VOsnJNuXpbCx1B_poster.jpg
2:39
«I can English understand»:Das sind Parmelins Kult-Momente als Bundesrat

Adieu, Guy Parmelin!
Vom Mann mit dem Nateltäschli zum Krisenmanager

Guy Parmelin tritt zurück. Mit ihm verliert die Schweiz einen erfrischend uneitlen Bundesrat, der ausgerechnet dort auftrumpfte, wo es ihm die wenigsten zutrauten.
Kommentieren
1/18
Guy Parmelin tritt zurück.
Foto: Peter Klaunzer

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Guy Parmelin tritt als unprätentiöser SVP-Bundesrat ab.
  • Er prägte Wirtschaft, Corona-Krise und mehrere Handelsdeals
  • EU-Dossiers, Mieten und Brände überschatteten seine Bilanz
Weisses Viereck
Tobias BruggmannRedaktor Politik

In der Schweiz mag man keine Helden als Bundesräte. Bundesräte sind Menschen wie du und ich, mit etwas mehr Macht – oder eher Gestaltungsspielraum. Aber bloss nicht zu viel!

In diesem Sinne war Guy Parmelin (66) der perfekte Bundesrat. Ein Mann ohne Eitelkeiten, privat unterwegs in Kurzarmhemden und mit Nateltäschli am Gurt. Kein Porträt von ihm kommt ohne seine Rückenschmerzen aus, die Volkskrankheit von Herrn und Frau Schweizer. Fremdsprachen spricht Parmelin nur durchschnittlich, selbst an seiner Rücktritts-Medienkonferenz vermied es der Waadtländer tunlichst, auf Deutsch zu antworten.

Guy, wer?

Seine Wahl war für viele in der Deutschschweiz eine Überraschung. Guy wer? Im dritten Wahlgang durfte er die Nachfolge von Eveline Widmer-Schlumpf (70) antreten und landete im Verteidigungsdepartement. Dort brach er rasch das Projekt zur bodengestützten Luftverteidigung ab. Ein Fehler, wie die Finanzkontrolle später feststellte, für den er Kritik erntete.

Auch als er 2019 ins Wirtschaftsdepartement wechselte, blieb Parmelin unauffällig. Aber deswegen nicht weniger wichtig. Der gelernte Weinbauer nutzte seine Macht – pardon, seinen Gestaltungsspielraum – und unterstützte seine Bauern. Dies kritisierte zumindest Links-Grün. Gleichwohl trat er den Landwirten auch auf die Füsse, zumeist dann, wenn es um die Freihandelsabkommen ging. Von denen schloss er einige ab, unter anderem mit Indien, Thailand, dem Kosovo und den Mercosur-Staaten.

An seiner Seite Helene Budliger Artieda (61), der wohl wichtigste Personalentscheid in seiner Karriere. Er machte die hemdsärmelige Diplomatin zur Chefin des Staatssekretariats für Wirtschaft und liess ihr viel Freiraum bei Verhandlungen. Sie dankte es ihm mit guten Resultaten. Erst am Schluss seiner Amtszeit sollen sich die Beziehungen zwischen den beiden getrübt haben. Während Parmelin schon Ende Jahr geht, verlässt Budliger Artieda den Bund Ende März.

SVPler durch und durch

Parmelin war ein SVPler durch und durch. Dementsprechend dürfte er nicht traurig gewesen sein, als er 2021 nach Brüssel reiste und die Verhandlungen über das Rahmenabkommen beendete. Im Namen des Bundesrats natürlich. Als er in diesem Jahr wieder in die EU-Zentrale reiste, um den EU-Deal formell zu besiegeln, trug er einen dunklen Anzug und machte eine Miene wie bei einer Beerdigung. Ja nicht lächeln, schien er sich zu denken.

Gleichwohl hielt sich Parmelin ans Kollegialitätsprinzip des Bundesrats. Öffentliche Kritik an anderen Mitgliedern der Landesregierung gab es nie. Das zahlte sich während Parmelins Präsidialjahren aus. 2021 führte er die Schweiz als Landesvater durch die Corona-Pandemie. Die schwierigste Zeit, wie er an seiner Rücktritts-Medienkonferenz sagte. Läden durften nicht mehr öffnen, viele Firmen liefen auf dem Zahnfleisch. Parmelin orchestrierte Hilfsmassnahmen für die Unternehmen in Milliardenhöhe. «Wenn ich den internationalen Vergleich betrachte, glaube ich, dass wir ziemlich gut davongekommen sind.» Parmelin verteidigte auch hier loyal die Linie des Bundesrats, anders als Parteikollege Ueli Maurer (75).

Foto: DENIS BALIBOUSE

International gewann Parmelin an Profil. Er, der für seinen Ausspruch «I can English understand» sogar in der «New York Times» belächelt wurde, empfing in Genf den damaligen US-Präsidenten Joe Biden (83) und Russlands Präsidenten Wladimir Putin (73).

Als im August 2025 Donald Trumps (80) Zollhammer über die Schweiz niedersauste, war es an Parmelin, das zu korrigieren. Es gelang. Parmelin bog zurecht, was zurechtgebogen werden muss.

Mieten, die grosse Baustelle

Umso grösser sind die Probleme im Inland: Viele ächzen noch heute unter den hohen Mietpreisen. Parmelin reagierte wie so oft mit vielen runden Tischen, die wenig bis keinen Ertrag einbrachten. Darauf angesprochen, reagierte er bedröppelt: «Der Bundesrat macht eine Wohnpolitik im Sinne der Vermieter und der Mieter, nicht der Organisationen – damit ist alles gesagt.»

Überschattet wurde sein letztes Jahr als Bundesrat vom Brandinferno in Crans-Montana VS und dem Brand in Kerzers FR, an die er auch selbst erinnerte. Die beiden Ereignisse dürften niemals vergessen werden, sagte der abtretende Wirtschaftsminister.

Parmelin gelingt ein Rücktritt auf dem Höhepunkt. Etwas, was seinen Vorgängern Alain Berset (54) und Viola Amherd (64) nicht gelungen ist.

Jetzt hat Parmelin wieder viel mehr Zeit. In der will er sich Madame Parmelin widmen, die einige Opfer gebracht habe. «Und ich werde auf meinem Schreibtisch Ordnung machen müssen.» Wie so viele Schweizer eben.

Was sagst du dazu?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen