Darum gehts
- Beni Durrer und René Durrer-Lehmann sind bekannt aus Sendung «SRF bi de Lüt»
- Terroranschlag in Berlin war für sie das letzte Zeichen, Deutschland zu verlassen
- Sie sprechen von täglicher Furcht vor Gewalt und Anfeindungen
Letztes Wochenende gingen die Gedanken angesichts des Terroranschlags beim Christopher Street Day (CSD) in Berlin auch an die dort lebenden Schweizerinnen und Schweizer.
Der Luzerner Visagist Beni Durrer (58) zog vor dreissig Jahren in die deutsche Hauptstadt. Er wurde letztes Jahr durch die TV-Sendung «SRF bi de Lüt – Heimweh» bekannt.
Darin schilderte er mit seinem Partner, dem Berliner Coiffeurmeister René Durrer-Lehmann (59), mit dem er ein Make-up- und Friseur-Geschäft in Berlin-Schöneberg betreibt, wie er sich nicht mehr sicher fühlt und in die Schweiz zurückwill. «Es gibt viele Ecken, wo du dich als Schwuler nicht mehr hintraust», sagten sie.
«Es ist schon so viel passiert»
Die Angst ist geblieben, auch am letzten Wochenende. René Durrer-Lehmann sagt: «Wir hatten offen gesagt keine grosse Lust auf den Christopher Street Day und haben dann von einer Freundin gehört, was passiert ist. Für uns ist dieser Anlass nicht mehr das, was er einmal war, eine Demonstration für unsere Rechte, sondern eher eine Art Street Parade. Wir hatten beide auch ein ungutes Gefühl. Es ist schon so viel passiert kurz davor, zum Beispiel der tödliche Messerangriff in Trier.»
Und Beni Durrer sagt: «Der Anschlag ist bloss fünf Minuten von uns entfernt passiert. Ich war nicht überrascht. Ich hätte sogar noch mit etwas viel Schlimmerem gerechnet. Dass eine Bombe bei der Bühne losgeht, damit möglichst viele von uns sterben. Oder dass es einen Anschlag mit einer Drohne gibt.»
Durrer-Lehmann bemängelt die seiner Meinung nach mangelhafte Information der Behörden. «Wir glauben, dass die Polizei nicht offen kommuniziert und mehrere Täter beteiligt waren.» Die Behörden gehen zum aktuellen Stand der Ermittlungen allerdings vordergründig von Einzeltäter Abdul Ballout (†21) aus.
Weiter sagt Durrer-Lehmann: «Viele Menschen trauen sich auch nichts zu sagen, weil sie sonst in eine fremdenfeindliche Ecke gestellt werden. Für uns geht die Gefahr aber klar vom Islam aus. Wenn ich am Abend nach Hause gehe, werfe ich immer auch einen Blick hinter mich. Ich bin schon sehr oft mit Leuten aus diesen Kulturkreisen aneinandergeraten. Auch heute war das Unwohlsein latent da.»
Er spricht von einer «Überflutung durch Menschen aus islamischen Staaten. Und die Probleme, die dadurch entstehen, werden von links-grüner Seite verharmlost. Wenn ich sehe, was in diesem Land passiert, halte ich das fast nicht mehr aus. Für mich sind hier alle Menschen willkommen, aber sie müssen sich an unsere Kultur anpassen.»
«LGBT-Community in Deutschland ist sehr intolerant»
Und leider sei die LGBT-Community in Deutschland sehr intolerant und sich untereinander nicht grün. «Viele können nicht mit den anderen. Das ist nicht hilfreich. Manche wollen sich nur zeigen und provozieren, was natürlich solche Anschläge wie jenen jetzt begünstigt. Ich rege mich auch über manche Signale aus der queeren Szene auf. Wenn ich Plakate sehe wie ‹Queer for Palestine›, denke ich, geht mal händchenhaltend dorthin und schaut, was passiert...»
Für Beni Durrer war das Jahr 2015 mit der Grenzöffnung durch die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel (72) ein Knackpunkt. «Ich sagte damals schon, da stimmt etwas nicht. Da kommen Menschen aus einer ganz anderen Kultur zu uns. Warum gehen die nicht in ein Land, wo sie ähnlich leben können, wie sie es gewohnt sind? Ich verstehe nicht, wieso unsere Politiker nicht stärker darauf drängen, dass sie unsere Sprache lernen und unsere Werte akzeptieren. So haben wir leider null Hoffnung für Deutschland mehr.»
René Durrer-Lehmann sagt: «Ich habe gestaunt, dass erst jetzt etwas passiert und dass unsere Politiker derart schlafen. Ich finde es schon gruselig, dass wir unsere Weihnachtsmärkte und Rummelplätze derart schützen müssen. Das kann doch nicht sein.»
Er erwähnt Manuel Ostermann (35), den Bundesvorsitzenden der deutschen Polizeigewerkschaft, der schon länger vor dem Islamismus als Gefahr auch für die schwule Szene warne und dafür von linken Kreisen als Faschist bezeichnet werde.
«Und wenn nun der Bundesnachrichtendienst und der Verfassungsschutz bekannt geben, dass wir vom Islamismus unterwandert werden, denke ich, ‹ach tatsächlich, fällt euch das auch schon auf?› Alle unsere Freunde hier sagen, sie haben Angst. Das kann es nicht sein. Und dann wundern sich manche Kreise noch, wieso derart viele Leute die AfD wählen.»
«Europa schafft sich ab»
Für ihn bewahrheiten sich nun die Prophezeiungen des früheren SPD-Politikers Thilo Sarrazin (81) in dessen bekanntem Buch. «Deutschland hat sich aufgegeben und abgeschafft. Das hat Sarrazin 2010 geschrieben, jetzt ist es definitiv. Ich würde noch weitergehen: Europa schafft sich ab.»
Beni Durrer ist nun doppelt froh, dass es mit der Rückkehr in die Schweiz vorwärtsgeht. Letzten Sommer fanden sie ein Ladenlokal in Luzern. Seither sind sie im Zwei-Wochen-Takt am Pendeln. «Wir bauen in Luzern einen Kundenstamm auf. Und in Berlin haben wir eine ukrainische Coiffeuse angestellt, die unsere dortigen Kunden übernimmt. Auf Dezember 2026 ziehen wir vollständig um. Und René sollte bis dahin den Schweizer Pass erhalten.»
Ihren Freundeskreis in Deutschland wollen sie aber auch in Zukunft pflegen. «Einige sind ebenfalls schon ausgewandert. Andere freuen sich für uns, dass wir etwas Neues gefunden haben und wollen uns besuchen», sagt Beni Durrer.
Und René Durrer-Lehmann meint: «Wir sehen nicht ein, für einen Staat zu arbeiten, der mit Geld nicht umgehen kann. Und zum Teil Leute unterstützt, die es nicht nötig haben. Es gibt ein schönes Bild vom Zug des Lebens, den jeder hat. Der Zug fährt immer weiter. Manche steigen ein und fahren länger mit, andere steigen schneller wieder aus. Mein Zug hält nun in Luzern. Ich werde sicher die eine oder andere Träne vergiessen über Kunden, die seit 40 Jahren zu mir kommen und das nun nicht mehr können. Aber wir müssen jetzt auch mal an uns denken.»
Ein schönes Paar
In der Schweiz spürt das Paar Hoffnung und Optimismus. «Neulich ist uns etwas passiert, was wir ewig nicht mehr erlebt haben. In Luzern haben uns auf der Strasse wildfremde Leute angesprochen und gefragt: ‹Dürfen wir Ihnen sagen, Sie sind wirklich ein schönes Paar?› In Deutschland heisst es: ‹Ey, du schwule Sau, ich stech dich ab.›»
Dass sie für ihre klaren Aussagen auch negative Feedbacks bekommen könnten, nehmen sie in Kauf. «Frustrierte Menschen gibt es überall. Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus. Bist du freundlich zu den Menschen, sind sie es meistens auch zu dir.»