Darum gehts
- Hitachi Energy plant 100’000-m²-Hauptsitz in Wettingen AG, 3000 Jobs sind geplant
- Projekt könnte Wettingen jährlich 10 Millionen Franken Steuern bringen
- Widerstand aus Würenlos wegen Verkehr und steigender Immobilienpreise ohne Steuergewinn
In Wettingen AG hört man bereits die Kassen klingeln. In der drittgrössten Gemeinde des Kantons will sich die Energiefirma Hitachi Energy einen Tempel bauen: 100’000 Quadratmeter, über 3000 Stellen – es sind Dimensionen, die dem wirtschaftlichen Sorgenkind grosse Hoffnungen geben. Denn während das Gewerbe in Baden und Aarau boomt, schrumpft es in Wettingen weiter.
Nun kommt die rettende Hand – der Zuzug könnte jährlich bis zu zehn Millionen Franken mehr Steuern in die Gemeindekassen spülen. Wäre da bloss nicht der Widerstand. Zum einen, weil für den Schweizer Hitachi-Hauptsitz auf dem Gebiet Tägerhardächer plötzlich Landwirtschaftsland zu Bauland werden müsste. Zum anderen, weil besonders die Nachbargemeinde Würenlos besorgt ist, die Verkehrslast und steigende Immobilienpreise abzubekommen – und zwar ohne einen Rappen Steuergeld zu sehen.
Politische Zugehörigkeit oftmals zweitrangig
Es ist kein seltenes Phänomen: Regelmässig sorgen Grossprojekte für Zoff zwischen Schweizer Nachbargemeinden. Da spielt auch politische Zugehörigkeit plötzlich eine untergeordnete Rolle. «Wir mögen Wettingen dieses Geld gönnen. Doch was ist mit allen anderen Gemeinden, die betroffen sind?», sagte etwa der Würenloser FDP-Vizepräsident Nico Kunz (40) gegenüber dem «Badener Tagblatt».
Ähnlich geschah es an anderem Ort: Als der Onlineriese Digitec Galaxus und die Schweizerische Post vor etwas mehr als fünf Jahren ankündigten, in Utzenstorf BE auf dem Areal einer ehemaligen Papierfabrik ein neues Logistikzentrum bauen zu wollen, erhoben ebenfalls die Nachbardörfer Einsprache.
Wachstumsdruck sorgt auch unter Kantonen für Streit
Gebaut wird in Utzenstorf weiterhin nicht. Zwar erteilten die Berner Behörden dem Vorhaben 2023 endlich die Baubewilligung. Doch dann grätschte auch noch der direkt angrenzende Kanton Solothurn wegen des Mehrverkehrs in die Pläne. Seither herrscht zwischen den beiden Kantonen ein scheinbar unlösbarer Streit – selbst Verkehrsminister Albert Rösti (58) schaffte es nicht, erfolgreich zu vermitteln.
In Wettingen wird es aller Voraussicht nach nicht zu einem Schlagabtausch der Kantone kommen. Von Solothurn ist die Gemeinde weit entfernt – und zwischen der Zürcher Grenze und dem Bauland liegt eben das unzufriedene Würenlos. «Wir werden alle verfügbaren planerischen und rechtlichen Mittel ausschöpfen, um das Vorhaben zu verhindern», gab Gemeindeammann Anton Möckel (63) im «Badener Tagblatt» kund.
Landet das Projekt in Zürich?
Nur: Die Verkehrslast wird Würenlos damit nicht so rasch los. Sollte es in Wettingen nicht klappen, prüft Hitachi Energy aktuell eine Ansiedlung in Otelfingen ZH, der ersten Gemeinde nach der Kantonsgrenze. Den Wachstumsschmerz auf die andere Seite, in den Nachbarkanton, zu verlagern, scheint Würenlos jedoch die bessere Option – zum Erhalt der Aargauer Natur.
Doch während die Gemeinden wettern, sind sich die Parteien auf kantonaler Ebene einig: Die Ansiedlung ist für den Aargau eine grosse Chance. Selbst die SVP – Wortführerin beim Thema Dichtestress – ist mit dem Projekt einverstanden.
Und auch die kantonale SP gab den Plänen des japanisch-schweizerischen Energieriesen grünes Licht – trotz den lauten Bedenken von Naturschutzorganisationen. Die «aussergewöhnliche Chance», wie es etwa SP-Regierungsrat Dieter Egli (55) ausdrückte, will man sich im Durchfahrtskanton nicht entgehen lassen.