Militär oder Zivilschutz ein Jahr lang auf ihre Medikamente verzichten, wenn sie Fahrzeuge lenken wollen.

«Diese Richtlinien sind medizinisch total überholt», so der Psychiatrieprofessor. Damals sei man noch davon ausgegangen, dass sich ADHS auswachse. Deshalb habe die Armee angenommen, die Erkrankung sei nach einem Jahr ohne Medikamente überwunden. Diese Annahme sei längst widerlegt. Langzeitstudien zeigten, dass nur rund 15 Prozent der Betroffenen später keine ADHS-Symptome mehr aufweisen. Für Müller ist deshalb klar: «Die Richtlinien müssen angepasst werden.»

Das VBS sagt auf Anfrage von Blick, dass die Richtlinien «selbstverständlich regelmässig überprüft und angepasst» würden. Müller hält dennoch fest: «ADHS ist eine lebenslange Erkrankung. Wenn sie mit den richtigen Medikamenten behandelt wird, ist das kein Grund, jemanden aus der Armee auszuschliessen.»

* Name geändert 

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