«Hoffentlich ist es kein Kanake!»
Wie Linke und Rechte die Wirklichkeit zurechtbiegen

Der Islamisten-Anschlag in Berlin und der Fall Patrick F. im Aargau haben wenig gemeinsam. Aber beide Fälle entlarven: Links und rechts empören sich nur noch, wenn die Tat ins eigene Weltbild passt. Das ist unglaubwürdig – und demokratiegefährdend. Der Wochenkommentar.
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Islamist und Attentäter Abdul Ballout tötete eine Frau und verletzte mehrere Menschen schwer.
Foto: imago/Independent Photo Agency Int.
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Rolf CavalliChefredaktor Blick

Gibt es einen verräterischeren Satz als diesen?

«Das Erste, was ich gedacht habe, war: Hoffentlich ist es kein Kanake, hoffentlich ist es eine christliche, weisse Person.»

Gesagt hat ihn eine Berliner Sängerin nach dem islamistischen Anschlag auf den Christopher Street Day.

Ihr erster Gedanke galt also nicht dem Opfer, notabene aus den eigenen Reihen. Er galt dem Täter. Nun war es aber ein extremistischer Muslim – das passt nicht ins Freund-Feind-Bild der Aktivistin, die bei anderer Gelegenheit möglicherweise gemeinsam mit Islamisten für Gaza demonstriert.

Nehmen wir den Fall des ehemaligen SVP-Grossrats Patrick F. im Aargau. Ihm wird vorgeworfen, seine Ex-Frau, seine damalige Partnerin und deren minderjährige Tochter mehrfach betäubt, missbraucht und die Taten gefilmt zu haben.

In Untersiggenthal AG fand eine Mahnwache statt, organisiert von den SP Frauen Aargau. Neben einem der Opfer sprachen vor allem linke Politikerinnen. Sie bekundeten ihre Solidarität und prangerten Gewalt gegen Frauen sowie toxische Männlichkeit an.

Zu Recht. Doch wo bleibt ihr Protest, wenn Islamisten Homosexuelle töten?

Wer die Fakten aufgibt, gibt die Freiheit auf

Szenenwechsel nach Berlin. Ein Islamist tötet am Christopher Street Day eine Frau und verletzt mehrere Menschen schwer. Nun melden sich vor allem Rechte und Islamkritiker zu Wort. Sie sprechen über Islamismus, Migration, Ausschaffung.

Zu Recht. Doch wo bleibt dieselbe Empörung, wenn ein Mann aus den eigenen Reihen Frauen über Jahre missbraucht?

Die politische Reaktion folgt zunehmend demselben Muster. Nicht die Opfer stehen im Mittelpunkt. Entscheidend ist, ob der Täter als Feindbild taugt. Wenn ja, wird die Tat politisch ausgeschlachtet. Wenn nicht, schweigt man lieber.

Der amerikanische Historiker Timothy Snyder bringt es auf den Punkt: «Wer die Fakten aufgibt, gibt die Freiheit auf.» Demokratien brauchen keine Einigkeit in der Meinung. Aber sie brauchen eine gemeinsame Wirklichkeit.

SVP für Opferhilfe, Queere gegen Islamisten?

Stellen wir uns vor, ein SVP-Politiker tritt bei der Mahnwache in Untersiggenthal ans Mikrofon und sagt: «Gewalt gegen Frauen geht uns alle an. Ich helfe mit, die Opferhilfe zu stärken. Helft im Gegenzug mit, islamistische Gewalt konsequenter zu bekämpfen.»

Oder stellen wir uns vor, an der Trauerkundgebung in Berlin sagt eine Aktivistin zu ihren Mitstreitern: «Gerade wir Progressiven dürfen nicht länger schweigen. Islamisten greifen jene Freiheit an, für die wir kämpfen: Frauenrechte und die Rechte queerer Menschen. Wer dieses Problem verdrängt, stärkt am Ende nur die AfD.»

Beide Reden würden die eigenen Leute irritieren. Manche würden sie als Verrat empfinden. Das wäre ein gutes Zeichen. Denn Demokratie funktioniert nur, wenn wir uns auf dieselbe Wirklichkeit einigen – auch dann, wenn sie der eigenen Seite nicht in den Kram passt.

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