Darum gehts
- Terrorist Abdul Ballout fuhr am 25. Juli in eine Menschenmasse in Berlin
- Die islamistisch motivierte Tat am CSD richtete sich gegen LGBTQ-Community
- 29 Verletzte, 1 Tote, hunderte Menschen trauerten am Brandenburger Tor
Farbige Markierungen an Boden und Bäumen zeigen die Spuren der schrecklichen Terrorfahrt von Abdul Ballout (†21). Der Terrorist fuhr am Samstagabend gegen 22 Uhr im Berliner Tiergarten in eine Menschenmenge. Dabei tötete er eine Frau und verletzte mindestens 29 weitere Personen – teilweise schwer. Mittlerweile sind alle Verletzten ausser Lebensgefahr.
Nach fast 21 Stunden Flucht wurde Ballout von der Polizei lokalisiert und bei einem Schusswechsel mit den Einsatzkräften tödlich verletzt.
Die islamistisch motivierte Terrortat am Christopher Street Day richtete sich gezielt gegen die LGBTQ-Community.
Der Tag danach
Am Sonntag schmücken die Farben der Regenbogenflagge die zahlreichen Gedenkstätten entlang der meterweiten Strecke, auf der sich die Terrorfahrt ereignete. Den ganzen Tag über laufen bis in die späten Abendstunden Hunderte Menschen durch den Park. Sie kommen, um der Opfer zu gedenken, legen Blumen und persönliche Botschaften nieder und zünden Kerzen an.
Auf Plakaten steht: «Hass tut weh, Liebe heilt» oder «gemeinsam sind wir stark und stärker als das Böse und all der Hass».
Rund um den Park sind noch immer Absperrungen und Gitter zu sehen. Jene Sicherheitsvorkehrungen, die die Menschen während des CSD hätten schützen sollen. Grössere Zugänge sind sogar mit Pollern versperrt. Trotzdem konnte der Terrorist mit einem weissen Auto über einen kleineren Parkeingang in den Tiergarten fahren, der für Fussgänger offen gewesen war. Auch an dieser Stelle bleiben am Sonntag Menschen stehen, die darüber diskutieren, weshalb dieser Weg nicht besser gesichert war.
«Hörten pausenlos Sirenen»
Im Innern des Parks ist es ruhig. Die Stille wirkt schwer. Trauernde liegen sich in den Armen. Viele wischen sich Tränen unter ihrer Sonnenbrille weg oder starren fassungslos auf die eingezeichneten Markierungen am Boden. Diese zeigen, wo der Terrorist durchfuhr – und wo die Opfer lagen.
«Ich finde es gut, dass man so nah ran darf», sagt Tim (26) aus Stuttgart. «Das hilft zu realisieren, was hier passiert ist.» Er sei extra für das Wochenende nach Berlin gekommen, um den CSD zu feiern. Zur Tatzeit stand er mit Freunden bei der rund 400 Meter entfernten Bühne und hat vom Anschlag zunächst nichts mitbekommen. Erst nach dem Abbruch und der Evakuierung der Veranstaltung erfuhr er davon. «Wir waren geschockt», so Tim.
Auch die Berlinerin Charlotte Morache (32) feierte am Samstag mit. «Es ist komisch, heute hier zu sein», sagt sie, als Blick sie beim Tatort trifft. Sie erzählt, dass sie und ihre Freunde rund einen Kilometer entfernt seien, als Abdul Ballout mit dem Auto in die Menschenmenge fuhr.
«Eine halbe Stunde lang hörten wir pausenlos Sirenen und Krankenwagen», erzählt sie. «Da wussten wir, dass etwas nicht stimmt.»
Auch der Berliner Andreas Becker (53) wurde hellhörig, als er aus der Entfernung plötzlich Schreie hörte. «Man weiss, dass diese Geräusche nicht zu einer Party gehören», sagt er. «Dann wird aus dem absurd Schönen etwas absurd Grausames.»
«Man muss weiter lachen»
Der Terroranschlag gegen die Queer-Community sei wie «ein Schlag ins Genick», sagt Becker. Doch man dürfe sich durch solche Taten nicht unterkriegen lassen. «Man muss weiter lachen, weiter lieben und sich das für möglichst alle Leute wünschen», sagt er.
Diese Tat zeige einmal mehr, dass man liebevoll miteinander umgehen und zusammenhalten müsse, findet Charlotte Morache.
«Ich hoffe, dass so etwas nie wieder passiert», sagt der türkische Tourist Volkan Baykan (44) zu Blick. «Es gibt viele homophobe Menschen auf der Welt. Aber man muss bedenken: LGBTQ-Rechte sind Menschenrechte. Wir müssen also für diese Rechte eintreten.»
Die gelten nicht nur für LGBTQ-Personen, betont Baykan. «Wir müssen gemeinsam gegen diese Homophobie und all die feindseligen Haltungen gegenüber queeren Menschen vorgehen.»
«Die Community hält zusammen», ist auch Tim aus Stuttgart überzeugt. Mehr Sorgen bereite ihm die politische Situation – vor allem im Hinblick auf die bevorstehenden Wahlen in Deutschland. «Nach solchen Anschlägen nehmen die rechten Wähleranteile oft zu», sagt er nachdenklich.
24 Stunden nach der Tat
Rund 400 Meter vom Tatort entfernt versammeln sich am Sonntagabend gegen 22 Uhr rund 100 Leute auf dem Pariser Platz neben dem Brandenburger Tor. Um eine Gedenkstätte voller Lichter, Blumen und Regenbogenflaggen trauern sie gemeinsam.
Hinter ihnen leuchtet das Wahrzeichen von Berlin in Regenbogenfarben und in grossen Buchstaben steht: «Berlin, Stadt der Freiheit».