Darum gehts
Zum zweiten Mal ist Guy Parmelin (66, SVP) Bundespräsident. Er trifft andere Staatspräsidenten, er nimmt an vielen Anlässen teil, er repräsentiert die Schweiz. Was bleibt da in Erinnerung? Mit den Kolleginnen von Blick Romandie hat der Waadtländer SVP-Politiker zurückgeblickt auf wichtige und bewegende Momente. Ein Auszug mit vier besonderen Ereignissen.
Die Hot Mission im Kampfjet
2017 war Parmelin noch Verteidigungsminister. Da flog er in einer F/A-18 Maschine ab Payerne VD mit. «Ich bin ungefähr eine Stunde und 20 Minuten geflogen. Es war wirklich beeindruckend», erinnert er sich. Zuvor waren umfassende Vorbereitungen nötig. «Man macht einen Gesundheitscheck, man muss den Anzug anpassen und lernen, mit Sauerstoff zu atmen.» Der Flug sollte ihm schliesslich eine zusätzliche Überraschung bescheren. «Während wir in der Luft waren, wurden wir alarmiert. Wir mussten eine ‹Hot Mission› durchführen und ein Flugzeug identifizieren, das nicht erkannt worden war.»
Und wie hat der Bundesrat diesen Ausflug an Bord eines Kampfjets körperlich verkraftet? «Ich dachte, mir würde schlecht werden», sagt Parmelin. Doch er kam unbeschadet davon.
Putin-Biden-Gipfel: Amerikaner und Russen schauen auf jedes Wort
«Eine Erinnerung, die bleiben wird, ist der Biden-Putin-Gipfel», sagt Parmelin. Am 16. Juni 2021 empfing er als Bundespräsident US-Präsident Joe Biden und Russlands Machthaber Wladimir Putin in der Villa La Grange in Genf. «Ich war es, der die beiden Staatschefs empfangen hat. Es gab ein ganzes Protokoll, das wir einhalten mussten, und eine umfangreiche Sicherheitsproblematik.» Auch der Kontext war besonders. «Wir hatten das Land nach Covid gerade wieder etwas geöffnet und die Gesundheitsmassnahmen gelockert. Das war wirklich ein Höhepunkt meines Präsidialjahrs.»
Doch unter all den Bildern dieses historischen Tages kommt ihm ein ganz bestimmter Moment in den Sinn: seine Ansprache vor der Villa La Grange, vor einem Wald aus lauter Objektiven: «Da waren die Kameras aus aller Welt.»
Und für den Schweizer Präsidenten kam nicht infrage, nach Worten suchen zu müssen. «Ich musste meine Erklärung auswendig kennen. Das ist wie ein Gedicht. Man muss den Text zu 120 Prozent kennen, falls man vor dem Prüfer Lampenfieber bekommt.»
Im Rahmen des Gipfels ging es weniger um Lampenfieber als um die Anforderungen der beiden Grossmächte bei diesem historischen Treffen. «Meine Rede wurde mit den Amerikanern und den Russen Wort für Wort ausgehandelt. Ich durfte nicht davon abweichen oder improvisieren. Sie wurde auf Englisch und Russisch sehr präzise einstudiert.»
Kurz bevor Guy Parmelin ins Rampenlicht trat, zog er sich deshalb zurück. «Ich war im Hotel. Ich bat mein Team, hinauszugehen, um eine Stunde lang üben zu können, dann bin ich hingegangen. Sobald man vor den Kameras steht, legt man los und zieht es durch.»
Die Wahl in den Bundesrat
Am 9. Dezember 2015 wurde Guy Parmelin in den Bundesrat gewählt. «Wenn man das Ergebnis hört, gehört man von diesem Moment an nicht mehr sich selbst», sagt er.
Sofort beschleunigt sich alles. «Man kommt Sie holen, schiebt Sie nach vorn und gibt Ihnen Blumen.» Er bekommt kaum «20 Minuten Pause» mit seiner Familie und den Waadtländer Behörden, bevor er wieder in «den Medienwirbel» eintaucht. Protokoll und Anfragen folgen so schnell aufeinander, dass «wir erst nach all den Formalitäten gegen 16 Uhr essen konnten».
Schon in den folgenden Tagen muss ein völlig neues Leben organisiert werden. «Bei Ihnen zu Hause werden Alarmanlagen installiert, Ihre Telefone werden ausgetauscht, und man muss auf alle Glückwunschschreiben antworten.» Und vor allem muss ein Team aus persönlichen Mitarbeitern, dem Generalsekretär und dem Kommunikationschef zusammengestellt werden: «Das alles musste zwischen 9. Dezember und 1. Januar erledigt werden.»
Auch für seine Angehörigen markierte die Wahl das Ende eines anstrengenden Wahlkampfs. «Die Familie war froh, weil der Wahlkampf hart war. Man wühlt in Ihrer Vergangenheit.» Guy Parmelin sagt, dass Politiker lernen, damit umzugehen. «Wir haben ein dickes Fell. Aber für die Angehörigen kann es schwierig sein, zu sehen, wie der eigene Bruder, Freund oder Partner so kritisiert wird.»
Und wenn der Amtsantritt am 1. Januar kommt, lässt die politische Maschinerie keine Zeit für einen sanften Einstieg. «Man sagt Ihnen: ‹Dort geht es lang, Sie müssen los.› Und Sie müssen die Verantwortung übernehmen.»
Crans-Montana – «gegen das Vergessen»
Das Präsidialjahr von Guy Parmelin begann mit einem Schock: In der Nacht auf den 1. Januar 2026 kam es zur Brandkatastrophe in Crans-Montana VS. «Crans-Montana ist eine schwierige Erinnerung, die bleiben wird. Ich habe Familien getroffen, die ein Kind verloren haben», sagt Parmelin. Der Bundespräsident steht weiterhin mit einigen Familien in Kontakt. «Eine von ihnen hat mich sehr freundlich eingeladen. Ich konnte mich nach zwei jungen Frauen erkundigen, die in jener Nacht verletzt wurden.»
Die Folgen der Tragödie sind für den Bundespräsidenten anspruchsvoll: «Mit den Walliser und Waadtländer Regierungen steht der Bundesrat regelmässig in Kontakt, um Lösungen zu finden, die die Familien und die Opfer entlasten. Diese Familien sind mit Problemen und medizinischen Kosten konfrontiert, und jeder Fall ist anders», so Parmelin. «Man macht nie alles richtig, aber man versucht, so wenig wie möglich falsch zu machen. Die grösste Herausforderung, die wir haben, besteht darin, sie niemals zu vergessen.»
Neben den bewegenden Ereignissen erinnert sich Parmelin aber gern auch an ganz gewöhnliche Momente. «Eine wiederkehrende Erinnerung ist mein Kaffee am Sonntagmorgen mit meinen Freunden im Tearoom», sagt der Bundespräsident ganz bescheiden.