Blick vor Ort – so reagieren die Berliner auf den Terror
«Die meisten wollen sich hier nicht integrieren»

Der Schock und die Trauer sitzen tief in Berlin. Nach der Terrortat von Abdul Ballout (†21) stellt sich die Frage: Was bedeutet das jetzt für die linke und queer-freundliche Stadt? Blick-Reporterin Karin Frautschi traf die Menschen vor Ort.
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Berlin trauert.
Foto: Karin Frautschi

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Anschlag auf Berliner Regenbogen-Fest: Eine Tote, 29 Verletzte im Tiergarten
  • Täter raste mit Mietauto in Menschenmenge, Berlin trauert und protestiert
  • Zwischen 200'000 und 300'000 Queere leben in Berlins LGBTQ+-Metropole
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Karin FrautschiReporterin Blick

Berlin trauert. Der islamistisch motivierte Anschlag auf das Berliner Regenbogen-Fest am vergangenen Samstag traf die deutsche Hauptstadt mit voller Wucht. 

Der Terrorist Abdul Ballout (†21) raste im Berliner Tiergarten mit einem Miet-Transporter in eine Menschenmenge und tötete eine Frau (†65) aus Polen. 29 weitere Personen wurden teils schwer verletzt.

Trauer und Wut

Seither füllen sich die Gedenkstätten entlang der Terrorstrecke von Tag zu Tag mit mehr Blumen, Kerzen und Regenbogenflaggen.

Doch unter die Trauer mischt sich Wut. Vor allem auf die Politik. Zwischen den Kerzen und Blumen finden sich viele entsprechende Botschaften. «Fehlender politischer Wille und Verantwortungskultur», steht auf einem Plakat. Oder: «Ein autoritärer Sicherheitsstaat stärkt patriarchale Gewalt in all ihren Formen.»

Neben Trauerkränzen von verschiedenen deutschen Parteien steht ganz rechts ein Plakat mit der Aufschrift: «Wählt nicht den Hass. No AfD.»

Damit ist der Elefant im Raum angesprochen. Was bedeutet dieser Terrorakt, kurz vor den Wahlen im September, für die linke und queer-freundliche Stadt? Schliesslich ist Berlin eine der wichtigsten Metropolen für die globale LGBTQ+-Community. Laut offiziellen Zahlen leben hier unter den rund 3,7 Millionen Einwohnern zwischen 200'000 bis 300'000 queere Personen.

Schwindendes Sicherheitsgefühl

«Ich habe immer befürchtet, dass etwas in der Richtung passiert», sagt Joachim H. (59), der am Samstag selbst am Regenbogenfest teilnahm. Homophobe Anfeindungen hätten in den letzten Jahren zugenommen. «Das Freiheitsgefühl hat sich verändert», sagt er zu Blick. 

«Jetzt getrauen sich viel mehr Leute aus ihren Löchern heraus und sagen Sachen, die sie vorher nicht gesagt hätten. Weil sie den Rückenwind durch die AfD und andere rechte Kräfte spüren. Das ist erschreckend», so H. Dies führe dazu, dass er sich auch im Regenbogenkiez nicht mehr immer sicher fühle. Das Stadtviertel im Ortsteil Schöneberg gilt als Herz der queeren Szene in Berlin.

In seinen Augen liegt das Problem bei der Politik. Er erwartet mehr Unterstützung für die queere Community, bessere Integrationsmöglichkeiten und bessere Überprüfung von Menschen, die nach Deutschland kommen wollen. «Wir sind ein offenes Land, das ist gut so und so soll es auch bleiben.»

Joachim H. (59) aus Berlin.

Bessere Überprüfung

Gleicher Meinung ist auch Alyah (20), die in einem Späti (Kiosk) in der Nähe arbeitet. «Ausländer sollen nach Deutschland kommen, wenn sie keine schlechten Akten haben. Nicht jeder Mensch wird ein Fahrzeug nehmen und in eine Menschenmenge fahren», sagt sie und fügt an: «Sollen alle für etwas leiden, was ein Typ gemacht hat?» Dennoch sollen die Menschen ihrer Meinung nach besser überprüft und im Blick behalten werden.

Auch Mahgol (27) aus Hamburg ist am Dienstag im Regenbogenkiez unterwegs. Sie sagt: «Ich kann verstehen, dass Leute nun aus Wut das Kreuz bei den Abstimmungen rechts setzen. Aber: Das ist nicht die Lösung.» Wenn durch die rechte Politik das Grundgesetz und die Gleichberechtigung verletzt werden, sei das definitiv nicht richtig.

«Diese Terrorattacke schweisst die queere Community noch mehr zusammen», ist sich eine Männergruppe aus den USA sicher. Die Jungs besuchen ihren Freund Alan Pralow (55), der seit mehreren Jahren in der deutschen Hauptstadt wohnt. «Dieser Angriff wird uns nicht stoppen, an solchen Paraden teilzunehmen. Nächstes Jahr feiern wir wieder in Berlin – und zwar noch viel grösser», sagen sie.

Alan Pralow (55, schwarzes T-Shirt und Brille) und seine Freunde aus den USA.

«Strengere Massnahmen sind nötig»

Im Bezirk Berlin-Mitte trifft Blick den Pöstler R. K.* (53). Er ist Türke, kam 1980 mit seinen Eltern nach Deutschland. Er ist bereit, mit Blick zu sprechen, allerdings nur anonym.

Der Terroranschlag habe auch ihn schockiert. «Ich kannte selbst Leute, die am CSD waren», sagt K. Sie gehören der Queer-Szene an und seien migrationsfreundlich, beschreibt er seine Bekannten. «Dies hat sich durch diese Tat nun verändert», sagt er.

Seiner Meinung nach unternimmt die deutsche Politik zu wenig, um die Probleme in den Griff zu bekommen. «Sie sollen endlich umsetzen, über was sie die ganze Zeit nur reden. Strengere Massnahmen sind nötig», fordert der Pöstler. 

«Ich verteile jeden Tag Post hier in Berlin. Auch bei Botschaften. Täglich sehe ich dort, wie viele junge Männer aus dem Nahen Osten vorne dran stehen und eine Aufenthaltsbewilligung wollen.» Dafür hat er wenig Verständnis: «Die meisten wollen sich hier nicht integrieren, sondern nur schnelles Geld machen.» Die Auswirkungen davon bekämen dann aber alle Ausländer zu spüren. Auch er: «Ich werde im Alltag und auf der Arbeit diskriminiert.» Für ihn ist klar: «Ich werde Deutschland verlassen.» In spätestens fünf Jahren gehe er zurück in die Türkei.

R. K.* (53) ist Pöstler im Bezirk Berlin-Mitte. Er kam als Siebenjähriger mit seinen Eltern aus der Türkei nach Deutschland.

«Ich vermisse mein altes Berlin»

In den Gesprächen mit Blick wird klar: Viele haben den Glauben in die deutsche Politik längst verloren. Besonders im Bezirk Neukölln, der für seine kulturelle Vielfalt und soziale Herausforderungen bekannt ist. 

«Man darf uns Migranten nicht alle in den gleichen Topf werfen», sagt Sami Jannat Sejuti (29), Studentin aus Bangladesch, zu Blick. Sie ist seit rund zwei Jahren in Berlin und jobbt in einem Neuköllner Café. Die Attentäter mit Migrationshintergrund würden ein schlechtes Bild auf alle Ausländer werfen, das fände sie nicht gut. Dabei gebe es viele Familien oder Studenten, die nach Deutschland kommen und sich anpassen wollen.

Sami Jannat Sejuti (29), Studentin aus Bangladesch.

Doch das tönt nicht an allen Orten in Neukölln so. Entlang der Sonnenallee, in einem orangefarbenen Imbisshäuschen wird ein türkischer Döner-Verkäufer ganz energisch, als er über das Thema spricht. Er will weder ein Bild von sich, noch seinen Namen in der Zeitung sehen. Doch er sagt zur Blick-Reporterin: «Ich wähle die AfD, die machen das Richtige. Alle Ausländer, die hierherkommen und nur Kinder kriegen, nicht arbeiten oder Scheisse bauen, sollen raus.» 

Als in diesem Moment eine Mutter am Imbiss vorbeikommt und ihn auf Türkisch fragt, ob er ihre Sprache spreche, schreit er sie an: «Wir sind hier in Deutschland, lerne unsere Sprache!»

Dann erzählt er weiter: Sein Vater sei 1960 nach Deutschland gekommen. Er sei nun die zweite Generation der Familie. Er betont: «Wir haben stets für unser Geld gearbeitet. Die jungen Leute, die heute kommen, wollen nicht mehr arbeiten», sagt er und fügt an: «Die guten Zeiten sind vorbei. Ich vermisse mein altes Berlin.»

Politische Folgen bald sichtbar

In den Gesprächen mit Blick zeigt sich: Die Verunsicherung in der Bevölkerung ist durch die Terrorattentate in den letzten Jahren gewachsen. Die Berliner sind sich aber einig: Es hätte überall passieren und jeden treffen können.

«Man überlegt sich nun zweimal, ob es sich lohnt, das Risiko einzugehen oder ob man einer grösseren Veranstaltung besser fernbleibt», sagt ein Späti-Besitzer in Neukölln, der ebenfalls anonym bleiben möchte. Er fordert mehr Sicherheit für die Leute in Berlin.

Ob der Terroranschlag vom letzten Samstag die Berliner Politik verändern wird, wird sich wohl erst im September bei den Wahlen zeigen. 

* Name bekannt 

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