Kantonsrat weg, Stunk in der Romandie
Kopftuch-Zoff in der SP

Die SP hat kürzlich einen radikalen Kurswechsel vollzogen: Die Partei ist nun gegen Kopfuchverbote in staatlichen Institutionen. In St. Gallen sorgt dies für Stunk: Ein Kantonsrat ist nun sogar zur GLP gewechselt.
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Die Debatte um das Kopftuch in den Volksschulen beschäftigt landesweit.
Foto: Keystone

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Vera Çelik (20) ist erste Deutschschweizer Parlamentarierin mit Kopftuch im Amt
  • SP beschliesst Kehrtwende: Lehrerinnen sollen weiter Kopftuch im Unterricht tragen dürfen
  • Zürichs Regierungsrat prüft SVP-Vorstoss zu Kopftuchverbot für Schülerinnen und Lehrerinnen
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Sie ist die erste Deutschschweizer Parlamentarierin, die ein Kopftuch trägt: SP-Jungpolitikerin Vera Çelik (20) wurde kürzlich in den Gemeinderat der Stadt Zürich gewählt. Auch auf nationaler Ebene hatte Çelik zuvor schon auf sich aufmerksam gemacht. Beim SP-Parteitag in Biel BE im Februar machte sie sich dafür stark, dass Lehrerinnen in der Schweiz künftig Kopftuch tragen dürfen. Die Delegierten nahmen die Resolution an. 

Damit vollzieht die SP eine radikale Kehrtwende. Früher hielten die Sozialdemokraten die Verhüllung der Haare für tendenziell frauenfeindlich. So stand es auch im Parteiprogramm festgeschrieben. In der Ostschweiz kam es nun bereits zum ersten Knall: Ein Kantonsrat sagt der Partei Adieu. Reisst das Kopftuch den alten Graben zwischen Parteilinie und dem sozialliberalen Flügel weiter auf?

«Meine Position gilt als rassistisch»

Zumindest der St. Galler Kantonsrat Bernhard Hauser (67) beantwortet die Frage mit einem lauten Ja: Der Sarganser Schulratspräsident verlässt die SP per sofort und schliesst sich den Grünliberalen (GLP) an, wie das «St. Galler Tagblatt» schreibt. «Gemäss neuer Parteiräson gilt meine Position sogar als rassistisch», so Hauser. «Diese Intoleranz gegenüber einer laizistisch-säkularen Politik halte ich für total verfehlt und nicht im Sinn vieler SP-Wählerinnen und -Wähler.»

Es ist bezeichnend, dass die Debatte auch in dem Kanton wieder Wellen schlägt, wo sie letztes Jahr erneut entfacht wurde: An einer Primarschule in Eschenbach SG wurde im Sommer 2025 einer jungen Lehrerin mit Kopftuch noch vor ihrem Arbeitsantritt gekündigt – nach Protesten aus der Elternschaft.

Bei Kantonsrat Hauser ist der Parteiaustritt Endpunkt einer längeren Entfremdung. Der Sarganser eckte bereits zuvor mehrfach an, etwa durch seine Haltung zur Umweltverantwortungs-Initiative oder eben seine öffentliche Kritik am Kopftuch für Lehrpersonen. Die regionale Parteileitung hatte angekündigt, ihn für die nächsten Wahlen nicht mehr zu unterstützen.

Nicht nur die Sozialliberalen sind für das Verbot

Doch ist es tatsächlich ein weiteres Kapitel in der ewigen Fehde zwischen Parteilinie und den sozialliberalen Kräften? Sie sammeln sich in der SP unter dem Banner der sogenannten Reformplattform. Das lose Bündnis wird vom Zürcher Ständerat Daniel Jositsch (60) präsidiert – er will sich auf Anfrage allerdings nicht zur Resolution äussern. Andere Stimmen im Bundeshaus bestätigen zwar den Riss in der Partei. Beim Kopftuch sei dies jedoch nur bedingt der Grund.

Besonders auffällig: In der Romandie sind die Rufe nach einem Verhüllungsverbot in linken Kreisen schon länger lauter als auf der anderen Seite des Röstigrabens. Am Parteitag machte sich besonders der Waadtländer SP-Nationalrat Benoît Gaillard (40) stark, den alten Passus im Parteiprogramm zu lassen.

Dies keineswegs aus sozialliberalen Gründen: «Die Idee einer öffentlichen, obligatorischen und möglichst unabhängigen Bildung für Kinder, insbesondere von religiösen Mächten, ist zutiefst sozialistisch», sagte Gaillard am SP-Parteitag. Mit der Resolution stelle sich die Partei aber gegen Verbote von religiösen Symbolen bei Lehrkräften.

SP-Roth pflichtet den Romands bei

«Ich hatte das Gefühl, dass meine Position durchaus respektiert wird», teilt Gaillard auf Anfrage mit – auch auf der anderen Seite des Röstigrabens. Das zeigt sich bei der Solothurner SP-Ständerätin Franziska Roth (59): Die eher sozialliberale Parlamentarierin sieht das Kopftuch bei Lehrpersonen ebenfalls grundsätzlich kritisch.

«Religiöse Symbole haben in einem Schulzimmer nichts verloren», so die ausgebildete Heilpädagogin. «An den Volksschulen befindet sich eine Zwangsgemeinschaft, wo die Freiheit des einen an der Freiheit des anderen ihre Grenzen finden muss.»

Bundesgericht für Kopftuchverbot

Roth stützt sich dabei auch auf einen Entscheid des Bundesgerichts: 1997 sah dieses das Kopftuchverbot für eine Lehrerin in Genf als zulässig. 2001 stützte auch der Europäische Menschengerichtshof den Entscheid.

Für die Volksschulen seien aber auch Freikirchen oder nicht kirchliche Religionsgemeinschaften wie die Zeugen Jehovas eine ähnlich grosse Herausforderung, so Roth. «Da kann im Klassenzimmer durchaus weniger augenfällig mit religiösen Instrumenten missioniert werden.» Das müsse unterbunden werden.

Bei Vera Çelik ist der Einsatz gegen das Kopftuchverbot zudem mit einigen empfindlichen Nebengeräuschen verbunden. Nach ihrer Wahl wurde sie insbesondere durch türkische Staatsmedien gefeiert, wie SonntagsBlick berichtet hat.

In Zürich stehen die Zeichen auf Verschärfung

Der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu stellte sich die neu gewählte Gemeinderätin zudem auch für ein Interview zur Verfügung. Vom konservativen türkischen Staatsapparat rund um Präsident Recep Tayyip Erdogan (72) distanziert sich die SP-Politikerin dabei nur vorsichtig. «Ich habe als Schweizer Politikerin nichts mit der türkischen Politik zu tun», teilte sie auf Anfrage mit.

Anders als bei der SP stehen die Zeichen im Kanton Zürich, wo Çelik politisiert, aktuell auf eine Verschärfung: Der Zürcher Regierungsrat unterstützt einen SVP-Vorstoss, der das Kopftuch nicht nur bei Lehrerinnen, sondern auch bei Schülerinnen verbieten will. In St. Gallen hat die SVP bereits einen ähnlichen Vorstoss eingereicht.

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