Darum gehts
- Gewalt gegen Frauen ist in der Schweiz verbreitet
- Im internationalen Vergleich ist Schweiz beim Frauenschutz schlecht aufgestellt
- Frauenhausleiterin fordert: Gesellschaft und Politik müssen endlich aktiv werden
Über der Klingel ist eine Kamera angebracht. Nach dem Läuten zoomt sie an die Besucherin heran. Einige Sekunden vergehen, dann wird die Tür entriegelt. Solche Sicherheitsmassnahmen seien leider nötig, sagt Nicole Rubli (55) entschuldigend. In der Vergangenheit sei es zu Vorfällen gekommen. Der gesicherte Ort ist die Fachstelle Vista in Thun BE und Nicole Rubli die Leiterin der Fachstelle und des Frauenhauses Thun/Berner Oberland.
Seit 18 Jahren ist Gewalt gegen Frauen Rublis Arbeitsalltag. In dieser Zeit hat die studierte Psychologin «alles gesehen». Sie weiss, gewalttätige Partner sind zu allem fähig. Deshalb sind die Adressen der Frauenhäuser geheim, werden die Handys der schutzsuchenden Frauen auf Sicherheit geprüft, damit sie nicht geortet werden können, und Besucher der Fachstelle müssen sich identifizieren, bevor sie eingelassen werden.
Der Fall des früheren Aargauer SVP-Grossrats Patrick F.* macht Rubli betroffen. F. ist angeklagt, weil er zwei seiner Partnerinnen und ein zum Tatzeitpunkt minderjähriges Mädchen betäubt und vergewaltigt haben soll. Aber sie ist nicht überrascht. Verschiedene Frauen, mit denen sie gearbeitet hat, haben Ähnliches erlebt. «Sie sind morgens aufgewacht und trugen andere Kleider als am Abend zuvor oder hatten Schmerzen im Unterleib, die sie sich nicht erklären konnten.» Mit Aufkommen des Onlinehandels ist es leichter geworden, an solche Drogen zu kommen.
Täter sind häufig Schweizer
Aufgrund der K.-o.-Tropfen fehle den Frauen jegliche Erinnerung. In den Fällen Pelicot, Patrick F. und zuletzt des Zürcher Frauenarztes gibt es Videomaterial der Vergewaltigungen. «Ohne solche Aufnahmen bleiben die Frauen mit den Vermutungen allein.» Entsprechend seien diese selten der Auslöser, warum Frauen Schutz suchten. «Meist sind solche Partner auch psychisch oder physisch gewalttätig, was schliesslich den Ausschlag gibt, Hilfe zu suchen.»
Aus ihrer Arbeit weiss Rubli: «Wir haben ein Problem mit Männergewalt. Die Schweiz will es nicht wahrhaben.» Sie und die Frauenhäuser kämpfen seit Jahren für mehr Geld von der Politik. Doch die bürgerlichen Parteien, allen voran die SVP, lehnen jeden Ausbau ab. Ihr Argument: Ohne Einwanderung gäbe es in der Schweiz weniger sexualisierte Gewalt. «Das ist Unsinn», sagt Rubli, «Gewalt gegen Frauen ist ein gesamtgesellschaftliches Problem.» Die Täter sind häufig Schweizer, die Opfer, die Schutz in Frauenhäusern suchen, sind hingegen oft Ausländerinnen. «Es bestehen häufig Abhängigkeitsverhältnisse.» In dieser Hinsicht sei der Fall Patrick F. durchaus typisch.
Nur Hälfte der Kantone hat Frauenhäuser
In Sachen Frauenschutz ist die Schweiz im internationalen Vergleich schlecht aufgestellt. In nur 13 Kantonen gibt es überhaupt Frauenhäuser. Während der Kanton Zürich vier hat, gibt es in den beiden Appenzell und Glarus gar keines. «Die Plätze reichen nirgendwo», sagt Rubli. In den drei Frauenhäusern des Kantons Bern gibt es 20 Zimmer. «Gemäss der Einwohnerzahl und den Richtlinien der Istanbuler Konvention müssten es 100 sein.»
Im Jahr 2025 wurden in der Schweiz 22'066 Straftaten im häuslichen Bereich registriert, vier Prozent mehr als im Vorjahr. 70 Prozent der Betroffenen waren Frauen. Allein im Kanton Bern suchten 271 Frauen und Kinder Schutz in Frauenhäusern. Nicht immer reichten die vorhandenen Plätze. Laut Rubli müsse dann auf Hotels ausgewichen werden. Diese seien weniger sicher. «Die Frauen werden dort leichter gefunden.»
Rubli hofft, dass die mediale Aufmerksamkeit zu einem Umdenken führt. Frauen wie Gisèle Pelicot und Iwona und Paula L., die mit ihren Geschichten an die Öffentlichkeit gehen, sind für Rubli Heldinnen. «Sie zwingen uns als Gesellschaft, hinzuschauen.» Sexualisierte Gewalt ist immer noch ein grosses Tabu. Die Schweizer Fachstellen gehen davon aus, dass zwei Drittel der Übergriffe nicht gemeldet werden. «Wir sehen nur die Spitze des Eisbergs – und schon diese Spitze ist erschreckend.»
* Name bekannt
Notfallnummer der Opferhilfe: 142 (rund um die Uhr)
Liste der Frauenhäuser Schweiz und Kontaktinformationen finden Sie hier.
Eine Liste aller Anlaufstellen der Opferhilfe finden Sie hier.
Notfallnummer der Opferhilfe: 142 (rund um die Uhr)
Liste der Frauenhäuser Schweiz und Kontaktinformationen finden Sie hier.
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