Darum gehts
- Vera Çelik, erste kopftuchtragende Gemeinderätin Zürichs, sorgt international für Schlagzeilen
- Türkische Staatsmedien feiern Çeliks Wahl
- Çelik erhielt im Wahlkampf Unterstützung der regierungsnahen Türkischen Gemeinschaft Schweiz
Sie ist die erste Deutschschweizer Parlamentarierin, die ein Kopftuch trägt: SP-Jungpolitikerin Vera Çelik (20) wurde am letzten Sonntag in den Gemeinderat der Stadt Zürich gewählt. Dies machte über die Grenzen der Schweiz hinaus Schlagzeilen: Auch die türkischen Medien berichteten über den Wahlerfolg der Dentalassistentin aus Zürich-Seebach mit Wurzeln in der Türkei.
Der deutschsprachige Dienst des Staatssenders TRT schreibt in Posts auf Instagram und Facebook, in der Schweiz werde das Thema Kopftuch seit Jahren gesellschaftlich und politisch diskutiert. «Çeliks Wahl wird von vielen Mitgliedern der türkischen Gemeinschaft in der Schweiz als wichtiges Zeichen für gesellschaftliche Teilhabe und Vielfalt gewertet.» Zudem schreibt TRT unter Berufung auf die türkische Nachrichtenagentur Anadolu, die türkische Botschafterin in der Schweiz habe Çelik telefonisch zu ihrer Wahl beglückwünscht, und auch der Generalkonsul in Zürich habe ihr gratuliert.
Applaus von problematischer Seite
Der Beifall von Vertretern der Erdogan-Regierung bringt Çelik in eine schwierige Lage. So fragt etwa der marokkanisch-schweizerische Islamwissenschaftler und Publizist Kacem El Ghazzali (35) auf X: «Wie kann eine Sozialdemokratin, die im sicheren Zürich das Banner der Antidiskriminierung schwenkt, die Glückwünsche eines Apparates entgegennehmen, der ihre eigenen ideologischen Geschwister im Namen autoritärer Macht hinter Gitter bringt?»
Auch in den Reihen der SP, für deren Mitglieder Erdogan alles andere als ein Sympathieträger ist, dürfte es Stirnrunzeln auslösen, wenn eine ihrer Vertreterinnen von Repräsentanten der türkischen Regierung gefeiert wird.
Çelik: «Botschafterin hat nicht angerufen»
Fragen zu ihrem Verhältnis zur türkischen Politik sind Çelik offensichtlich unangenehm. Der Nachrichtenagentur Anadolu stand sie bereitwillig für ein Interview vor der Kamera zur Verfügung – gegenüber Blick will Çelik nur schriftlich antworten. Zu den Glückwünschen von Offiziellen der Türkei schreibt sie: «Mich hat weder die türkische Botschafterin noch der Generalkonsul angerufen.» Entsprechende Meldungen türkischer Medien bezeichnet sie also als falsch. Nachfragen von Blick bei der türkischen Botschaft und dem Generalkonsulat zum Sachverhalt blieben bislang unbeantwortet.
Auf die Frage zu ihrer Haltung gegenüber der Erdogan-Regierung hält Çelik lediglich fest: «Ich habe als Schweizer Politikerin nichts mit der türkischen Politik zu tun.» Und sie schreibt: «Meine Wahl in der Stadt Zürich sollte nicht für politische Zwecke anderer Regierungen instrumentalisiert werden.»
Wahlkampf bei Erdogan-Anhängern
Im Wahlkampf allerdings suchte Çelik durchaus auch die Nähe zu Erdogan-Anhängern. So traf sie sich mit Suat Şahin, Präsident der Türkischen Gemeinschaft Schweiz. Die Organisation gilt als regierungsnah – und empfahl Çelik zur Wahl. Çelik schreibt dazu, weil die Wahlbeteiligung bei Schweizerinnen und Schweizern mit Migrationshintergrund sehr tief sei, habe sie sich mit verschiedenen Organisationen getroffen, in denen sich Menschen mit Migrationsgeschichte engagieren – um sie auf die Wichtigkeit der städtischen Wahlen aufmerksam zu machen. «Die politische Positionierung von Şahin kenne ich nicht.» Ein Foto des Treffens mit Şahin erschien in der türkischsprachigen Schweizer Monatszeitung «Post Gazetesi İsviçre», deren Chefredaktor Çeliks Vater Ömür Çelik ist.
Dieser vertritt in seinen Kolumnen konservative Meinungen, mit denen er oft auf einer Linie mit der Erdogan-Regierung liegt. Vera Çelik hält dazu fest, Familienmitglieder seien eigenständige Personen mit eigenen Ansichten. «In einer pluralistischen Demokratie ist es absolut normal, dass Menschen unterschiedliche politische Überzeugungen haben – auch innerhalb von Familien.»
Kopftuch sieht «nice» aus
Im Zürcher Stadtparlament will sich Çelik «gegen Diskriminierung, für Gleichstellung, für bezahlbaren Wohnraum und für Menschen mit tiefen Einkommen» einsetzen. Auf nationaler Ebene machte die Jungpolitikerin Ende Februar auf sich aufmerksam, als sie beim SP-Parteitag in Biel BE eine Rede hielt, in der sie sich dafür starkmachte, dass Lehrerinnen in der Schweiz künftig Kopftuch tragen dürfen. Die entsprechende Resolution wurde von den SP-Delegierten angenommen.
Frauen das Kopftuch zu verbieten, sei genauso entmündigend, wie es ihnen aufzuzwingen, schrieb Çelik in einem Essay, den die «Republik» letztes Jahr veröffentlichte. Vor zwei Jahren habe sie sich aus freien Stücken entschieden, Kopftuch zu tragen. Sie habe es angezogen, in den Spiegel geschaut – und gedacht: Alter, ich sehe nice aus.