Darum gehts
Es ist ein fast normaler Samstagmorgen in Wil SG. Bundesrätin Karin Keller-Sutter (62) und ihr Ehemann Morten Keller (61) spazieren am Stadtweiher entlang. Nur das Sicherheitsaufgebot verrät, dass dieser Tag kein gewöhnlicher ist: Die Kantonspolizei überwacht den Weg am Ufer. Später wird die Finanzministerin den Hof zu Wil nach langer Sanierung feierlich einweihen. Sonst würde sie nicht mit Sicherheitsaufgebot durch ihre Heimatstadt gehen. «Ich bin immer noch eine von hier», sagt sie. «Die Leute lassen mich in Ruhe, weil sie wissen, wie mein Leben aussieht.»
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Wie stark sind Sie noch in Wil verwurzelt?
Karin Keller-Sutter: Mein Mann und ich sind Ur-Wiler. Es ist mir wichtig, jedes Wochenende nach Hause zu kommen, weil Bern schon eine eigene Welt ist – fast ein bisschen eine Blase.
Morten Keller: Ich bin 62 Jahre alt und war nie länger als zwei Wochen am Stück weg von Wil. Das sagt alles, oder? (lacht)
Herr Keller, wie hat sich Ihre Beziehung verändert, seit Ihre Frau im Bundesrat sitzt?
Morten Keller: Ich habe Karins gesamte politische Laufbahn von Anfang an miterlebt. Unsere Beziehung ist mit ihrer Karriere mitgewachsen. Als sie noch Regierungsrätin war, habe ich sie manchmal sogar gefahren, damit wir etwas mehr Zeit miteinander verbringen konnten. Heute geht das nicht mehr. Aber für mich ist das alles sehr bereichernd. Ich schaue auf die letzten 30 Jahre mit grosser Dankbarkeit zurück.
Sie haben vergangenes Jahr öffentlich über Ihre Panikattacken gesprochen. Wie geht es Ihnen heute?
Morten Keller: Mir ging es schon wieder gut, als ich das Interview gegeben habe. Die Reaktionen waren überwältigend – fast nur positiv. Meine Frau wusste übrigens zunächst nicht, dass ich damit an die Öffentlichkeit gehe. Ich hatte alles organisiert und es ihr dann erst gesagt.
Karin Keller-Sutter: Das war allein seine Entscheidung. Aber ich habe gemerkt, wie das vielen Menschen Mut gemacht hat. Über psychische Erkrankungen wird noch immer viel zu wenig gesprochen. Wenn der Mann einer Bundesrätin – der selber Arzt ist – offen über Panikattacken spricht, dann hilft das, ein Tabu zu brechen. Ich wurde auch in Bern von vielen Menschen angesprochen. Einige erzählten mir, dass sie selbst betroffen seien oder Kinder hätten, die darunter leiden.
Sie leben in einem Einfamilienhaus. War ein Eigenheim schon immer ein gemeinsamer Traum?
Karin Keller-Sutter: Ich bin in einem Haus aufgewachsen. Für mich war immer klar: Ich möchte einmal etwas Eigenes haben – ein Haus, um das man herumlaufen kann. So bin ich erzogen worden.
Heute können sich viele junge Paare diesen Traum kaum noch erfüllen. Was sagen Sie dazu?
Karin Keller-Sutter: Wir haben ebenfalls mit nichts angefangen. Wir hatten weder Vermögen noch eine Erbschaft.
Morten Keller: Wir hatten erst nach dem Hochzeitsfest etwas Geld: Die Leute haben uns gratuliert und Geld geschickt. Das war – in Anführungszeichen – unsere finanziell beste Zeit als junges Paar (lacht).
Karin Keller-Sutter: Heute ist es auch oft so, dass viele junge Menschen das Haus oder die Wohnung ihrer Eltern erben und übernehmen können.
Morten Keller: Ein Eigenheim zu erwerben, ist teurer geworden, klar. Die Frage ist aber auch: Wo will man wohnen? Müssen wirklich alle in Zürich oder Bern leben? Wer ins Toggenburg oder ins Appenzellerland geht, findet durchaus erschwingliche Häuser.
Wer kümmert sich bei Ihnen zu Hause um die Finanzen?
Karin Keller-Sutter: Seit ich im Bundesrat bin, macht mein Mann die Steuererklärung. Er ist pensioniert und hat etwas mehr Zeit. Wobei – so kompliziert ist das Ganze ja auch wieder nicht. Das Aufwendigste ist ohnehin, alle Unterlagen zusammenzutragen.
Morten Keller: Und ich habe den Ehrgeiz, jeweils gleich den ersten Termin einzuhalten. Bei mir gibts keine Fristenverlängerung.
Als Bundesrätin verdienen Sie 478'166 Franken jährlich. Investieren Sie Ihr Geld?
Karin Keller-Sutter: Wir stecken immer wieder Geld in den Unterhalt unseres Hauses. Und natürlich habe ich eine dritte Säule. Mir ist aber wichtig, unabhängig zu bleiben. Ich möchte nicht, dass jemand sagen kann, ich hätte einen Interessenkonflikt, weil ich Aktien einer Firma habe. Ausserdem hätte ich gar keine Zeit, mich darum zu kümmern.
Gegenüber den Schätzungen rechnet der Bund für 2027 bei der Gewinnsteuer mit rund 1,3 Milliarden Franken höheren Einnahmen. Das freut Sie sicher!
Karin Keller-Sutter: Die rund 1,3 Milliarden sind ein Bruttobetrag. Netto bleibt für den Bund etwas mehr als eine Milliarde übrig, weil rund 20 Prozent den Kantonen zugutekommt. Ein Grossteil der Mehreinnahmen geht auf eine Handvoll Unternehmen zurück. Das verschafft uns zwar Luft. Gleichzeitig zeigt es aber auch, wie volatil diese Einnahmen sind.
Dann sind wir von wenigen Unternehmen abhängig?
Karin Keller-Sutter: Zumindest können wenige Unternehmen einen grossen Einfluss haben. Das ist nicht unproblematisch. Grosse internationale Unternehmen können ihren Sitz oder einzelne Geschäftsbereiche jederzeit ins Ausland verlegen, wenn dort die Rahmenbedingungen attraktiver sind. Mit der Einführung der OECD-Mindestbesteuerung von 15 Prozent für Grossunternehmen haben wir einen Wettbewerbsnachteil in Kauf nehmen müssen. Deshalb werden andere Standortfaktoren umso wichtiger: eine funktionierende Infrastruktur, genügend Fachkräfte sowie politische, finanzielle und wirtschaftliche Stabilität. Das sind Vorteile der Schweiz.
Die 13. AHV-Rente ist immer noch nicht finanziert. Arbeitsverweigerung des Parlaments?
Karin Keller-Sutter: Das Parlament schlägt eine Teilfinanzierung über die Mehrwertsteuer vor. Meine Kollegin Elisabeth Baume-Schneider hat zudem bereits die Vernehmlassung für eine neue AHV-Reform eröffnet. Ich bin überzeugt, dass es eine grundlegende Reform braucht.
Kollege Ignazio Cassis streicht weitere 100 Millionen Franken bei der Entwicklungszusammenarbeit …
Karin Keller-Sutter: … die Entscheide zur internationalen Zusammenarbeit wurden im Rahmen des Entlastungspakets vom Bundesrat getroffen. Das Paket umfasst verschiedene Massnahmen– unter anderem in diesem Bereich. Es geht vor allem darum, Synergien zu nutzen und effizienter zu werden.
Warum wird dort gespart, wo sich die Betroffenen am wenigsten wehren können?
Karin Keller-Sutter: So sehe ich das nicht. Gerade in diesem Bereich gibt es in der Schweiz eine sehr starke politische Lobby.
In der Entwicklungszusammenarbeit? Bei den Ärmsten?
Karin Keller-Sutter: Der Bundesrat hat auch beschlossen, die humanitäre Hilfe zu stärken, also in diesem Bereich Aufstockungen vorzunehmen.
Wenn Ihre Kolleginnen und Kollegen Geld ausgeben wollen – sind Sie diejenige, die immer auf die Bremse treten muss?
Karin Keller-Sutter: (lacht) Das gehört tatsächlich zu meinen Aufgaben. Das Finanzdepartement muss dafür sorgen, dass die Steuergelder haushälterisch eingesetzt werden. Ich muss auch sagen: Ich spüre im Bundesrat viel Unterstützung. Alle wissen, wie wichtig solide Bundesfinanzen sind. Nur dank diesen sind wir in Krisen – wie bei Covid – handlungsfähig.
Trotz Sparkurs: Wo bleiben die Investitionen in die Zukunft?
Karin Keller-Sutter: Eigentlich haben wir gar nicht gespart. Mit Ausnahme der Landwirtschaft, deren Ausgaben stabil geblieben sind, sind sämtliche Staatsausgaben gewachsen – sei es in der sozialen Wohlfahrt, in der Bildung und Forschung oder im öffentlichen und privaten Verkehr. Mit dem Entlastungspaket haben wir das Wachstum lediglich etwas gebremst. Vor uns liegen grosse Herausforderungen. Mit «Verkehr 45» steht ein umfangreiches Infrastrukturprojekt bevor. Bei der IV wächst die Verschuldung, die AHV bleibt eine Baustelle. Der grösste finanzielle Brocken ist jedoch die Armee. In den kommenden zehn Jahren sollen sich hier die jährlichen Ausgaben von heute rund 6,5 Milliarden auf über 11 Milliarden Franken fast verdoppeln.
Und wie läuft das Powerplay mit der UBS hinter den Kulissen ab?
Karin Keller-Sutter: Der Bundesrat betreibt kein Powerplay. Unsere Aufgabe ist es, im Interesse des Landes zu vertreten. In der CS-Krise haben wir gemeinsam in den Abgrund geschaut und mit den Notmassnahmen enormen Schaden für die Schweizer Volkswirtschaft und damit die Bevölkerung verhindert. Wir haben daraus Lehren gezogen und Massnahmen vorgeschlagen. Die UBS soll ihre Auslandstöchter künftig vollständig mit Eigenkapital unterlegen. Es ist ein unternehmerischer Entscheid der UBS, in den USA zu wachsen. Für dieses Risiko können aber nicht die Steuerzahlenden geradestehen. Der Bund musste bereits zwei Mal eingreifen: 2008 bei der UBS und 2023 bei der Credit Suisse. Das darf sich nicht wiederholen. Der volkswirtschaftliche Schaden bei einem unkontrollierten Ausfall der Credit Suisse wurde auf rund 1400 Milliarden Franken geschätzt. Bei der UBS wäre er wahrscheinlich noch grösser. Das kann sich die Schweiz nicht leisten.
Wie verstehen Sie sich mit UBS-Chef Sergio Ermotti?
Karin Keller-Sutter: Mein direkter Ansprechpartner ist UBS-Verwaltungsratspräsident Colm Kelleher. Mit ihm war ich mehrmals in Kontakt. Aber ich möchte einen Irrtum korrigieren: Der Bundesrat verhandelt nicht mit einzelnen Unternehmen wie auf einem orientalischen Basar. Wir schlagen Gesetze vor, um Lücken zu schliessen, die für das Land gefährlich werden könnten. Danach folgt der demokratische Prozess mit gegebenenfalls einer Volksabstimmung. Das politische Gedächtnis ist leider kurz, das frustriert mich.
Hilft Ihnen das Boxen, Frust abzubauen?
Karin Keller-Sutter: Es tut mir gut. Wenn ich in Bern bin, gehe ich ein Mal pro Woche ins Training, Boxen ist der perfekte Ausgleich. Wir sitzen den ganzen Tag in Sitzungen oder am Schreibtisch. Da ist es wichtig, den Kopf freizubekommen und sich zu bewegen.
Herr Keller, steigen Sie auch mit Ihrer Frau in den Ring?
Morten Keller: (lacht) Nein. Ich schaue höchstens zu.